Das Kopfsteinpflaster auf den Champs Élysées ist für Radfahrer überaus unbequem. Für Mathieu van der Poel konnte es jedoch keinen angenehmeren Ort geben. Nach seinem Husarenritt auf der letzten Etappe der Tour de France lag der Niederländer flach auf dem Kopfsteinpflaster des Zielbereichs auf der Pariser Prachtstraße – völlig verausgabt und überglücklich.
„Dieser Ausgang ist ein Traum. Es gibt einige Rennen, die ich gern gewinnen wollte. Und das war einer davon“, sagte der Niederländer, nachdem er wieder sprechen konnte: „Ich habe das vor einem Jahr am Fernseher verfolgen müssen, weil ich krank war.“
Es war ein atemberaubendes Kletter-Spektakel in Montmartre. Zunächst hatte van der Poel mit Superstar und Gesamtsieger Tadej Pogacar sowie dem Zweitplatzierten Remco Evenepoel und Mads Pedersen, dem Gewinner des Grünen Trikots, eine maximal hochkarätige Ausreißergruppe gebildet. Auf der letzten Runde setzten sich dann die beiden besten Radsportler der Welt ab: Pogacar gegen van der Poel – ein Duell der Titanen.
„Es war super hart, mit dem besten Radfahrer der Welt da zu fahren“, sagte van der Poel, der den Slowenen 800 Meter vor dem Ziel stehen ließ, am Ende aber nur wenige Meter vor dem heranrauschenden Hauptfeld über die Ziellinie fuhr: „Ich habe die letzten 500 Meter einfach den Kopf runtergenommen und durchgezogen.“
Doppelsieg: Mathieu Van Der Poel siegt, Teamkollege Jasper Philipsen jubeltWeltmeister Tadej Pogacar blieb der Prestigesieg damit verwehrt. Dies jedoch allenfalls ein kleiner Schönheitsfehler vor seiner großen Krönung im Schatten des Arc de Triomphe.
Mit dem fünften Gesamtsieg bei der Frankreich-Rundfahrt hat Pogacar Radsport-Geschichte geschrieben. Fortan gehört er dem exquisiten Kreis der Fünffach-Sieger mit der belgischen Ikone Eddy Merckx, den beiden Franzosen Jacques Anquetil und Bernard Hinault sowie dem Spanier Miguel Indurain an. Dem Amerikaner Lance Armstrong wurden alle sieben Triumphe im Nachhinein wegen Dopings aberkannt.
Der „Menschenfresser“, wie das renommierte Tour-Organ „L'Équipe“ Pogacar bewundernd beschrieb, hat die Tour auf den 3245 Kilometern von Barcelona nach Paris wieder einmal beherrscht. Fünf Etappensiege, über sechs Minuten Vorsprung im Gesamtklassement auf den zweitplatzierten Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel und famose Kletterrekorde in den Alpen und Pyrenäen. Pogacar fuhr wieder einmal in einer eigenen Liga. Ihm zu folgen sei eine „Mission impossible“ gewesen, gestand Evenepoel ein.
Merckx glaubt an weitere Siege
Laut Merckx ist ein Ende der Regentschaft Pogacars noch lange nicht in Sicht. „Ich glaube nicht, dass er sich damit begnügen wird, mit mir und den anderen Champions gleichzuziehen. Bald wird er unseren Rekord an Tour-Siegen brechen“, sagte der 81 Jahre alte Belgier der „Gazzetta dello Sport“.
Erklärungen für seine Dominanz hat Pogacar kaum. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich seit 2024 wesentlich stärker geworden bin. Aber ich habe mehr Erfahrung; kleine Dinge verbessern sich nach wie vor. Es kommt auf die Details an“, sagte der slowenische Ausnahmekönner.
Seine Krönungsfahrt am Sonntag musste kurzfristig umgestaltet werden. Wegen der heftigen Waldbrände bei Bordeaux wurde die letzte Etappe verkürzt und komplett in Paris ausgetragen. Das Innenministerium hatte einen Teil der für die letzte Etappe eingeteilten Sicherheitskräfte abgezogen, um die Einsatzkräfte in den betroffenen Gebieten zu verstärken. So wurde der Startort Thoiry gestrichen, stattdessen gab es in Paris 88,7 statt 133 Kilometer.
