Für Tom Grambusch, 30, ist diese Weltmeisterschaft auch persönlich ein Einschnitt. Jahrelang stand sein älterer Bruder Mats, 33, an seiner Seite – bei der Nationalmannschaft und bei Rot-Weiss Köln. Auf dem Hockeyplatz entwickelten die beiden ein besonderes Verständnis füreinander. Mats spielte im Mittelfeld, Tom in der Defensive, doch die Verbindung zwischen den Brüdern reichte weit über taktische Abläufe hinaus.

Dass Mats nun fehlt, hat Tom deshalb nicht einfach abgehakt. „Vermissen ist vielleicht das falsche Wort“, sagt er. „Aber ich bedauere es schon, dass er nicht mehr spielt.“ Rund 20 Partien bestritt Deutschland inzwischen ohne Mats Grambusch, nachdem dieser seine Nationalmannschaftskarriere nach der Europameisterschaft 2025 beendet hatte. Gewöhnt hat sich der jüngere Bruder an die neue Situation inzwischen, ganz verschwunden ist das Gefühl des Verlusts trotzdem nicht. Beide waren bei Turnieren stets Zimmerpartner, Tom sagt mit einem Lächeln: „Ich kann auch ohne meinen Bruder gut einschlafen.“ Nun geht der jüngere Grambusch erstmals ohne seinen Bruder in ein großes Turnier – und ausgerechnet als Kapitän.

Warum wurde Tom Grambusch Kapitän?

Dass er die Mannschaft nun anführt, ist kein Automatismus. Der Kapitän wurde von den Spielern gewählt. Vor der Wahl beschäftigte sich die Mannschaft zunächst mit einer grundsätzlichen Frage: Welche Art von Führung benötigt dieses Team in seiner aktuellen Situation? Die Antwort fiel auf einen Spieler, der auf dem Platz Verantwortung übernimmt, klare Ansagen macht und auch dann vorangeht, wenn es unangenehm wird.

Für Bundestrainer André Henning verkörpert Tom Grambusch genau diese Eigenschaften. Als Innenverteidiger ist er der Chef der Abwehr, körperlich präsent und mit ausgeprägtem Siegeswillen. Er scheue auch die Konfrontation nicht, sagt Henning – unabhängig davon, ob ihm ein junger Spieler, ein erfahrener Teamkollege oder sogar der Bundestrainer gegenübersteht. Gleichzeitig sei Grambusch neben dem Platz entspannt, witzig und ironisch. Diese Mischung mache ihn zu einem besonderen Führungsspieler.

Der deutsche Trainer Andre Henning verfolgt das Viertelfinal-Spiel bei der WM 2023 gegen England

Dabei soll Tom ausdrücklich nicht versuchen, seinen Bruder zu kopieren. Mats habe ruhiger geführt, Tom bringe mehr Emotionalität und Schärfe mit. „Es ist nicht Mats 2.0“, beschreibt Henning den Unterschied. Tom soll seine eigene Form von Führung entwickeln – und hat sich im vergangenen Jahr selbst noch einmal weiterentwickelt.

„Keine Mission Titelverteidigung, sondern eher eine Mission Angriff.“

Die neue Führungsrolle von Tom Grambusch steht dabei stellvertretend für einen viel größeren Umbruch. Deutschland hat in kurzer Zeit mehrere prägende Spieler verloren. Mats Grambusch und Lukas Windfeder sind nicht mehr dabei, Gonzalo Peillat gehört aufgrund eines Kreuzbandrisses nicht zum Aufgebot für die WM in Belgien und den Niederlanden. Damit fehlen nicht nur Qualität und internationale Erfahrung, sondern auch Spieler, die über Jahre Verantwortung übernommen und die Mannschaft geprägt haben. Nachgerückt sind dafür junge, talentierte Männer, die ein enormes Potenzial mitbringen. Etwa Eckenschütze Jakob Brilla, 22, Mittelfeldspieler Hugo von Montgelas, 22, oder Stürmer Justus Warweg , 20.

Neun Weltmeister von 2023 stehen zwar auch diesmal im Kader, und 13 Spieler waren 2025 Europameister. Doch gleichzeitig müssen viele Akteure neue Aufgaben übernehmen. „Da ist natürlich gerade unglaublich viel Dynamik im Team“, sagt Henning. Führungsübernahme, Steuerungsqualität, Performance und der Umgang mit Druck seien Themen, die diese neu formierte Mannschaft erst noch unter Wettkampfbedingungen beweisen müsse.

Deshalb sprechen Henning und Grambusch auch bewusst nicht von einer klassischen Titelverteidigung. Mit der Weltmeistermannschaft von Anfang 2023 habe die aktuelle Auswahl nicht mehr viel zu tun. Es geht für das neue Team um etwas anderes, sagt der Kapitän: „Keine Mission Titelverteidigung, sondern eher eine Mission Angriff.“

Der WM-Auftakt für Deutschland

Am 15. August (14:30Uhr) wird es ernst. Deutschland startet in die Weltmeisterschaft – und bekommt es gleich mit Malaysia zu tun. Zwei Tage später wartet Belgien, ehe es zum Abschluss der Vorrunde am 19. August gegen Frankreich geht. Alle drei Partien finden im neu errichteten Belfius Hockey Stadium in Wavre statt.

