Am Samstag (15.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) in Leverkusen steht für den HSV die letzte Etappe der ersten Bundesliga-Saison nach dem Aufstieg an. 37 Punkte nach 33 Spieltagen, Platz elf. Die Rückkehr nach sieben Jahren in der 2. Liga verlief konstant, ohne großes Zittern. „Abgesehen vom Saisonstart hatten wir nie eine Phase, in der wir gedacht haben: Oh, jetzt brennt es richtig“, sagt Merlin Polzin.
Im WELT-Gespräch zieht der 35 Jahre alte HSV-Trainer seine persönliche Bilanz. Der schwere Start. Was ein Magier vor dem Spiel gegen den FC Bayern (2:2) in der Kabine bewegte. Warum der Klub einen goldenen Bilderrahmen kaufte. Wie Ex-HSV-Star Khalid Boulahrouz (44) seine Nachfolger heiß machte. Und warum Polzin mit den Legenden essen geht.
Frage: Herr Polzin, als Aufsteiger elf Punkte Vorsprung vor dem Relegationsplatz. An der Bilanz gibt es wenig zu meckern, oder?
Merlin Polzin: Es ist etwas Besonderes, was wir erreicht haben. Wir haben im vergangenen Sommer den Kader und die Spielweise stark verändert, mussten uns alles hart erarbeiten – deswegen bin ich richtig stolz auf das, was die Mannschaft und wir entwickelt haben. In Leverkusen wollen wir unbedingt noch mal gewinnen.
Frage: Der Start war nicht einfach. Derby-Pleite gegen St. Pauli (0:2), Platz 17 nach drei Spieltagen. Dazu kamen mit Luka Vuskovic, Fabio Vieira und Albert Sambi Lokonga drei Top-Stars erst nach Saison-Beginn.
Polzin: Am Anfang waren wir absolut unzufrieden. Da hatte ich mit Loic (Favé, Trainer-Kollege, die Redaktion) ein längeres Gespräch, weil wir nach der Vorbereitung und den ersten Spielen festgestellt haben – unabhängig vom Gewinnen oder Verlieren –, dass das gar nicht der Fußball ist, über den wir uns definieren wollen. Es war sehr statisch und wenig von dem, was wir jetzt zeigen. Erst nach einigen weiteren Wochen ging es in die richtige Richtung. Zum Beispiel haben wir am siebten Spieltag in Leipzig verloren. Zeitgleich haben wir da gemerkt: Wenn du so Fußball spielst, kann das in der Bundesliga auch funktionieren. Das zu spüren, war schon wichtig.
Frage: Der Fokus lag auf der Defensive. Ein klarer Kontrast zu den Zweitliga-Zeiten.
Polzin: Für uns war klar: Egal, was kommt, wir müssen erst mal gut verteidigen. Für uns war das alternativlos. Jetzt fühlen wir uns maximal bestätigt. Es gab natürlich auch Spieler, die haben gesagt: Wieso sollen wir was verändern, wir sind doch gerade aufgestiegen?
Zwei Garanten für das Erreichen der Saisonziele: Fabio Vieira und Luka Vuskovic (r.)Frage: Können Sie das näher erklären?
Polzin: In den ersten drei, vier Monaten hatten wir schon einige Besprechungen, wo es immer wieder darum ging, was unsere Basis ist. Die Jungs haben sich über Jahre darüber definiert, dass sie hinten kurz rausspielen. Aber auch im Champions-League-Halbfinale spielt man den Ball lang, wenn der Druck zu hoch ist. Es war ein richtiger Entwicklungsschritt mit der Mannschaft, eine Strategie zu entwickeln: Wann spielen wir von hinten kurz heraus, wann spielen wir lang? Wie gehen wir ins Spiel, wann verändern wir was?
Frage: Als es vor der Runde um das Saisonziel ging, lagen die Profis weit auseinander.
Polzin: In der zweiten Liga war das Ziel immer klar (Aufstieg, die Redaktion). Diesmal hat der eine Spieler gesagt: ‚Wir wollen nach Europa‘, und der andere: ‚Mir würde es auch reichen, wenn wir über die Relegation in der Liga bleiben.‘
Frage: Aus der großen Bandbreite entstand ein besonderes Saison-Motto.
