Früher musste Maria Riesch immer irgendwohin. Zur Schule. Zum Skitraining. Zum Konditionstraining. Zum Tennis. Zum nächsten Rennen. Zum nächsten Sieg. Selbst im Urlaub war ihr Kopf schon wieder beim Training. Heute sitzt Maria Riesch zum Interview in Kitzbühel in der Sonne und muss niemandem mehr etwas beweisen.
Dreimal wurde sie Olympiasiegerin, gewann den Gesamtweltcup, 27 Weltcup-Rennen und fast alles, was eine Skirennfahrerin gewinnen kann. Doch wenn man die 41-Jährige heute erlebt, wirkt es, als hätte sie etwas gefunden, für das es keine Medaille gibt: Leichtigkeit. „Jetzt passt einfach alles für mich irgendwie“, sagt sie. „Es ist alles gut, wie es ist.“ Sie lacht viel. Reist. Genießt. Und sie ist frisch verliebt. Riesch kann sogar faul sein, jedenfalls nach ihren Maßstäben. Und sie heißt wieder Maria Riesch.
Zumindest für die Öffentlichkeit. „Im Pass steht noch immer der Name meines Ex-Mannes Marcus Höfl. Da heiße ich Höfl-Riesch. Offen gesagt, ist es mir ein bisschen zu aufwendig, das alles ändern zu lassen. Das ist ja nicht nur der Pass, sondern überall, wo man mit seinem Namen registriert ist.“ Dann lächelt sie: „Aber in der Kommunikation heiße ich Maria Riesch. Wieder zurück zu den Anfängen.“
Schulabbruch? Rieschs Eltern sagten „Nein“
Mit zehn Jahren bestand ihr Leben bereits aus einem Stundenplan, bei dem andere Kinder vermutlich gestreikt hätten. Nach der Schule wartete ihre Mutter im Auto. Die Skisachen lagen schon bereit. „Dann wurde noch schnell die Brotzeitbox mit dem Käsebrot im Auto gegessen. Kurz vor eins war die Schule aus, um halb zwei mussten wir die Gondel erwischen.“ Skifahren bis halb fünf. Manchmal danach noch Tennistraining. Dann Hausaufgaben, Abendessen, Bett.
„Wir haben das geliebt. Es war für uns kein Zwang oder Druck.“ Als Maria in der elften Klasse die Schule abbrechen wollte, weil sie bereits Weltcup-Rennen fuhr, sagten Eltern und Trainer „Nein“. Heute ist sie dankbar, dass ihre Eltern hart blieben. „Ich habe das Abitur zwar eigentlich nie gebraucht. Aber ich war später zwei Jahre schwer verletzt. Da hätte es sein können, dass das mit dem Sport nichts mehr wird.“
Olympischer Triumph: Riesch gewinnt bei den Spielen 2014 Gold in der Super-KombinationEs gab in dieser durchgetakteten Kindheit aber auch einen Ort, an dem nichts gewonnen werden musste. Bei Oma und Opa. Der Opa machte draußen ein Lagerfeuer. Mit Oma spielte sie bis spätabends Canasta. Schließt Riesch heute die Augen, riecht ihre Kindheit „nach Semmelschmarrn“, erinnert sie. „Eine Art Kaiserschmarrn aus Weißbrotsemmeln. Den hat meine Oma gemacht. Seit sie gestorben ist, habe ich ihn nie mehr gegessen.“ Die Oma wurde 97, starb 2016. Sie erlebte alle großen Triumphe ihrer Enkelin. „Sie hat immer im Fernsehen mitgefiebert.“
Mit 29 hörte Maria Riesch auf. Nach 13 Jahren Weltcup. Und flog danach nach St. Barth in der Karibik. Sie war auch während ihrer Karriere an wunderschöne Orte gereist. „Aber Urlaub war nie wirklich Urlaub gewesen. Ich war mit dem Kopf immer schon wieder beim Training. Ich passte auf, dass ich mich bloß nicht gehen lasse, keine Kilos zunehme und jeden Tag Sport mache. Weil ich wusste: Wenn ich nach Hause komme, geht es sofort wieder voll los.“
Heute spricht Riesch als Rednerin über Resilienz
St. Barth war anders. „Das war das erste Mal, dass ich richtig entspannt war und abschalten konnte. Das konnte ich früher nie.“ Hier begann die zweite Karriere der Maria Riesch. Nicht als Sportlerin. Als Frau. Heute, rund zwölf Jahre später, hat sie sich in diesem Leben eingerichtet. Sie arbeitet als Rednerin und hält Keynotes über Durchhaltevermögen, Resilienz und Niederlagen.
