Deutschland hat erstmals eine privat entwickelte Rakete mit Nutzlast in eine Erdumlaufbahn befördert. Der Start der Rakete Spectrum des Raketenneulings Isar Aerospace vom norwegischen Startplatz Andøya am Samstagabend war auch der erste erfolgreiche kommerzielle Raketenstart von europäischem Festland.

„Wir sind im Orbit! Und wir haben gerade europäische Geschichte geschrieben“, jubelte das 2018 gegründete Unternehmen auf der Plattform X kurz nach dem Start um 22:12 Uhr Ortszeit.

Es war der zweite Start der 28 Meter hohen Rakete nach einer anderthalbjährigen Pause seit dem Premierenflug im März 2025. Damals dauerte der Flug nur 30 Sekunden. Diesmal klappte offenbar alles. Nach rund sieben Minuten Flugzeit wurde über eine Flugbahn in 500 Kilometer Höhe berichtet. In einer Live-Übertragung konnte die Stufentrennung verfolgt werden.

Europa hinkt bisher bei der Raketenentwicklung hinter den USA und China zurück und beginnt nun, den Rückstand zu verkleinern.

Die Raumfahrtbranche wartete anderthalb Jahre auf den zweiten Flug der Rakete, der ursprünglich für Januar 2026 geplant war. Seitdem gab es mindestens fünf abgesagte Starttermine, wegen technischer Probleme, einem Fischerboot in der Sperrzone und ungünstigem Wetter.

Zuvor hatte der Isar-Aerospace-Chef noch die Erwartungen gedämpft

Der 34-jährige Isar-Aerospace-Chef Daniel Metzler hatte im Vorfeld des zweiten Flugs die Erwartungen gedämpft. Das Ziel der Mission mit dem Motto „Onward and Upward“ sei es, „signifikanten Fortschritt“ zu zeigen. „Dazu werden wir unsere Systeme erneut an ihre Grenzen bringen“, erklärte Metzler. Es gehe auch darum, Daten für weitere Fortschritte zu sammeln. Es handele sich um einen Qualifizierungsflug, bei dem kritische Systeme unter realen Betriebsbedingungen getestet werden. Erstmals waren als Nutzlast fünf Kleinsatelliten und ein Experiment an Bord.

Der Isar-Aerospace-Chef argumentierte, dass es auch dem Technologieunternehmer Elon Musk erst beim vierten Versuch 2008 gelungen war, seine erste Rakete in eine Umlaufbahn zu befördern. Doch jüngst schafften es mehrere chinesische Entwickler, dass ihre Raketenmodelle gleich bei den Premierenmissionen den Weltraum erreichten. Nunmehr erreichte die deutsche Spectrum-Rakete beim zweiten Anlauf dieses Ziel.

„Wir sind im Orbit!“ – Szene des Raketenstarts in Norwegen

Isar Aerospace und Daniel Metzler stehen aus mehreren Gründen unter enormem Erfolgsdruck. Zum einen werden dringend Startkapazitäten für immer neue und größere Satellitenkonstellationen gesucht. Europa möchte vor allem bei Militärprojekten unabhängiger von US-Raketen werden. Isar Aerospace ist angeblich bis 2028 ausgebucht. Zum anderen wollen die Geldgeber aber auch Erfolge sehen.

Zudem gibt es Fristen der europäischen Weltraumorganisation ESA zur Förderung neuer europäischer Raketen. Bislang stehen den Europäern nur die Trägerrakete Ariane 6 sowie das Vega-Modell zur Verfügung. Die Verträge der ESA im Projekt „European Launcher Challenge“ mit Isar Aerospace, dem deutschen Konkurrenten Rocket Factory Augsburg, der zum Bremer OHB-Konzern gehört, sowie zum spanischen Entwickler PLD Space sind an einen erfolgreichen Orbitalflug bis Ende 2027 gekoppelt. Alle drei Start-ups planen noch in diesem Jahr Raketenstarts.

Deutschland will bei Weltraum-Technologie aufschließen

Isar Aerospace sieht den erfolgreichen Flug des Spectrum-Modells als Auftakt für die industrielle Serienproduktion der Rakete, die in der ersten Ausbaustufe eine Tonne Nutzlast in eine niedrige Umlaufbahn befördern soll.

Derzeit nimmt Isar Aerospace Europas größte Raketenproduktionsstätte mit rund 40.000 Quadratmetern in der Nähe von München in Betrieb. Innerhalb von fünf Jahren soll die Produktion auf jährlich bis zu 40 Raketen hochgefahren werden. Aktuell wird bereits am siebten Raketenexemplar gearbeitet.

Der Platzhirsch in Europas Raketenbau, die Ariane Group mit Arianespace als dem Vermarkter der Schwerlastrakete Ariane 6, sieht die zahlreichen Neulinge im Raketengeschäft mit gemischten Gefühlen. Grundsätzlich sei es positiv, dass neue technische Möglichkeiten erkundet werden. „Ich sehe sie nicht wirklich als Konkurrenten, weil es sehr unterschiedliche Produkte sind“, sagte Arianespace-Chef David Cavaillolès in einem WELT-Gespräch auf der Luftfahrtmesse ILA im Juni in Berlin.

So kann die Ariane‑6-Rakete fast 22 Tonnen in eine niedrige Erdumlaufbahn befördern, während die Isar-Aerospace-Rakete nur eine Tonne schafft. „Es würde Dutzende von Starts brauchen, um das zu erreichen, was wir in einer Zwei-Stunden-Mission schaffen“, so der Chef der Ariane-Rakete. Er macht sich Hoffnung auf den Startauftrag für die Bundeswehr-Konstellation SATCom BW4 mit mindestens 100 Satelliten.

Cavaillolès warnt vor einer zu starken Fragmentierung des Raketenanbietermarktes. „Das Geld sollte nicht auf zu viele Spieler verteilt werden.“ Wenn erst in Jahren festgestellt wird, dass ein Anbieter nicht profitabel arbeitet, sei viel Zeit verloren, argumentierte er. Im Raketengeschäft gebe es mächtige Konkurrenten aus den USA und China, da sollte es keinen Wettbewerb etwa Frankreich gegen Deutschland oder gegen Italien geben.

„Ich denke, ein einziges europäisches Land kann nicht viel tun. Wir haben wirkliche Riesen vor uns“, sagte der Arianespace-Chef, und fuhr fort: „Wenn ich mir vorstelle, dass wir in Europa in einem Markt, der zehnmal kleiner ist als der der USA, fünf oder zehn Raketenanbieter tätig sein könnten, glaube ich das überhaupt nicht.“ Aus technischen oder finanziellen Gründen werden nicht alle der 15 oder 20 europäischen Kleinraketenentwickler überleben, gab sich Cavaillolès überzeugt.

Die neue Superrakete Starship von Elon Musk, die eines Tages 200 Tonnen Nutzlast in eine Erdumlaufbahn befördern soll, sah der Arianespace-Chef nicht als tiefgreifende Bedrohung. Eine Rakete sei keine austauschbare Ware. Der Preis sei „nicht der entscheidende Faktor“. Es gehe auch um Europas souveränen Zugang zum Weltraum, um Verlässlichkeit und Sicherheit.

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