Didi Hamann hat (gemeinsam mit dem Journalisten Oliver Fritsch) ein Buch geschrieben: „Der Spielverderber“ (20. Mai, Goldmann Verlag, 18 Euro). In 45 Kapiteln stellt der 52-Jährige brisante Thesen auf. Warum 45 Wahrheiten? „Ich habe anfangs gar nicht gedacht, dass ich so viele zusammenbringe, aber es wurden immer mehr“, sagt der ehemalige Nationalspieler. „Mal sehen, wenn die Menschen die erste Halbzeit lesen wollen, liefere ich vielleicht noch eine zweite hinterher. Es gibt so viel zu besprechen im deutschen Fußball.“
WELT veröffentlicht vorab Auszüge. In Teil zwei geht es um eine kuriose Hamann-Anekdote mit dem damaligen Teamchef Rudi Völler – und um Hamanns Einschätzungen zur Nationalelf vor der WM. Eine Hamann-Wahrheit ist: „Exzellenz auf dem Platz erkennst du nur, wenn du selbst Exzellenz auf dem Platz erreicht oder gesehen hast.“
Er schildert in diesem Kapitel unter anderem eine lustige Anekdote unter Teamchef Völler 2002 bei der Nationalelf: „Eine Episode des Bundestrainers Völler werde ich nie vergessen. Wir flogen 2002 nach Japan zur WM. Ich kann im Flugzeug nicht einschlafen, noch heute nicht. Also ging ich, nachdem meine Mitspieler um mich herum die Augen geschlossen hatten, ein paar Reihen nach vorne. Da saßen ein paar Journalisten, ich gesellte mich dazu, wie in der Kneipe quatschten und tranken wir, vergaßen darüber die Zeit. Zwei Stunden vor der Landung sah ich Rudi auf uns zukommen.
Der Spielverderber von Didi HamannWollte er mir den verdienten Einlauf verpassen? Nein, er sagte bloß: ‚Didi, in zwei Stunden landen wir, es wird Zeit, wieder nach hinten zu gehen.‘ Ich merkte erst, als ich aufstand, dass ich einen sitzen hatte. Als ich zu meinem Platz zurückkam, brachte mir die Flugbegleitung sechs Becher Wasser. Rudi hatte sie bestellt. Er wollte mich nicht maßregeln, sondern verhindern, dass ich aus dem Flugzeug stolpere. Ich rechnete ihm das hoch an. Für mich war klar, dass ich das mit besonders großem Einsatz zurückzahle. Wir waren nicht die zweitbeste Mannschaft bei diesem Turnier, aber wir kamen ins Endspiel.“
„Nationalmannschaft befindet sich seit einem Jahrzehnt in historischem Allzeittief“
Er schreibt: „Deutschland gehört ins Endspiel. Ich kannte es lange gar nicht anders. Die Siebziger, Achtziger und frühen Neunziger waren die Höchstphase der deutschen Nationalmannschaft. Es kam noch eine Hochphase, in der Zeit nach 2006. Inzwischen hat Deutschland lange nichts mehr gerissen. (…) Ich liebe Mathematik und Statistiken, sie können viel aussagen. In unserem Fall: Deutschland befindet sich in einem historischen Allzeittief – seit 2018 oder, je nach Zählung, sogar schon 2016. Im Sommer 2014 besiegte Deutschland im Maracanã von Rio die Argentinier mit 1:0 und wurde Weltmeister. Jogi Löw wollte eine Ära prägen, sagte er damals, wie die Spanier, die zuvor drei Turniere am Stück gewonnen hatten.
Es kam anders. Bei der EM 2016 erreichte Deutschland noch mal das Halbfinale, was okay war. Seitdem nicht mal mehr das. Deutschlands Erfolge über die Jahrzehnte sind beeindruckend. Kein anderes Land stand so häufig im Endspiel einer WM. Kein anderes Land stand so häufig im Endspiel einer EM. (…) Selbst ich, der in einer Zeit für Deutschland spielte, die als Krise gilt, nämlich um die Jahrhundertwende, stand einmal im WM-Finale. 2002 gegen Brasilien, wir verloren 0:2. Wenn Michael Ballack damals nicht gesperrt gewesen wäre, hätten wir womöglich sogar gewonnen. Ich stand also in einem WM-Finale, allerdings gibt es ungefähr 60 andere Deutsche, die das von sich behaupten dürfen und noch am Leben sind.
