Carina Witthöft aus Wentorf bei Hamburg galt lange als eine der größten Hoffnungen des deutschen Damentennis. Ihren größten sportlichen Erfolg feierte sie 2017 mit dem Gewinn des WTA-Turniers in Luxemburg. Anfang 2018 erreichte sie mit Platz 48 ihre beste Position in der Weltrangliste. Weitere Erfolge kamen aber nicht hinzu.
Überraschend beendete Witthöft, die bei allen vier Grand-Slam-Turnieren am Start war, bereits im Alter von 23 Jahren ihre Profikarriere, auch wenn sie es nicht offiziell aussprach. Sie wollte den Druck und die Ängste loswerden, die im Profizirkus zu ständigen Begleitern geworden waren. Dem Tennis ist sie dennoch verbunden geblieben und sieht auch ihre berufliche Zukunft in dem Sport. Derzeit zählen aber andere Dinge, wie sie im Interview berichtet.
Frage: Sie haben im Januar 2019 in der Qualifikation für die Australian Open Ihr letztes Match als Profi bestritten. Was machen Sie heute?
Carina Witthöft (31): Ich bin Mutter von zwei Kindern, das ist im Grunde schon ein Fulltime-Job. Ich versuche, ein bisschen zurück ins Tennis zu kommen und den Leuten zu erklären, wie der Zirkus wirklich läuft.
Frage: Konkret heißt das, Sie wollen Influencerin werden?
Witthöft: Ich möchte Tennis-Insiderwissen vermitteln. Zu ein paar Turnieren reisen, hinter die Kulissen blicken. Also: Wenn man das als Influencen bezeichnen möchte, dann ja. Aber wenn die Kinder mal größer sind, würde ich gern auf der Tennisanlage meiner Eltern einsteigen.
Frage: Sie waren die Nr. 48 der Welt, haben dann mit 23 aufgehört. Haben Sie Ihr frühes Karriereende je bereut?
Witthöft: Nein, nie! So, wie die Umstände waren, war das einfach der richtige Weg und ich habe zu dem Zeitpunkt gar keinen anderen Ausweg gesehen. Ich war mental so angeschlagen, dass ich gar nicht hätte weiterspielen können. Es ging nicht. Ich hatte eine kleine Verletzung nach der anderen. Mein Körper hat mir glasklare Zeichen gegeben, dass Leistungssport nicht das ist, was gerade für mich das Beste ist.
Witthöft 2018 bei einem WTA-EventFrage: Wann war Ihnen klar: „Das war es“?
Witthöft: Ich hatte in Australien den übelsten Hexenschuss einen Tag vorm Match und musste dann aufgeben. Dann hatte ich ganz viel mit dem Knie zu tun, mit der Patellasehne war es ganz akut. Als ich dann nach Hause kam und wusste, in der nächsten Woche steht kein Turnier an, hat sich das total beruhigt. Da wurde mir klar: Das ist so eine Kopfsache. Dieser krasse Druck hat sich gefühlt immer mehr aufgestaut, bis ich am Ende kaum noch einen Schläger halten konnte.
Frage: Woher kam dieser Druck?
Witthöft: Den habe ich mir am Ende wahrscheinlich hauptsächlich selber gemacht. Ich hatte regelrecht Ängste auf dem Platz. Vorm Verlieren, dass ich nicht gut genug bin. Ich stellte mir die Frage auch: Vor was? Es kann ja nichts passieren. Das Schlimmste wäre, dass man 0:6, 0:6 verliert. Aber für mich war es, als würde es um Leben und Tod gehen. Es war wirklich richtig schlimm, sodass ich einfach nicht mehr spielen wollte. Sonst hätte ich nicht aufgehört. Unter diesen Umständen war das also der einzige richtige Weg für mich. Deswegen kann ich gar nicht von Bereuen sprechen, weil ich gar keine andere Wahl hatte.
Frage: Wie hat sich die Angst geäußert?
Witthöft: Ich habe ganz schlecht geschlafen. Es war eine dauerhafte Anspannung. Als hättest du eine Prüfung in der Schule, vor der du Schiss hast. Erst, wenn es geschafft ist, bist du entspannt. Aber die Schule ist als Vergleich zu lächerlich. Das hier war viel größer.
Frage: Hätten Sie aus heutiger Sicht im Vorfeld Sachen anders machen müssen?
Witthöft: Ja, ich hätte viel mehr auf meine Mutter hören sollen, weil sie immer gesehen hat, was für mich gut ist. Ich habe mich viel zu viel von außen beeinflussen lassen. Mir wurde nahegelegt, ein richtig professionelles Team aufzubauen mit Trainer und Hittingpartner, aber das war einfach für mich nicht das Richtige. Mit 18, 19, 20, 21 hat man jedoch nicht diese Stärke zu sagen: „Ey, ich scheiß auf das, was ihr da alle sagt.“
Frage: Sie haben nach dem Ende ihrer Profikarriere mit Ihrer Schwester Jenny noch Bundesliga gespielt. Machen Sie das noch?
Witthöft: Im Mai habe ich mir bei einem Spiel die Achillessehne gerissen. Aber grundsätzlich spiele ich noch, weil mir Tennis unfassbar viel Spaß bringt. Auch Wettkämpfe. Aber ich brauchte echt zwei, drei Jahre, bis ich ein richtiges Match spielen und es auch genießen konnte.
Frage: Serena Williams hat zuletzt mit 44 ihr Comeback gegeben. Könnte es Sie in den kommenden 13 Jahren auch noch mal jucken?
Witthöft: Tatsächlich nicht. Ich habe darüber nachgedacht, aber für mich ist der Zug einfach abgefahren. Alles hat seine Zeit. Ich würde auch wieder auf die Tour gehen, wenn ich jetzt noch mal jung wäre. Aber mit zwei Kindern und dem Familienleben ist das richtig und gut so.
Frage: Sie haben nie offiziell Ihr Karriereende verkündet.
Witthöft: Weil ich dachte, dass ich das schaffe. Aber das hat tatsächlich eine Weile gedauert, bis ich da wirklich wieder auf dem Tennisplatz stehen konnte und vom Kopf her frei war.
Frage: Wem haben Sie als Erstes gesagt, dass es vorbei ist?
Witthöft: Ich glaube, meinen Eltern war das schon klar, als ich meinte: „Ich mache die Pause.“ Die sollte es ja anfangs auch nur sein. Ich hatte auch einen Comeback-Versuch bei einem ITF-Turnier. Aber auch da habe ich kurz vorher gemerkt: Es tut mir nicht gut. Es war so, als würde sich mein ganzer Körper dagegen sträuben, zu so einem Turnier zu fahren. Das war verrückt.
Frage: Wie geht es Ihnen heute?
Witthöft: Ich habe richtig zu mir selbst gefunden. Meine Persönlichkeit hat sich auch verändert. Mir haben viele gesagt, dass ich viel, viel glücklicher wirke, viel offener mit anderen Menschen umgehe.
Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in BILD.
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