Frisch vermählt: Maria Höfl-Riesch und Marcus Höfl nach der kirchlichen Trauung 2011Auch privat hat Riesch ihr Leben neu sortiert. Im August 2024 gaben sie und Sportmanager Marcus Höfl nach 13 Jahren Ehe ihre Trennung bekannt, im Januar 2025 wurde die Ehe geschieden. Beide sind beruflich bis heute miteinander verbunden. Riesch sagt über ihre Ehe: „Leider sind wir gescheitert, obwohl es viele Jahre gar nicht danach ausgeschaut hat. Aber nach meiner Karriere haben sich unsere Leben in zu unterschiedliche Richtungen entwickelt.“
Und dann kam Johann Schrempf. Eigentlich war er längst da. Maria kannte den Kreuzfahrt-Manager seit vielen Jahren. Sie mochten sich, waren befreundet. Mehr nicht. Beide waren verheiratet. Bis sich ihre Lebenswege veränderten. „Er hat irgendwann gesagt, dass er mich schon immer toll fand. Ich habe gesagt: ‚Ich fand dich ja auch schon immer toll.‘“
Neues Glück: Riesch mit Johann Schrempf bei den Laureus-Awards 2026Heute ist Riesch 41, Schrempf 66. Ob sie sich anfangs Gedanken über den Altersunterschied machte? „Ein bisschen schon.“ Und heute? Riesch strahlt. „Johann ist sehr jung geblieben, sportlich, und noch voll im Job.“ Sind Sie verliebt, Maria? „Ja.“ Hochzeitspläne? „Wir reden da schon drüber, aber im Moment ist noch nichts geplant.“ Würde sie noch einmal Ja sagen? Sie lacht. „So weit sind wir noch nicht.“
Wer sie erlebt, spürt, dass diese Beziehung etwas zu ihrem Leben hinzufügt, ohne Mittelpunkt sein zu müssen. Denn die neue Leichtigkeit hat sich Riesch selbst erarbeitet. „Während meiner Skikarriere war ich nie entspannt. Heute ist diese Unruhe weg. Jetzt passt einfach alles für mich.“
Riesch: „Zufrieden und glücklich? Ja. Das bin ich auf jeden Fall“
„Während meiner aktiven Karriere dachte ich: Wenn ich irgendwann mit dem Skifahren aufhöre, will ich schon eine Familie haben.“ Doch nach dem Karriereende kam etwas anderes. „Ich hatte so eine Freude an dieser neuen Freiheit. Erst dachte ich: ‚Wahrscheinlich dauert es ein paar Jahre, bis der Mutterwunsch kommt.‘ Aber er kam nicht.“ Bis heute muss sie sich dafür rechtfertigen. „Ich finde es fast schon unverschämt, wenn jemand fragt: ‚Hast du Kinder?‘ – ‚Nein.‘ – ‚Wieso denn nicht?‘“
Bei ihr sei die Antwort einfach: „Ich wollte keine. Aber es gibt ja auch Frauen, bei denen es nicht geklappt hat und denen es vielleicht schwerfällt, darüber zu sprechen. Deswegen finde ich: Diese Frage könnte man sich einfach sparen.“ Ihre Mutter sagt manchmal, sie werde es irgendwann bereuen. Riesch schüttelt den Kopf. „Ich glaube es, offen gestanden, nicht.“
Sie liebt die Kinder ihres Bruders. „Die sind zuckersüß.“ Und fügt lachend hinzu: „Aber ich bin dann auch froh, wenn ich wieder für mich bin. Oder mit Johann allein.“ Auf die Frage, worauf sie stolz ist, wenn man all die Medaillen und Pokale einmal weglässt, muss sie nicht lange überlegen. „Darauf, dass ich nach meiner sportlichen Karriere mein Leben so gut geordnet habe und wirklich gelöst und entspannt sein kann. Das schafft nicht jeder. Darauf bin ich stolz.“
Am nächsten Morgen muss Riesch früh raus. Um 6.45 Uhr geht der Flieger. Sie und Schrempf reisen nach Spitzbergen, anschließend geht es auf ein Expeditionsschiff. Winterklamotten statt Sommerkleid. „Früher bedeutete Kälte für mich: Training, Wettkampf, Leistung. Diesmal ist es einfach nur eine spannende Reise mit meinem Johann. Ich freue mich sehr darauf.“ Fragt man Maria Riesch heute, ob da gerade die beste Version von ihr sitzt, winkt sie, typisch Maria, erst einmal ab. „Die Beste weiß ich jetzt nicht. Ich könnte momentan ein bisschen mehr Sport machen“, sagt sie und lacht. Dann wird sie ernst. „Aber zufrieden und glücklich? Ja. Das bin ich auf jeden Fall.“
Der Text wurde zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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