Es gibt Sportarten, in denen das Alter auch im Spitzenbereich eine untergeordnete Rolle spielt. Reiten zum Beispiel, Curling, auch Golf. Nicht, dass es dort nicht auch eine Relevanz besitzt, aber mit 30 Jahren befindet sich dort niemand im „gehobenen Sportleralter“. Das Gegenteil ist der Fall bei der Rhythmischen Sportgymnastik, beim Eiskunstlauf oder beim Turnen. Die vermeintlichen Gesetze des Alters aber können Oksana Chusovitina nichts anhaben – seit Jahren setzt die Usbekin, die einst für Deutschland antrat, diese außer Kraft.

Chusovitina ist ein Phänomen. Eine Ausnahmeathletin. Und die Grande Dame des Kunstturnens. Dass sie mittlerweile 51 Jahre alt ist, hält sie nicht davon ab, weiterhin gegen die oftmals 30 Jahre jüngere internationale Konkurrenz anzutreten, große Ziele zu haben und, wie das Fachportal „Inside Gymnastics Magazine“ berichtet, sich nun über die Weltcups für ihre 18. Weltmeisterschaften qualifiziert zu haben. Ausgetragen werden die Titelkämpfe vom 17. bis 25. Oktober in Rotterdam.

„Ich mache einfach das, was ich liebe – warum sollte ich damit aufhören?“, sagte Chusovitina vor ein paar Jahren. Geändert hat sich nichts daran. Bei den Weltcups in diesem Jahr belegte sie an ihrem Paradegerät Sprung zweimal den siebten und einmal den vierten Platz – 35 Jahre nach ihren ersten zwei von drei WM-Titeln, die sie 1991 in Indianapolis am Boden und mit der Mannschaft der damaligen GUS gewann.

Olympia-Silber für Deutschland und den Sohn

Die Zahlen ihrer Karriere sind beeindruckend: Chusovitina ist die erste Turnerin, die an acht Olympischen Spielen teilnahm. Bei ihrer Olympia-Premiere 1992 in Barcelona gewann sie Gold mit dem Team der GUS. 1996 in Atlanta, 2000 in Sydney, 2004 in Athen, 2008 in Peking, 2012 in London, 2016 in Rio und 2021 in Tokio – überall war sie dabei. Ihre einzige olympische Einzelmedaille, 2008 am Sprung erturnt, gewann sie für Deutschland. Und für ihren Sohn. „Diese Medaille“, sagte die damals 33-Jährige, „widme ich meinem Sohn Alisher. Sein Leben ist mein größter Sieg.“

Es war im Jahr 2002, als Chusovitina wegen der Leukämieerkrankung ihres damals drei Jahre alten Sohnes mit ihm hierherkam – in Usbekistan hätte er keine Überlebenschance gehabt. Durch viele Spenden war es ihr möglich, die Behandlung an der Kölner Universitätsklinik zu finanzieren. 2006 erhielt sie schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft, verlegte ihren Lebensmittelpunkt endgültig an den Rhein und trat für den Deutschen Turner-Bund an. Nach EM-Gold 2006 und Olympia-Silber 2008 gewann sie auch ihre letzte von elf WM-Medaillen für Deutschland – Silber im Sprungfinale 2011.

Mit Olympia-Silber belohnt: Oksana Chusovitina 2008 in Peking

Mit Blick auf die Behandlung ihres Sohnes und die Spenden dafür sagte sie in Peking: „Die Hilfe kam aus der ganzen Welt. Daher danke ich der ganzen Welt, aber besonders den Deutschen. Heute ist Alisher gesund. Er kann sich zum Glück an die schlimme Zeit kaum erinnern.“ Der „Bild“ erzählte sie damals zudem: „Man hat mir in Deutschland geholfen, als ich uns nicht helfen konnte. Jetzt will ich etwas zurückgeben. Deswegen ist dieses Olympia vielleicht nicht mein letztes.“ In ihrer Heimat habe man ihr den Wechsel der Staatsbürgerschaft nicht verübelt.

Die Spiele 2012 erlebte Chusovitina noch unter deutscher Flagge, seit 2013 tritt sie wieder für Usbekistan an und hat mittlerweile in Taschkent ihre eigene Sportschule aufgebaut.

Chusovitinas Ziel: die neunte Olympia-Teilnahme

Eigentlich sollte nach den Spielen von Tokio Schluss sein, doch nur wenige Monate später überlegte sie es sich anders. Das große Ziel von einer Olympia-Teilnahme 2024 in Paris verpasste Chusovitina jedoch – eine Verletzung machte ihr die letzte Chance auf eine Qualifikation zunichte. Kein Grund zum Aufhören, befand sie. Und kein Grund, sich nicht weiter hohe Ziele zu setzen.

Eine erstaunliche Frau: Oksana Chusovitina im Jahr 2026

„Mein oberstes Ziel ist es jetzt, nach Los Angeles zu kommen“, sagte sie im vergangenen Jahr Olympics.com. „Aber bis dahin ist noch so viel Zeit, deshalb denke ich nicht so weit voraus. Ich gehe Schritt für Schritt vor, von einem Wettkampf zum nächsten. Wenn es klappt, klappt es. Wenn nicht, dann eben nicht. Aber ich werde es versuchen und alles geben, was ich habe.“

Die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles wären ihre neunten – das gelang in der Geschichte bisher nur vier weiteren Athleten, davon drei Sportschützen und einem Reiter. Zwei von ihnen, der kanadische Reiter Ian Millar und die georgische Sportschützin Nino Salukwadse, kommen sogar auf zehn Olympia-Teilnahmen. Im Turnen aber ist Chusovitina nicht erst seit ihrem achten Start eine Ausnahmeerscheinung.

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