Max Verstappen ist ein schlechter Pokerspieler. Die Gegner haben seinen Bluff längst durchschaut, und dennoch wird der viermalige Formel-1-Weltmeister als Sieger vom Tisch aufstehen. Er zockt ausgerechnet mit und vor allem gegen seinen Arbeitgeber Red Bull. Im Gewinntopf befindet sich nicht weniger als eine hohe einstellige bis niedrige zweistellige Millionensumme. Der Niederländer wird sie gewinnen. Er hat die besten Karten in dem Poker, weil er über ein Ass im Ärmel verfügt: eine Ausstiegsklausel in seinem bis Ende 2028 laufenden Vertrag.

Ist Verstappen am Sonntagnachmittag, wenn sich die Formel 1 nach dem Großen Preis von Ungarn für vier Wochen in die Sommerpause verabschiedet (16.00 Uhr/Sky), nicht Zweiter in der Fahrerwertung, kann er Red Bull nach der Saison vorzeitig verlassen. Dass er diese Chance bekommt, steht seit Anfang Juli fest. Der Ausnahmefahrer ist derzeit nur Siebter im Rennen um die Weltmeisterschaft, hat 68 Punkte Rückstand auf Rang zwei. 25 kann er in Budapest am Sonntag maximal noch einfahren.

Die Faktenlage ist also klar: Verstappen kann gehen, Red Bull aber will ihn um jeden Preis halten. Der Niederländer ist nicht nur der wichtigste Mitarbeiter des Formel-1-Rennstalls, sondern auch weltweites Aushängeschild des Energydrink-Konzerns.

Sportlich ist Verstappen ohnehin nicht zu ersetzen, doch dem Topteam würde auch mit einem annähernd gleichwertigen Ersatz der Absturz ins Mittelfeld drohen. Denn diverse Mechaniker und Ingenieure heuerten bei dem österreichischen Rennstall an, um an der Seite des Ausnahmepiloten zu arbeiten. Geht der, werden auch einige von ihnen gehen.

Rückzug von Vertsappen aus der Formel 1? Schwer vorstellbar

Die Chancen darauf, dass Verstappen aufhört, sind jedoch gering. Das weiß er, das weiß Red Bull. Und daraus macht auch Raymond Vermeulen, Manager des viermaligen Weltmeisters keinen Hehl. Der „Sport Bild“ sagte er Mitte Juni: „Wir haben einen Vertrag bis 2028. Natürlich gibt es Ausstiegsklauseln, die gab es immer. Wir haben aber nie eine eingelöst. Im Gegenteil. Wir waren immer loyal und werden es auch bleiben. Wir möchten den Weg mit Red Bull weitergehen, und Max möchte seine Karriere hier beenden – aber natürlich mit der Möglichkeit zu gewinnen.“

Vermeulen weiß: Verstappen ist praktisch verdammt zu bleiben. Denn ausgerechnet der Niederländer, der zweifelsfrei beste Fahrer der Rennserie, hat keinen Markt in der Formel 1. Wechselt Verstappen, dann nur zu einem der Topteams Mercedes, Ferrari und McLaren. Finanzstarke, aber erfolglose Rennställe wie Aston Martin sind für ihn nicht von Interesse. Verstappen fährt aus Spaß an der Sache – und den hat er, wenn er Siege feiern oder zumindest darum kämpfen kann. Geld spielt bei dem Mann, dessen Grundgehalt rund 65 Millionen Euro pro Jahr betragen soll, längst keine Rolle mehr.

Doch Geld löst eben nicht alle Probleme. Im Falle von Verstappen schafft es scheinbar sogar welche. Während Ferrari mit Lewis Hamilton und Charles Leclerc und McLaren mit Lando Norris und Oscar Piastri schlichtweg auch 2027 auf seine Fahrerpaarungen setzt, wurde Mercedes lange hartnäckiges Interesse an dem Niederländer nachgesagt. Doch auch der deutsche Rennstall winkt mittlerweile ab. Laut Formel-1-Experte Ralf Schumacher sollen die Silberpfeile kürzlich ein Salär von 35 Millionen Euro geboten haben. Ein Angebot, das weit unter dem Marktwert liegt.

