Bei Frederik Ruppert läuft es – im wahrsten Sinne des Wortes. Und das schon seit geraumer Zeit. Im Vorjahr hatte er beim Diamond League Meeting in Rabat seine Bestzeit über 3000 Meter Hindernis um fabelhafte 13,6 Sekunden auf 8:01,49 Minuten verbessert. Damit lag er beinahe acht Sekunden unter dem seit 1999 bestehenden Landesrekord.
In diesem Frühjahr unterbot er in der Hauptstadt von Marokko seine Bestmarke noch einmal um mehr als drei Sekunden auf 7:57,80 Minuten. Als erster Europäer knackte er die Acht-Minuten-Marke. Am Sonntagabend nun um 21.50 Uhr soll sein famoser Run die vorläufige Krönung erfahren.
Bei den Europameisterschaften im Alexander Stadium von Birmingham geht Ruppert über seine Paradestrecke als Favorit ins Finale. Diese Rolle nimmt der 29-Jährige auch ohne Wenn und Aber an. „Genau das ist meine Erwartungshaltung. Ich bereite mich auf Gold vor“, sagt er selbstbewusst und in dem Wissen, dass einer seiner ärgsten Rivalen das gleiche Nationaltrikot trägt wie er.
Karl Bebendorf, 30, vom Dresdner SC, mit dem Ruppert befreundet ist, liegt in der europäischen Jahresbestenliste hinter ihm auf Rang zwei. Der Sachse steigerte sich in dieser Saison auf 8:05,55 Minuten und feierte damit unlängst einen bemerkenswerten Sieg beim Diamond-League-Meeting in Paris.
Der Deutschland-Express: Frederik Ruppert führt das Feld an, neben ihm Karl BebendorfUngeachtet dessen, wie sich das Finalrennen gestaltet, glaubt Ruppert, für jede Taktik gewappnet zu sein. „Ich denke, dass ich auf alles, was der Lauf bieten wird, eine Antwort haben werde“, sagt der seit Oktober 2023 unter Isabelle Baumann trainierende Rheinländer. Sein Wechsel zur Ehefrau von Dieter Baumann, dem Olympiasieger über 5000 Meter von 1992, gab ihm die entscheidenden Impulse für seine Leistungsexplosion.
Ausgelöst wurden sie durch eine neue Trainingsmethodik, die sich Double-Threshold-Training – übersetzt Doppelschwellen-Training – nennt. Sie wurde durch Jakob Ingebrigtsen, den Olympiasieger über 1500 und 5000 Meter aus Norwegen, bekannt.
Ruppert über sein Training: „superlangweilig, aber effektiv“
Bei der Methode werden täglich zwei Einheiten mit hohen Laufumfängen trainiert. Durch die Aufteilung ist es möglich, lange in intensiven Belastungsbereichen zu laufen, ohne den Körper zu überfordern. „Ich arbeite häufig im Pulsbereich von 165 bis 170 Schlägen pro Minute, obwohl mein Maximalpuls bei etwa 185 liegt“, sagt Ruppert.
Statt sich in einer harten, erschöpfenden Tempoeinheit zu verausgaben und danach eine lange Regeneration zu benötigen, kann man mit einem Double-Threshold-Training mehr Kilometer nahe dem Wettkampftempo laufen.
Etwa 160 Kilometer spult Ruppert jede Trainingswoche ab. Sein Training, sagt er, sei superlangweilig, aber effektiv.
Weitere Faktoren für den Leistungsschub nicht nur bei Ruppert, sondern auch bei anderen deutschen Läufern wie Florian Bremm, 25, der in Birmingham über 5000 Meter auf den Silberrang lief, sind eine hochwissenschaftliche Belastungssteuerung und Ernährung, aber auch das Material, sprich, die neue Generation der Laufschuhe.
Die dabei im Schuh integrierten Carbonplatten sorgen für eine Versteifung des Zehengelenks. So kommt es zu einer Energieeinsparung beim Laufen. Zudem ermöglichen spezielle Dämpfungs-Schaumstoffe eine Energierückgewinnung. Dadurch ist es möglich, bis zu vier Prozent schneller unterwegs zu sein.
Den größten Unterschied mache aber der „Glaube an das eigene Können“, betont Isabelle Baumann, die auch als Bundestrainerin fungiert. Sinnvolles Training sei dafür die Voraussetzung. Deshalb ist es auch kein Problem, dass Ruppert, der aus Aachen stammt, jetzt mit seiner Familie in Kerpen lebt und Baumann ihre Wirkungsstätte 400 Kilometer entfernt in Tübingen hat. „Fühlt sich der Athlet dabei wohl, ist es okay, dass wir uns nicht ständig sehen“, sagt die Trainerin, die ihren Schützling noch längst nicht im Zenit seines Könnens sieht.
Rupperts großes Ziel: eine Medaille 2028 in LA
Ungeachtet diverser Weiterentwicklungen zur Leistungsoptimierung werden Ruppert gegenüber aber auch Stimmen laut, die fragen, ob angesichts seines verblüffenden Leistungsaufschwungs alles mit rechten Dingen zugeht. Er entgegnet darauf, dass der Argwohn von Leuten geäußert werde, die nicht aus der Szene seien. „Wir sind doch quasi gläserne Athleten“, betont Ruppert.
Die Nationale Antidopingagentur überwache ihre Spitzenathleten auf Schritt und Tritt, teilweise viel strenger als das in anderen Ländern gehandhabt werde. Von sechs Uhr bis 23 Uhr können jederzeit und überall Dopingkontrollen unangemeldet erfolgen. „Wir müssen angeben, wo wir uns aufhalten – das gilt für jeden Tag. Innerhalb einer Stunde müssen wir für die Tester erreichbar sein.“
Hat viel vor: Frederik RuppertRuppert ist es auch wichtig, mit einem altbekannten Klischee aufzuräumen – und zwar, dass die Europäer eine genetische Benachteiligung gegenüber den Läufern vom afrikanischen Kontinent hätten. „Das stimmt nicht“, entgegnet er vehement. Die Zeiten, in denen vor allem Ausdauerathleten aus Kenia und Äthiopien die Mittel- und Langstrecken dominierten, seien aus seiner Sicht vorbei. Entscheidend sei nun einmal die Trainingsqualität – und hier habe Europa deutlich aufgeholt.
Diesen Nachweis möchte Ruppert bei den Weltmeisterschaften im nächsten Jahr in Peking und erst recht 2028 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles liefern. „Ich beschäftige mich bereits mit diesem Ziel. Gute Zeiten bin ich gelaufen“, sagt der EM-Vierte von 2024. „Jetzt möchte ich internationale Medaillen gewinnen.“
Am Sonntag soll es damit losgehen. Der letzte Titelgewinn eines Deutschen über 3000 Meter Hindernis bei einem Kontinentalchampionat liegt mittlerweile 28 Jahre zurück.
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