Schon Sekunden vor dem großen, vor dem goldenen Erfolg, als Max Langenhan im Höllentempo auf seinem Schlitten Richtung Olympiasieg rast, feiert Felix Loch im Ziel seinen überragenden Teamkollegen. Dann reißt Langenhan die Arme hoch – es ist vollbracht. Was für eine Triumphfahrt! Der Weltmeister von 2024 und 2025, der in dieser Saison zwar sechsmal auf dem Podest, aber kein einziges Mal ganz oben stand, vollbringt im Zeichen der olympischen Ringe sein Meisterstück mit Bahnrekord in allen vier Läufen.
Loch, der kurz zuvor weinend in den Armen seines Vaters versunken war, verbeugt sich tief und ist als erster Gratulant bei Langenhan. Das deutsche Team rennt auf die Bahn, jubelt, feiert, herzt den Mann der Stunde – und Langenhan bleibt erst mal sitzen. Überwältigt von allem. „Geile Sau!“, sagt Loch. „Genieß es, genieß es!“ Dann steht der Gefeierte auf, mit Tränen in den Augen und verneigt sich vor den Zuschauern. Max Langenhan, 26 Jahre alt, Olympiasieger.
Sein nächster Weg führt ihn zu Freunden und Familie. Mehr Umarmungen, mehr Tränen. Nach dem Silber von Skirennfahrerin Emma Aicher zur Mittagszeit und Bronze durch die Mixed-Staffel im Biathlon holt Langenhan damit das erste Gold dieser Winterspiele für die deutsche Mannschaft. Nach der Siegerehrung, bei der er sich immer wieder Tränen aus dem Gesicht wischte, sagte er: „Ich würde diese Medaille gern in tausend kleine Stückchen teilen, weil so viele Leute einen Anteil daran haben. Und jetzt bin ich der einzige, der dieses Ding hat. Das fühlt sich irgendwie komisch an.“
Und Langenhan dachte im Augenblick des Triumphes auch an einen verstorbenen Menschen, der ihn geprägt hat. „Ich habe einen Trainer leider viel zu früh verloren, der sonst hier wäre. Uwe Lehmann war mein erster Trainer im Sportgymnasium, er ist viel zu früh beim Klettern verstorben.“ 2017 war das, im Alter von 59 Jahren.
Mit acht begann Langenhan mit seiner Sportart, jetzt ist er auf dem Olymp. Für die Athleten des Bob- und Schlittenverbandes, die Erfolgsgaranten Deutschlands bei Olympischen Winterspielen, ein Start nach Maß. Der Eiskanal, er könnte zu ihrer Goldgrube werden.
Dabei war es eigentlich Loch und nicht Langenhan gewesen, der hier als Favorit auf Gold gegolten hatte. Loch, der so stark in die Saison gestartet war wie lange nicht mehr und dann als Weltcupführender nach Cortina gereist war. Der 36-Jährige aber erlebte am Samstag und Sonntag bittere Momente, wurde am Ende Sechster. Silber ging an den Österreicher Müller vor dem Italiener Dominik Fischnaller. Der Chemnitzer Timon Grancagnolo wurde Neunter.
Langenhans Topleistung trotz Schmerzen
Für Langenhan, der bei den Winterspielen 2022 in Peking Sechster geworden war, ist es der größte Erfolg seiner Karriere. Dabei sah seine Welt am frühen Samstagmorgen noch wenig rosig aus: Der 26-Jährige wachte um 4 Uhr mit starken Nackenschmerzen auf, hatte sich im Schlaf verlegen. Ob er am Samstagabend bei den ersten beiden Läufen antreten kann, bezweifelte Langenhan. Schließlich muss er seinen Kopf beim Rodeln möglichst genau in aerodynamischer Position halten. Die Physiotherapeuten aber machten ihn zumindest so weit wieder fit, dass er es versuchte.
Das Resultat: zweimal Bahnrekord, 0,162 Sekunden vor Jonas Müller, dahinter Fischnaller. Grund zum Jubeln? Langenhan sah das anders. „Ich konnte nicht ordentlich starten. Die Startzeiten in den ersten beiden Läufen nerven mich schon ein bisschen“, sagte er. „Es war insgesamt okay, aber es hätte ja besser sein können.“
Felix Loch, der im ersten Lauf die Bande touchiert hatte und auch im zweiten kein hohes Tempo aufbauen konnte, lag da als Achter schon weit zurück. Ein Tag zum Vergessen für ihn, ausgerechnet bei den Winterspielen. „Es wollte einfach nicht, es gibt so Tage, solche Rennen. Schade, dass es gerade bei Olympia passiert“, sagte er und wollte erst mal ein Bier trinken.
Sonntagabend ging es für den 36-Jährigen genauso frustrierend weiter. Im dritten Lauf, direkt nach dem Start, berührte er die Bande, noch bevor er richtig auf dem Schlitten lag. Langenhan, die Betreuer und Trainer – sie alle starrten auf den Bildschirm und litten mit jenem Mann, der diesen Sport lange dominiert hatte und nach einer schwächeren Phase nun in dieser Saison doch eigentlich wieder stark gefahren war. Nach seinen Einzel-Olympiasiegen 2010 und 2014, seinem Drama von Pyeongchang 2018, als er im letzten Lauf von Rang eins auf fünf zurückgefallen war, sowie Platz vier 2022 in Peking wollte Loch noch mal olympisches Edelmetall gewinnen. Seine Frau und seine zwei Söhne waren angereist, fieberten und zitterten mit.
Als der 36-Jährige dann nach einem wirklich ordentlichen vierten Lauf vom Schlitten stieg, versuchte er ein Lächeln. Es gelang ihm – bis zu jenem Moment, als er seinen Vater Norbert sah. Der ehemalige Bundestrainer nahm seinen Sohn in den Arm, dann flossen Tränen. Ob dies seine letzten Olympischen Spiele waren? Ungewiss. Sicher ist aber, dass Loch seine Karriere fortsetzen wird.
Langenhans Nerven aus Stahl – viermal Bahnrekord
Als schließlich Langenhan seine Goldchance ergreifen wollte, kehrte auch bei Loch das Lächeln zurück. Es war alles angerichtet für Langenhans großen Moment: Als letzter Starter des olympischen Rodelwettbewerbs und damit als Führender nach drei Läufen, in denen er jeweils Bahnrekord gefahren war, stürzte er sich auf seinem Schlitten den Eiskanal hinunter. Nur einmal noch musste er eine exzellente Fahrt hinlegen, einmal noch 53 Sekunden – dann würde er den größten Erfolg seiner Karriere feiern können. Im Zielbereich versammelte sich die deutsche Mannschaft vor einem Bildschirm, an der Bahn und auf der Zieltribüne fieberten etliche deutsche Fans mit, darunter Langenhans Fanclub aus Thüringen und seine Familie.
Knapp drei Zehntelsekunden Vorsprung hatte er auf den Österreicher Jonas Müller – viel, doch nichts ist jemals sicher. „Der Max ist eine coole Socke“, sagte Bundestrainer Patrick Leitner nun. „Ich bin davon überzeugt, dass er es packt.“ Und Langenhan lieferte tatsächlich ab, als wäre Nervosität ein Fremdwort für ihn. Dann versank im Zielbereich alles im Jubel der deutschen Mannschaft.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie in Cortina. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
Stephan Flohr berichtet zwar auch über Fußball, aber zwischen Oktober und April über die beste Sportart der Welt: Eishockey – und zurzeit über die komplette olympische Wintersportwelt. Er ist bei den Winterspielen 2026 vor Ort in Cortina. Hier finden Sie seine Artikel.
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