Verstappen winkte ab – was die Verantwortlichen um Teamchef Toto Wolff kaum überrascht, geschweige denn verärgert haben dürfte. Denn in Kimi Antonelli hat Mercedes einen neuen Shootingstar. Der 19-jährige Italiener führt die Fahrerwertung an und gilt als Gesicht der neuen Generation junger Piloten. Warum also Verstappen holen, wenn das Antonellis Zukunft gefährden würde? Kurzum: Auch Mercedes will den viermaligen Weltmeister (Stand jetzt) nicht.

Bleibt für Verstappen nur der Rückzug aus der Formel 1 – was der PS-Junkie mit Sicherheit nicht möchte – oder der Verbleib bei Red Bull. Das weiß Verstappen, das weiß Red Bull. Und dennoch zieht sich der Poker seit Monaten.

Mateschitz soll irritiert sein

Verstappen gilt zwar als sicherer Sieger, und dennoch hat er etwas zu verlieren. Etwas, das er auch mit seinem geschätzten Vermögen von 300 Millionen Euro nicht kaufen kann: seinen internen Ruf und seine Wertschätzung. Nach Informationen von WELT AM SONNTAG sollen die Verantwortlichen zunehmend verstimmter sein. Dabei geht es nicht nur um die Dauer des Pokers, sondern auch die Forderungen Verstappens und dessen Management. Allen voran Red-Bull-Erbe Mark Mateschitz soll über das Verhalten irritiert sein. Der Sohn des Konzerngründers Dietrich Mateschitz würde sich über mehr Loyalität gegenüber der Marke freuen, die Verstappen den Weg in die Formel 1 nicht nur ebnete, sondern ihm auch schon im Alter von 16 Jahren ein Cockpit anvertraute.

Dass es überhaupt zu dem seit Monaten laufenden Poker kommt, liegt am Dienstwagen des Niederländers. Der RB22 ist nicht titelfähig. Das liegt nicht am Motor, den Red Bull diese Saison erstmals nicht von einem Hersteller bezieht, sondern in Kooperation mit Ford selbst gebaut hat, sondern am Chassis. Vor allem mit der Balance tun sich Verstappen und Teamkollege Isack Hadjar schwer.

Zwar konnte zu Red Bulls Heimrennen in Österreich ein Upgrade geliefert werden, das funktionierte, doch die Lücke zum Rennserienprimus Mercedes beträgt weiterhin rund 0,3 Sekunden pro Runde. Selbst für Verstappen, der 0,1 bis 0,2 Sekunden durch sein Talent wettmachen kann, zu viel, um konstant um Siege zu fahren.

Verstappen gilt als heimlicher Teamchef

Schnelle Besserung ist nicht in Sicht. Der Prozess wird – wenn er denn überhaupt gelingt – Monate dauern. Das liegt in der Natur der Sache und an Unstimmigkeiten bei der Fehlerbehebung. Mehrmals kam es in der laufenden Saison dazu, dass der viermalige Weltmeister und die Red-Bull-Ingenieure uneins waren, wie an bestimmten Wochenenden das Maximum aus dem Auto herausgeholt werden könnte. In Kanada zum Beispiel wollte Verstappen Änderungen an der Balance seines Boliden vornehmen. Das Team glaubte nicht daran, dass seine Vorschläge eine Verbesserung bedeuten würden, und beließ es bei der ursprünglichen Version. Ein Vorgang, der den Niederländer frustrierte. Er fühlte sich nicht gehört.

Ein grundlegendes Problem ist das aber nicht. Verstappen ist mit Abstand der einflussreichste Fahrer aller 22 Piloten in der Rennserie. Nicht einmal der siebenmalige Weltmeister Lewis Hamilton kann bei Ferrari so viel bei der Entwicklung mitreden wie der Niederländer. Um seinen Stellenwert und die damit verbundenen Privilegien, die er bei Red Bull genießt, weiß auch Verstappen. Er gilt im Fahrerlager als heimlicher Teamchef des Energydrink-Konzerns. Dass er nach einem Wechsel zu einem anderen Rennstall ein solches Standing hätte, gilt als ausgeschlossen. Das weiß er, das weiß Red Bull.

Doch Verstappen sitzt am längeren Hebel und möchte für sich das bestmögliche Ergebnis erzielen. Auf und neben der Rennstrecke.

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