Der FC St. Pauli darf wohl trotz der traditionsreichen Vereinsgeschichte als der große Unbekannte der Zweiten Liga gelten. Kaum jemand dürfte ein sicheres Gefühl dafür haben, wohin die Reise der Kiezkicker nach zwei Jahren Bundesliga-Aufenthalt geht. Sang- und klanglos waren die Hamburger schließlich als Tabellenletzter abgestiegen. Nun steht alles auf Neujustierung, der Kader gewinnt nach und nach an Kontur. Das wird auch Zeit: Am Sonntag geht es zum Ligaauftakt los mit dem Heimspiel gegen Greuther Fürth (13.30 Uhr/Sky und im Live-Ticker auf WELT.de).
„Wir sind bereit für den Start der Liga. Die bisherige Vorbereitung lief gut, die Spielidee des Trainers ist klar zu erkennen“, sagt St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann vor dem Ligastart zu WELT. Das Testspiel der Vorwoche gegen Deportivo de A Coruña (2:2) habe bereits Hinweise darauf gegeben, wie eine Startelf aussehen könnte. Vor allem der im Vorjahr so blutleere Angriff konnte sich gegen die Spanier beweisen. So könnte für Martijn Kaars und auch für den in der Vorbereitung positiv überraschenden Sturmkollegen Taichi Hara Platz in der Stammformation sein.
Neuzugang Branimir Hrgota trägt nicht zufällig die Nummer zehn und dürfte eine Art sehr offensiver Spielgestalter abgeben. Er kam vom Auftaktgegner Fürth und hat als Angreifer eine beeindruckende Torbeteiligungsquote. Auch der „Achter“ Joel Fujita zeigte im Testspiel seine Fähigkeiten. Er könnte bei einem Verkauf allerdings noch sehr gutes Geld in die braun-weiße Vereinskasse spülen. Bornemann wird jedenfalls bis zum Schließen des Transferfensters am 1. September noch einiges zu tun haben.
Der neue Cheftrainer Marcel Rapp hat viel Zweitligaerfahrung mit Kiel gesammelt„Uns haben routinierte Spieler verlassen, die das Team in den vergangenen Jahren geprägt haben“, sagt er. „Sportlich sehen wir aber keinen kompletten Umbruch, sondern eine gezielte Weiterentwicklung. Der Kader wird in seiner Hierarchie neu strukturiert, gleichzeitig können wir auf ein breites Fundament an Spielern bauen. Viele haben bereits Erfahrung in der Bundesliga gesammelt oder ihre Qualität in der Zweite Bundesliga nachgewiesen.“ Planen müssen Rapp und Bornemann auf alle Fälle ohne den nun Ex-Kapitän Jackson Irvine, der zum japanischen Erstligisten Cerezo Osaka wechselt. Über die Ablösesumme wurde Stillschweigen vereinbart. Der zentrale Mittelfeldspieler absolvierte in seinen sechs Jahren für den Kiezklub 153 Pflichtpartien.
Teil der Pauli-Black-Box ist auch Neu-Coach Marcel Rapp, der den am Ende nicht mehr überzeugenden Alexander Blessin ersetzte. Die TV-Experten Felix Kroos und Simon Terodde, beide Ex-Profis, übten nun zu Saisonbeginn deutliche Kritik am FC St. Pauli und an der Verpflichtung des neuen Trainers. Terodde bezeichnete Rapps Engagement als überraschend, da dieser bei Holstein Kiel im Vorjahr im Abstiegskampf entlassen wurde. Kroos stufte St. Pauli als schwächsten Absteiger ein, bemängelte Unruhe im Kader und urteilte, der Kiezklub stehe „für nichts“. Neben Irvine verließen den FC mit Hauke Wahl, Stammkeeper Nikola Vasilj und Manolis Saliakas weitere Stützen.
