Eigentlich müsste er jetzt wechseln. Toni Kroos hat sich selbst unter Zugzwang gebracht. Dabei geht es eigentlich um eine Kleinigkeit, sein Profil-Bild bei WhatsApp – und um ein Versprechen, das damit verbunden ist. Gerichtet war die Zusage an Alexander Zverev. Der Tennis-Profi hatte ihm in einem Online-Interview die Frage gestellt, was passieren müsse, „dass du Roger Federer aus deinem WhatsApp-Profilbild schmeißt und mich nimmst?“
Tatsächlich ist beim Weltmeister von 2014 dort nach wie vor ein Foto des Tennis-Helden Federer mit Kroos-Sohn Leon zu sehen. Die Antwort vor vier Jahren lautete, dass Zverev einen „Grand-Slam-Titel“ gewinnen müsse. Zudem müsse er „ein bisschen Zeit mit uns verbringen, so dass wir etwas quatschen können. Dann denke ich darüber nach, definitiv.“ Am 7. Juni siegte Zverev bei den French Open und gewann damit seinen ersten Grand-Slam-Titel.
Kroos hat seine Karriere vor zwei Jahren beendet – als Deutschlands Titel-König. Sechsmal gewann er die größte und wertvollste Trophäe des Vereinsfußballs, die der Champions League. Einmal mit dem FC Bayern, fünfmal mit Real Madrid. Kein Spieler der Welt bekam den Henkelpott häufiger überreicht. Insgesamt gewann Kroos in seiner Karriere 34 Titel.
Toni Kroos nach dem Titelgewinn im WM-Finale 2014 gegen Argentinien (1:0)Zu seiner Sammlung zählt auch der WM-Pokal, den er 2014 mit Deutschland gewann. Der Sommer in Brasilien hat aus dem Top-Spieler einen Top-Star gemacht.
Vom Weltmeister zum Weltstar
Kroos war der Spielmacher. Mit seinen Pässen lenkte er die deutsche Mannschaft. Die ganze Welt sah die Genialität, vor der der FC Bayern die Augen verschlossen zu haben schien. Eine Einigung über einen neuen Vertrag scheiterte an der einzigen Währung für wahre Wertschätzung – am Geld. Bayern bot Kroos für eine Verlängerung über 2015 hinaus weit weniger Gehalt als seinen anderen Top-Stars: sechs Millionen Euro pro Jahr. Kroos forderte zehn. Kein Kompromiss möglich.
Danach stand fest, dass es einen Wechsel geben musste. Und zwar 2014. Ein Jahr später hätte Bayern keine Ablöse mehr bekommen. Kroos reiste ohne verbindliches Angebot eines europäischen Spitzenvereins zur WM. Ein Deal mit Manchester United hatte sich einige Wochen zuvor zerschlagen. Real Madrid und der FC Barcelona waren interessiert. Anbahnungs-Gespräche mit den spanischen Vereinen liefen. Dabei wurde schnell klar, dass Barça das Geld fehlte.
Kroos spielte beim Welt-Turnier, als würde ihn das nicht beschäftigen. Beim 4:0 zum Auftakt gegen Portugal war er der beste deutsche Spieler. Das war der Punkt, an dem Real im Poker das Gaspedal durchdrückte. Für Präsident Florentino Pérez stand fest, dass Kroos sein neuer Superstar wird. Der Taktgeber der Nationalelf lieferte in jedem Spiel. Der damalige Real-Trainer Carlo Ancelotti rief ihn im WM-Camp an.
Kroos gab sein Wort. Die Bosse der Königlichen wollten mehr: eine Unterschrift. Sie kämpften um ein Treffen im Mannschafts-Quartier – vor dem Halbfinale gegen Brasilien. Niemand sollte ihnen den Top-Transfer streitig machen. Kroos und seine Berater Volker Struth sowie Sascha Breese, die den Vertrag verhandelt hatten, lehnten ab. Die 90 Minuten gegen den Gastgeber wurden zum Beleg dafür, dass Kroos für die Spanier ein Volltreffer ist.
Der Brasilien-Kantersieg als letztes Argument
Deutschland siegte 7:1, machte wahrscheinlich sein bestes Spiel der Geschichte. Und Kroos ragte heraus, wurde zum „Man of the Match“ gewählt. Zwei Tore, eine Vorlage. Das Autogramm am Ende des Vertrags erhielt der Real-Boss in der folgenden Woche.
Kroos kam als Weltmeister. Nach zehn Jahren ging er als „Leyenda“, als Legende. Mit diesem Wort überschrieben die Real-Fans 2024 ihre Choreografie zum Karriere-Ende des Dirigenten ihres Fußball-Orchesters. Kroos ist einer der Größten in der Geschichte der Königlichen. Pérez bezeichnete ihn in kleiner Runde mal als „Jahrhundert-Transfer“.
Cristiano Ronaldo profitierte enorm von dem Transfer von Toni Kroos 2014 zu RealEr bekam Kroos 2014 als fertigen Weltklasse-Spieler für 25 Millionen Euro vom FC Bayern. Der machte Mega-Stars wie Cristiano Ronaldo noch besser. Er prägte die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte mit fünf Champions-League-Titeln zwischen 2016 und 2024. Nach Reals bisher letztem Sieg in der Königsklasse beendet er seine Vereins-Karriere.
Eine Legende mit Haltung
„Toni Kroos ist einer der größten Spieler in der Geschichte von Real Madrid. Dieser Verein ist seine Heimat und wird immer seine Heimat sein“, erklärte Präsident Pérez bei der Verabschiedung. Ronaldo sagte, es sei ihm „eine Ehre gewesen“, gemeinsam mit Kroos auf dem Platz gestanden zu haben.