Polzin: Wir wollten uns Momente erarbeiten, die wir in einen goldenen Bilderrahmen packen würden. Ich habe gerne ein Saison-Motto, das eine Orientierung liefern soll.
Magische Momente auf dem Platz und in der Kabine
In einem Antiquitäten-Shop wurde ein kleiner goldfarbener Bilderrahmen in DIN‑A5‑Größe gekauft. Der war anschließend immer dabei. Auch auswärts. In der Kabine im Volkspark hängt ein riesengroßer, goldfarbener Bilderrahmen von der Decke runter. Nach jedem Highlight-Spiel schmückte eine Collage aus Bildern sowohl den Spieler-Trakt als auch das Trainer-Büro. Nach besonderen Auftritten konnten die Spieler die Bilder mit nach Hause nehmen. Ein großer Tag war das 2:2 gegen Bayern (31.1.). Danach bekam jeder Profi ein Spiel-Foto von sich aus der Partie, dem Datum und dem Ergebnis.
In der Bundesliga setzt der FC Bayern seine Sieglos-Serie fort. Beim HSV aus Hamburg kamen die Münchner nicht über ein Zwei zu Zwei hinaus.Schon vor dem Bayern-Spiel hatte Polzin eine ganz besondere Idee. Er hatte sich das Spiel Wolfsburg – St. Pauli im Stadion angesehen, war auf der Rückfahrt. Der HSV-Coach überlegte: „Uns muss es gegen Bayern irgendwie gelingen, dass es ein magischer Abend wird. Wir müssen etwas schaffen, was eigentlich unmöglich ist. Was man nicht glaubt, aber was trotzdem geht.“
Die Trainer entschieden sich, den Hamburger Magier und Zauberer Elias Noro einzuladen. Knapp eine Stunde stimmte er die Profis zu Wochenbeginn auf den Kracher gegen Bayern ein. „Du siehst etwas und weißt, es geht eigentlich nicht. Aber – es passiert trotzdem“, sagt Polzin zu den Parallelen. Genauso präsentierte sich die Mannschaft ein paar Tage später gegen die Meister-Truppe um Harry Kane (32). Und lieferte eine Top-Leistung ab, über die Fußball-Deutschland staunte.
WM-Zweiter macht die HSV-Kabine heiß
Polzin und seine Kollegen sorgten immer wieder für besondere Momente. Der Cheftrainer lud jeweils zu passenden Spielen ehemalige HSV-Stars ein. Piotr Trochowski (42), Frank Rost (52) und Khalid Boulahrouz (44). Der WM-Zweite aus den Niederlanden machte die Profis mit seiner Ansprache richtig heiß. Wie in der vergangenen Saison lud Polzin auch wieder Legenden zum Essen ein, u.a. Horst Hrubesch (75), Manfred Kaltz (73), Harry Bähre (84), Sergej Barbarez (54) und Vahid Hashemian (49). „Ich möchte, dass diejenigen, die viel für den Verein geleistet haben, wissen, was wir machen“, erklärt der Trainer.
Die eine Saison geht am Samstag zu Ende. Zeit zum Zurücklehnen gibt es nicht. Die neue Serie wird mindestens genauso anspruchsvoll. Die Leih-Profis Luka Vuskovic (19, Tottenham) und Fabio Vieira (25, Arsenal London) waren Garanten für den Klassenerhalt. Sie kehren vermutlich nach England zurück, und der HSV braucht Ersatz. In den nächsten Wochen wird es um finanzielle Möglichkeiten und realistische Ziele gehen. Wie viel Geld ist für Verstärkung da? Kann man die Ziele damit wirklich nach oben schrauben? „Mir ist wichtig, dass das, was wir sagen und was wir machen können, auch zusammenpasst“, so der Coach.
Auch bei Polzin steht eine Entscheidung an. Der Trainer hat zweimal in Folge das Saisonziel erreicht. Sein Vertrag läuft noch ein Jahr. Nach dem Klassenerhalt heißt es in der Chefetage: Der neue Sportvorstand Kathleen Krüger soll über den neuen Polzin-Vertrag mitentscheiden. Es wird wohl erstes großes Thema der 40-Jährigen sein, wenn sie zum 1. Juli im Volkspark anheuert.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild“ veröffentlicht.
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