In England gibt es davon nur noch einen: Geoff Hurst (der hat sogar gewonnen, und drei Tore hat er 1966 gegen uns auch noch geschossen). Nach dem Titelgewinn von Rio folgte jedoch der Einbruch. Wie die Trainer auch hießen, ob Löw, Flick oder Nagelsmann – seitdem fanden alle fünf Endspiele ohne Deutschland statt. (…) Und nach 2016 verpasst Deutschland immer das Halbfinale. Der traurigste Beleg für die deutsche Krise: Bis 2018 war Deutschland noch nie (!) in der WM-Vorrunde ausgeschieden, seitdem aber gleich zweimal hintereinander, in Russland und Katar. Unser Nimbus ist weg.
Deutschland schied bei der WM 2018 erstmals nach einer Vorrunde ausDie Highlights der Nationalelf nach dem sensationellen 7:1 gegen Brasilien kann man, selbst wenn man großzügige Maßstäbe anlegt, an zwei Händen abzählen: das Elfmeterschießen im EM-Viertelfinale 2016 gegen Italien, der Titel im zweitrangigen Confed Cup 2017, zwei Testspielsiege gegen Frankreich in jüngster Zeit und der 5:1-Sieg im EM-Eröffnungsspiel 2024 gegen Schottland. Das 6:0 gegen die Slowakei im November 2025, mit dem Julian Nagelsmanns Elf das Ticket für die WM 2026 löste, zähle ich auch dazu. Speziell die erste Halbzeit macht Mut für den Sommer 2026. Als Favorit gilt Deutschland jedoch vor dem Turnier unter keinen Umständen.“
„Mit diesem Kader wäre das Halbfinale bei der WM ein Erfolg“
Hamann schreibt: „Den ganz großen Wurf, den Titelgewinn, kann ich mir nur schwer vorstellen, das wäre eine Sensation. Schon das Halbfinale wäre ein Erfolg. Für mehr wird es nicht reichen, denke ich. Ein wichtiger Grund: Dem deutschen Kader fehlt die Weltklasse. Die Spieler, die das Zeug dazu hätten, haben ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft (was sich freilich ändern kann). Außerdem sind sich die vier Besten in ihrer Spielanlage zu ähnlich. Gehen wir die Einzelteile der Mannschaft durch: Oliver Baumann hat gutes Bundesliga-Niveau, aber trotz 36 Jahren ist er nahezu ohne internationale Erfahrung. In der Innenverteidigung haben wahrscheinlich Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah, die Abwehrchefs von Dortmund und Bayern, die Nase vorn. Dass sie gemeinsam ein Bollwerk bilden, haben sie aber noch nicht nachgewiesen. Auf den Außenverteidigerpositionen hat seit Philipp Lahm niemand vollends überzeugt.
Joshua Kimmich hat mir bei der EM 2024 dort gefallen. Damit sind wir beim größten Problem, dem zentralen Mittelfeld. Wir haben seit Jahren keinen defensiv denkenden Strategen. Das zu beurteilen, dazu fühle ich mich besonders berufen, denn die Sechs war mein Revier. In der Spielfeldmitte agieren oft die Unscheinbaren, aber dort wird die Balance des Spiels entschieden. Wer dort schwach aufgestellt ist, verliert die Kontrolle und gerät in die Defensive. Wer das Zentrum beherrscht, hat einen strategischen Vorteil. Auch Alexander Pavlovic ist eher ein Achter wie Leon Goretzka. Ich würde auf der Sechs jemanden vorschlagen, der erst wenige Länderspiele absolviert hat: Felix Nmecha. Er bringt etwas mit, das der Mannschaft insgesamt fehlt, und das ist Tempo und Dynamik (…) Am stärksten ist Deutschland vorne. Florian Wirtz, Kai Havertz, Jamal Musiala und Lennart Karl – diese Sammlung ist einmalig auf der Welt.“
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