Dazu wurden die Zeiten vor dem Spektakel mit drei Überquerungen des Montmartre-Hügels eingefroren, somit bestand keine Gefahr mehr von Zeitverlusten. Max Kanter sorgte mit dem vierten Platz noch für einen Achtungserfolg. Trotzdem endete wieder eine Tour ohne deutschen Etappensieg. Der letzte Erfolg liegt bereits fünf Jahre zurück, als Pogacar-Helfer Nils Politt in Nimes triumphierte.
Lipowitz auf dem Weg der Besserung
Dazu kam der verhängnisvolle Sturz des Vorjahresdritten Florian Lipowitz, der im Einzelzeitfahren einen Schlüsselbeinbruch erlitt. Der Bergspezialist musste sich das Tour-Finale daheim anschauen. „Mir geht es den Umständen entsprechend ganz gut. Die OP ist gut verlaufen. Ich bin jetzt schon wieder daheim und fokussiere mich auf die Erholung“, sagte Lipowitz, der während der Schlussetappe am Sonntag in der ARD telefonisch zugeschaltet wurde.
Zu seinen Comeback-Plänen äußerte sich der 25-Jährige noch vage. „Ich freue mich, wenn ich wieder ganz schmerzfrei bin. Ich habe noch mit den Rippen und dem Atmen zu kämpfen“, sagte Lipowitz. Bundestrainer Jens Zemke hofft, dass der 25-Jährige für die WM wieder bereitsteht. „Ich sehe es schon als realistisch an. Ein Schlüsselbeinbruch ist nicht das Ende der Welt“, sagte Zemke der dpa.
Vermutlich hätte es für Lipowitz auch ohne Sturz nicht für das Podium gereicht. Sein Teamkollege Evenepoel hinterließ den stärkeren Eindruck. Eine spannende Konstellation, was die Kapitänsrolle zukünftig im Red-Bull-Team betrifft. Auch der drittplatzierte Mexikaner Isaac del Toro war in den Bergen Lipowitz voraus, zumal er mitunter auch Kapitän Pogacar als Edelhelfer an seiner Seite hatte.
So ließ Pogacar noch weitere Etappensiege liegen. Bei 26 Tour-Tageserfolgen steht der Slowene inzwischen. Nur noch Ex-Sprintstar Mark Cavendish (35), Merckx (34) und Hinault (28) stehen vor ihm. Geht der 27-Jährige in dem Tempo weiter zur Sache, könnte der Rekord schon in zwei Jahren fallen.
Pantani-Rekord geknackt
Sein Meisterstück hatte Pogacar auf den 21 berühmtesten Serpentinen der Welt ins Radsport-Mekka Alpe d'Huez hinauf abgelegt, als er dreieinhalb Minuten auf eine starke Ausreißergruppe aufholte. Damit pulverisierte er auch den 31 Jahre währenden Rekord von Marco Pantani.
35:26 Minuten für den 13,8 Kilometer langen Schlussanstieg, ein Schnitt von mehr als 23 km/h, 1:24 Minuten schneller als 1995 die italienische Legende - für viele Experten eine unmenschliche Leistung.
Schon am Col du Tourmalet in den Pyrenäen hatte Pogacar eine neue Bestleistung aufgestellt. „Rekorde interessieren mich nicht, es geht mir um den Sieg“, sagt Pogacar in seiner bescheidenen Art.
Teamchef: „Hat Aura wie Federer“
Pogacar setzt im Radsport neue Maßstäbe. Er gewinnt Rennen mit langen Solofahrten oder zur Not auch im Sprint. „Pogi ist inzwischen zu einer weltweiten Persönlichkeit geworden“, schwärmte sein Teamchef Mauro Gianetti: „Er hat die Aura, das Charisma, die Anziehungskraft eines Roger Federer. Er ist eine Ikone.“
Die Dominanz von Pogacar gefällt jedenfalls nicht jedem. Auch am Straßenrand gab es bisweilen Buhrufe für den Unersättlichen. „Das macht uns nur stärker“, entgegnete Pogacar: „Wenn mich jemand ausbuht, denke ich an Novak Djokovic und lasse mich von ihm inspirieren.“ Auch der serbische Tennisstar hat nicht nur Anhänger. 99 Prozent der Leute seien ihm aber positiv gestimmt, merkte Pogacar an.
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