Es sind Worte des größten Respekts. Der Junge aus der Jugend von Hansa Rostock hat es bis nach ganz oben geschafft. Mit Fleiß, mit Training, mit der Hilfe der Eltern und mit dem eigenen Kopf. Kroos hat sich seine Grenzen nicht von anderen setzen lassen. Er hat sie selbst definiert.
Bestes Beispiel dafür sind die Auseinandersetzungen mit Bayern-Patron Uli Hoeneß. Dem bot er nicht nur als junger Spieler in den gescheiterten Verhandlungen 2013/14 die Stirn. Im Sommer 2021 erklärte Hoeneß den Taktgeber zum Übel der deutschen Nationalelf, sagte: „Seine Art zu spielen ist total vorbei.“ Kroos‘ süffisanter Social-Media-Konter: „Uli Hoeneß ist ein Mann mit großem Fußballsachverstand (auch wenn es für RTL nicht gereicht hat), wenig Interesse für Polemik und mit sich komplett im Reinen.“
Kroos führte die Mannschaft auch bei der EM 2024 noch an, absolvierte insgesamt 114 Spiele für Deutschland. Das Turnier im eigenen Land war sein Schlusspunkt. Der Spielgestalter ging, als er noch gebraucht wurde. Real hätte gerne mit ihm verlängert. Aber der wohl beste Passspieler der deutschen Geschichte wollte nicht darauf warten, dass man ihm ein Ende nahelegt. Er wollte selbst bestimmen.
Selbstbestimmt ins Karriereende
So wie er es jahrelang auf dem Feld getan hat. Mit Pässen, mit seinem Blick für das Spiel, mit taktischen Eingriffen. Seine Trainer haben ihn dafür geliebt. Kroos war der Spieler, den zum Beispiel Ancelotti in schwierigen Situationen während eines Spiels gefragt hat, was zu tun sei. Der Mittelfeldspieler hat dann entschieden. Genauso bestimmte er, wann die aktive Karriere zu Ende geht.
Sein unangefochtener Führungsspieler: Carlo Ancelotti setzte bei Real Madrid voll auf Kroos„Der Fußball hat mir unvergessliche Momente beschert, mit meinen Vereinen und mit der deutschen Nationalmannschaft, aber er hat mir auch eine Plattform gegeben“, sagte Kroos im April dieses Jahres. In Madrid, wo er nach wie vor wohnt, wurde ihm der „Laureus World Sports Award“ verliehen. Den Sport-Oscar bekam er nicht für seine Genialität auf dem Rasen, sondern für sein soziales Engagement u. a. mit der „Toni Kroos Stiftung“.
Er erklärte: „Ich war immer der Überzeugung, dass mit dem Erfolg und dem Ruhm die Verpflichtung einhergeht, etwas zurückzugeben.“ Er unterstützt seit 2015 schwer kranke Kinder und deren Familien. Vor der Feier zum 10. Jubiläum klapperte der Superstar des Fußballs persönlich Künstler wie Herbert Grönemeyer, Johannes Oerding und Lea ab, damit sie auf die Gage für ihre Auftritte verzichten – und mehr Geld für die Kinder zusammenkommt. Alle gingen darauf ein. Kroos selbst spendete für die Stiftung u. a. das Trikot, das er im WM-Finale 2014 getragen hat. Allein dieses Shirt brachte bei einer Versteigerung 31 099 Euro.
Erfolg kennt für ihn keinen Ruhestand
Zudem gründete Kroos 2024 eine Fußball-Akademie in Madrid. Die Laureus-Jury hob hervor, dass er ein „Trainingsprogramm anbietet, das auf Respekt, Verantwortung und persönlicher Entwicklung basiert“. Über 200 Kinder fördert Kroos in seinem Verein, für den er die Trainer aussucht und auch selbst häufig auf dem Rasen zu sehen ist.
Kroos, der mit seiner Frau Jessica drei Kinder hat, ist auch in seinem neuen Alltag getrieben von Erfolgen. 2024 gründete er die Icon League. Mit der Kleinfeld-Liga füllt er die größten Hallen in Deutschland (Köln), Österreich (Wien) und der Schweiz (Zürich). Mit seinem Bruder Felix produziert er einmal pro Woche den Podcast „Einfach mal Luppen“. Während der WM präsentierten die Brüder zudem in neun Folgen die TikTok-Show „Die WM unter der Lupe“. Stars wie Rio Ferdinand, Michael Ballack und Arsène Wenger gehörten zu ihren Gästen, fünf Millionen Fans wurden erreicht.
Ex-Fußballer und Weltmeister Toni Kroos ist von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Madrid mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden. Steinmeier bezeichnete Kroos als deutsch-spanische Fußball-Legende.Darüber hinaus ist Kroos als Gesellschafter in der Agentur seiner Berater bei Sports360 eingestiegen, die u. a. den ehemaligen Bundestrainer Julian Nagelsmann betreut. Dabei geht es um mehr als Geld. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes begleitet Stars des Unternehmens als Mentor. Er gibt den Spielern Tipps, wie sie sich auf und neben dem Platz verhalten können und wie Druck zu bewältigen ist.
Trotz seiner Hilfe gilt es als unwahrscheinlich, dass er einen neuen Toni Kroos entwickelt. Sechs Champions-League-Titel haben nur drei weitere Spieler im Weltfußball erreicht. Alle an der Seite von Kroos bei Real: Luka Modric, Daniel Carvajal und Nacho Fernández.
Cristiano Ronaldo kommt auf fünf Siege in der Königsklasse, Lionel Messi auf vier. Auch das zeigt, wie groß der Fußballer Toni Kroos wirklich war.
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