Viel Spielraum für einen Fehlstart gibt es nicht. Vor allem Belgien ist eine besondere Herausforderung: Der Mitgastgeber zählt zu den Topfavoriten und spielt das komplette Turnier vor heimischem Publikum. Von Frankreich wiederum wurde Deutschland bereits bei der EM 2025 gefordert und Grambusch und Co. wissen, wie unangenehm der Gegner werden kann. Für das neu formierte Team beginnt die Suche nach der eigenen Identität deshalb gleich unter anspruchsvollen Bedingungen.

Die Mannschaft ist sich einig: Das Ziel ist der Weltmeistertitel. Intern habe man sich beraten und sei durch Prozesse gegangen, bis letztlich der Entschluss feststand: „Wir fahren zum Turnier, um Weltmeister zu werden“, so Tom Grambusch. Ein Halbfinale als Minimalziel soll es nicht sein. Das Team will bis ganz nach oben.

Der Favoritenkreis der Hockey-WM 2026

Das klingt zunächst selbstverständlich für einen Weltmeister. Doch gerade, weil sich das Team seit 2023 so stark verändert hat, wäre ein weiterer Titel mehr als eine bloße Wiederholung des Erfolgs. Deutschland muss sich seinen Platz unter den Besten neu erarbeiten. Bundestrainer Henning und sein Kapitän sind sich einig und sehen dabei vor allem Belgien, die Niederlande und Australien als die derzeit stärksten Konkurrenten.

Belgien überzeugte zuletzt in der Pro League (Platz eins) und hat als Co-Gastgeber den Heimvorteil. Die Niederlande treten nach ihrem Olympiasieg vor zwei Jahren nahezu unverändert an. Australien überzeugt mit athletischem und temporeichem Hockey.

Die deutsche Mannschaft hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie gerade unter Druck ihre größte Stärke ausspielt. Sie ist da, wenn Spiele eng werden – und besitzt die Mentalität, solche Partien für sich zu entscheiden. Die Shootouts im WM-Finale 2023 und im EM-Finale 2025 sind dafür die besten Beispiele.

Was macht der Hockeyverband besser als der DFB?

Der Vergleich mit dem Fußball drängt sich angesichts der deutschen Erfolge im Hockey fast zwangsläufig auf. Henning selbst will dem DFB und dem neuen Bundestrainer Jürgen Klopp allerdings keine Ratschläge erteilen.

Dafür seien die Voraussetzungen zu unterschiedlich. Der Hockeyverband ist kleiner, die Nationalmannschaft steht außerhalb großer Turniere deutlich weniger im Mittelpunkt. Das schafft Freiräume: „Wir können deutlich mehr ausprobieren“, sagt Henning. Der Innovationsraum sei dadurch größer.

Interessanter ist für ihn ohnehin eine andere Frage: Wie viel Verantwortung gibt ein Trainer seinen Spielern? Bei der deutschen Hockey-Nationalmannschaft sollen die Spieler möglichst früh und eng in Entscheidungen eingebunden werden. Henning will seine Spieler dabei nicht nur informieren, sondern mitnehmen. Seine Grundüberzeugung ist einfach: Diejenigen, die am Ende auf dem Platz stehen, müssen auch Verantwortung übernehmen. „Ich stehe nicht auf dem Platz“, sagt Henning. „Also habe ich am Ende null Prozent unmittelbaren Beitrag zum Ergebnis.“

Das ist möglicherweise eine Erklärung für die Erfolge im Hockey. Es passt auch zur aktuellen Situation der Nationalmannschaft. Eine Mannschaft im Umbruch kann nicht darauf warten, dass ein Trainer sämtliche Antworten vorgibt. Sie muss selbst Verantwortung übernehmen – und genau das verlangt Henning von seiner neuen Mannschaft. Deutschland kann nicht einfach die Weltmeistermannschaft von 2023 zurückholen. Zu viele Spieler fehlen, zu viele Rollen haben sich verändert, zu viel muss sich erst neu entwickeln. Was geblieben ist, ist der Anspruch an sich selbst – und die Fähigkeit, gerade unter Druck besonders stark zu werden.

Nun muss die neue Mannschaft zeigen, ob sie daraus etwas machen kann. Die Mission lautet nicht Titelverteidigung, sondern Angriff. Gelingt es Deutschland, sein Potenzial auch dann abzurufen, wenn es eng wird und der Druck am größten ist, gehört der Weltmeister auch diesmal zum Kreis der Titelanwärter. Dann könnte aus dem Umbruch genau das entstehen, was Henning und seine Spieler hoffen: keine Kopie der alten Mannschaft, sondern eine neue deutsche Weltmeistermannschaft.

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