Sprinterin Gina Lückenkemper gewann bei Europameisterschaften schon Gold (2022), Silber (2018) und Bronze (2016). Aber bei der EM dieses Jahr in Birmingham (10. bis 16. August) ist alles anders. Grund ist ein Zeckenbiss.
Anfang Juli wurde die 29-jährige Lückenkemper am Hinterkopf gebissen. Die Zecke fraß sich etwa 24 Stunden in die Kopfhaut, bis sie bemerkt und entfernt wurde. Die Folgen spürt die Sprinterin noch immer.
Zecken sind oft sehr klein und nicht sofort einfach auf der Haut zu entdeckenLückenkemper sagte dieser Redaktion: „Es ist immer noch nicht komplett überstanden. Ich habe auch noch eine kleine Beule am Kopf. Gerade in puncto Nervensystem merke ich es noch.“
Lückenkemper hatte wochenlang Probleme, sich von Training und Wettkämpfen zu erholen. „Egal, wie viel ich geschlafen habe, ich habe mich nicht erholt gefühlt. Mein Körper war in einem relativ langen Zustand in einer gewissen Alarmbereitschaft. Aus dieser Spirale bin ich nicht rausgekommen.“
Die 100-Meter-Spezialistin überwacht ihren Schlaf schon seit Längerem ganz genau. Sie nutzt dafür einen Sensor der Schweizer Marke Garmin, den sie nachts am Oberarm trägt. Das Gerät misst unter anderem den Puls, Herzschlag-Schwankungen, Hauttemperatur, Sauerstoff im Blut, das Stresslevel und analysiert die Atmung.
Lückenkemper nutzt eine smarte Weckfunktion
Lückenkemper: „Es hat auch eine smarte Weckfunktion. Wenn ich sage, um 7 Uhr geht mein Wecker, aber der Schlaftracker stellt fest, dass ich mich ab 6.30 Uhr schon in einem optimalen Schlafstadium befinde, um aufzuwachen, dann weckt er mich mit einem kleinen Vibrieren.“
Gina Lückenkemper kämpft sich derzeit für die EM zurück an ihre TopformDie Athletin weiter: „Der Fakt, auf den ich am meisten schaue, ist der Stress, den ich beim Schlafen habe. Ich führe in einer App ein kleines Logbuch, in das ich schreibe, was ich den Tag über gemacht habe. Das hilft mir, ein Verständnis dafür zu bekommen, was mir guttut und was nicht. Und es zeigt mir auch, wenn ich einen Bereich vernachlässige. Wenn ich zum Beispiel abends zu viel am Handy gehangen habe. Mir tut es zum Beispiel gut, abends zu lesen und mich davor noch ein bisschen zu dehnen.“
Das Problem: Was normalerweise perfekt funktioniert, war durch den Zeckenbiss plötzlich nicht mehr so. Auch auf der Bahn waren die Auswirkungen spürbar. „Ich war im Startblock orientierungslos“, so Lückenkemper. „Das System hat durch den Zeckenbiss einen kleinen Treffer kassiert. Ich bin vorm Start jetzt mit Kopfwackeln beschäftigt. Einfach, um das Gleichgewichtssystem zu aktivieren.“
Mit neuroathletischen Tricks versucht sie jetzt, die Koordination zwischen Gehirn und Muskeln ganz gezielt zu trainieren. „Was mir geholfen hat, um die Herzfrequenzvariabilität herunterzufahren, war, die Stelle um den Zeckenbiss am Hinterkopf zu mobilisieren. Einfach mit den Händen um die Stelle herumzukreisen und zu lockern. Und was wahnsinnig geholfen hat, war ein Bauchgurt. Da geht es um den Vagusnerv.“
Was bedeutet der Rückschlag für die EM?
Ihre Saisonbestleistung von 11,21 Sekunden ist fast drei Zehntel über ihrer persönlichen Bestmarke (10,93 Sekunden). Zu ihren Stärken gehörte es aber schon immer, im richtigen Moment voll da zu sein.
Lückenkemper: „Ich reise mit Dankbarkeit nach Birmingham, fange wieder an, mich auf der Bahn wohlzufühlen. Ich will einfach das Beste herausholen. Was das sein wird, ist für mich nach wie vor schwierig einzuschätzen.“
Neben dem Einzel gibt es diesmal sogar zwei Staffel-Rennen: 4 × 100 Meter Frauen und 4 × 100 Meter Mixed (zwei Frauen, zwei Männer). In beiden Formaten hat das deutsche Team gute Chancen auf eine Medaille.
Dieser Artikel wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD, BILD AM SONNTAG) verfasst und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.
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