Bornemann hält den Kritikern entgegen: „Wegen der Abgänge war uns Erfahrung ein wichtiges Merkmal, etwa bei den Verpflichtungen von Marcus Mathisen und Hrgota. Beide kennen die Liga und waren bei ihren vorherigen Stationen Führungsspieler.“ Innenverteidiger Mathisen kam ablösefrei vom Ligakonkurrenten 1. FC Magdeburg. „Zudem sehen wir bei Spielern wie David Nemeth, Ben Voll oder Martijn Kaars das Potenzial, führende Rollen im Team einzunehmen“, sagte Bornemann auch. Voll ist der neue Stammtorwart. Außer in Pokalspielen konnte sich der 25-jährige Keeper zuvor noch nicht großartig beweisen.
Hrgota sagte zur neuen Hierarchie und auch zum eigenen Anspruch: „Jeder muss auf seiner eigenen Position die Dinge umsetzen, die gefordert werden. Du brauchst in einem Team viele, die laut sind und kommunizieren.“ Spannend bleibt auch, welche taktische Ausrichtung die Mannschaft einschlägt. Es wird ein viel offensiverer Spielstil erwartet als in der Abstiegssaison gezeigt wurde. Vor allem sollen Schnittstellen in der Offensive besser bedient werden. Beim Thema Saisonziel sind sie dennoch eher defensiv am Millerntor. Bornemann sagte hierzu: „Das Transferfenster ist noch fast einen Monat geöffnet, und wir wissen derzeit noch nicht, wie die Kader unserer 17 Konkurrenten in der Liga letztlich aussehen werden. Deswegen ist jetzt nicht der Zeitpunkt, um feste Saisonziele zu formulieren.“
Auch er erwartet allerdings, dass Rapp den Fokus wieder mehr auf Ballbesitzfußball legen werde. Man wolle „im oberen Drittel der Liga“ mitspielen. „Entscheidend wird zunächst sein, stabil in die Saison zu starten und uns Schritt für Schritt eine gute Ausgangsposition zu erarbeiten“, so der Sportdirektor. Das Ganze also ohne den ehemaligen primus inter pares Irvine, dem linksidealistischen Posterboy mit gefärbtem Zopfhaar, schwarzlackierten Fingernägeln und coolen Tattoos. Er avancierte zum Markenzeichen der selbst ernannten „Freibeuter der Liga“, war Ikone, Aufstiegsheld und sozialkritischer Akteur zugleich. Er verbrannte sich aber den Mund, als er sich eindeutig im Nahost-Konflikt pro Palästina exponierte, was nicht deckungsgleich mit der DNA des Klubs war. Neuer Kapitän ist nun der österreichische Innenverteidiger Nemeth, seit vier Jahren auf dem Kiez beschäftigt. Seine Stellvertreter sind Hrgota und Mathisen.
Der Fall Irvine, der keinesfalls in Unfrieden geht, charakterisiert auch eine gewisse Ambivalenz in Führung und Umfeld des einzigartigen Vereins im Hamburger Westen. Überspitzt formuliert: Marxistisch denkend hier, kapitalistisch handelnd da. Es gibt Grabenkämpfe unter den einzelnen Fangruppen. Immerhin scheint das Führungsduo mit dem charakterfesten Präsidenten Oke Göttlich und dem emsigen, auch weitsichtigen Strategen und Kaderarchitekten Bornemann weiter zu passen. Dass nicht alles heile Welt bei St. Pauli ist, zeigt auch, dass ein weiterer ehemaliger Topleader, Eric Smith, ebenfalls vor dem Absprung stehen könnte. Der Defensivspezialist hat allerdings seinen Marktwert – ebenso wie Irvine, beide wurden auch von Verletzungen geplagt – in der schwierigen Vorsaison nicht steigern können. Bornemann ist bei all den Unwägbarkeiten dennoch optimistisch: „Wir gehen gesund in die Zweite Bundesliga. Wir verfügen über eine gezielt aufgebaute Kaderstruktur und ein vernünftiges Gehaltsgefüge. Das verschafft uns eine stabile Grundlage, unseren eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen.“
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