Volker Beck hatte eine Vorahnung. Vor Jahren schon prophezeite der Olympiasieger über 400 Meter Hürden, dass „sein Emil“ die deutsche Rekordzeit in seiner einstigen Paradedisziplin verbessern würde: Emil Agyekum, der in Berlin geborene und aufgewachsene Sohn einer ghanaischen Mutter und eines deutschen Vaters.

Als Beck vor vier Jahren mit dem Senior der Familie sprach, um dessen Filius von der Spree an den Main nach Frankfurt in seine Trainingsgruppe zu holen, versicherte er dem Gesprächspartner, dass Agyekum eines Tages schnellster Langhürdler hierzulande sein werde. Becks Weissagung sollte sich bewahrheiten.

Drei Hundertstelsekunden blieb der inzwischen 27 Jahre alte Emil Agyekum in der Vorwoche beim Diamond-League-Meeting in London unter der fast 44 Jahre alten Bestzeit von 47,48 Sekunden, die den Goldlauf von Harald Schmid am 8. September 1982 bei den Europameisterschaften in Athen krönte. Mit der Weltklassezeit wurde auch die älteste nationale Bestmarke in einer Laufdisziplin ausgelöscht.

Becks Reaktion nach dem denkwürdigen Rennen war typisch für den in sich ruhenden Bundestrainer, der sich nach dem Kontinentalchampionat im August in Birmingham aus dem Deutschen Leichtathletik-Verband verabschiedet. Ohne in Euphorie zu verfallen, sagte der 70-Jährige WELT AM SONNTAG: „Es tut natürlich der eigenen Glaubwürdigkeit gut, wenn Vorhersagen wahr werden. Ich freue mich riesig für Emil und seine Familie.“

Beck: „Das spricht für ihn und seinen eisernen Ehrgeiz“

Beck erkannte schon frühzeitig das Potenzial von Agyekum, der als 15-Jähriger erstmals die Stadionrunde mit den zehn Hürden lief, und betreute den Nachwuchsathleten in Trainingslagern. „Mir wurde sehr schnell bewusst, dass Emil ein großes Talent ist“, erzählt Beck. Um seine Begabung auch in sportliche Leistung umzuwandeln, die für Aufsehen sorgt, bedurfte es jedoch eines Wechsels des Trainingsstandortes. „Dass Emil diese Herausforderung annahm, spricht für ihn und seinen eisernen Ehrgeiz“, betont Beck.

Lauf ins Rampenlicht: Emil Agyekum wird bei den Weltmeisterschaften in Tokio Sechster

Wer nicht dorthin geht, wo die Konkurrenz am größten ist, wird nie Weltspitze, lautet eine Maxime des diplomierten Sportwissenschaftlers, zu dessen Vorzeigeathleten auch Nils Schumann gehörte, Olympiasieger 2000 in Sydney über 800 Meter. Zugleich ist Beck überzeugt davon, dass Sportler nur durch den täglichen Wettstreit mit den Besten sowie wettkampfnahes Training ganz nach oben kommen.

Als Topläufer aus der DDR lebte der gebürtige Thüringer nach seinen Leitsätzen, die ihn 1980 als einzigen Deutschen olympisches Gold auf seiner Erfolgsstrecke gewinnen ließen. Drei Jahre zuvor beim Europapokalsieg in Helsinki war Beck als erster Deutscher unter 49 Sekunden geblieben (48,90). In den fünf brisanten Duellen mit seinem westdeutschen Erzrivalen Harald Schmid war er dreimal schneller. Heute sind beide freundschaftlich verbunden.

Unterwegs zum Olympiasieg: Volker Beck am 26. Juli 1980 in Moskau. Der Erfurter gewinnt in 48,70 Sekunden Gold

Für Agyekum hieß es, seine Komfortzone in Berlin zu verlassen, um sich fortan mit den hierzulande Leistungsstärksten in jeder Übungseinheit messen zu können. Joshua Abuaku, Achter der Weltmeisterschaft 2023, oder der Olympia-Halbfinalist Luke Campbell gehören ebenso dazu wie seit einem guten Jahr Shootingstar Owe Fischer-Breiholz.

Der U23-Europameister ist auch amtierender deutscher Meister. Den Titel möchte Agyekum seinem fünf Jahre jüngeren Trainingspartner am Sonntagnachmittag im Lohrheidestadion von Wattenscheid unbedingt wieder abjagen, nachdem er ihn im Sommer 2025 an den Mecklenburger verloren hatte. Für Hochspannung ist gesorgt.

Agyekum hat noch Reserven – und einen hohen Anspruch

Agyekum ist heilfroh, dass er sich für den Umzug nach Frankfurt entschieden hat. Seine Adaption im neuen Umfeld hätte kaum problemloser verlaufen können, bestätigt er. Begünstigt wurde sie durch kontinuierliche Leistungssteigerungen, die sich nicht zuletzt durch sein Vertrauen in das Trainingssystem entwickelt haben. „Emil ist ein Gefühlsmensch, der intensiv in sich hineinhorcht, der seinen Körper bestens kennt“, sagt Beck. So habe Agyekum „ein ganz neues Bewusstsein für das Tempo über die 400 Meter Hürden entwickelt“. Früher sei er immer voll Karacho losgelaufen. „Jetzt habe ich viel mehr Kontrolle und weiß, wie wichtig der Rhythmus ist“, sagt der Rekordhalter.

Als Sechster bei den Weltmeisterschaften in Tokio schob er sich im Vorjahr erstmals so richtig ins internationale Rampenlicht. Es war die beste WM-Platzierung eines Deutschen seit dem dritten Rang von Harald Schmid beim Championat 1987 in Rom.

Bei aller Leidenschaft, die Agyekum bei der Umsetzung der trainingsmethodischen Anforderungen an den Tag legt, sei er aber kein Übungsweltmeister, sagt Beck über seinen Ziehsohn und fügt hinzu: „Das wird er auch nicht werden. Das entspricht nicht seinem Naturell.“

Vielmehr sei Agyekum ein ausgesprochener Wettkampftyp. „Er braucht den Druck, er braucht das Adrenalin, er braucht eine begeisternde Atmosphäre, um seine Fähigkeiten nicht nur auszuschöpfen, sondern auch über seine Grenzen hinauszugehen. Darin ist er absolute Klasse“, schwärmt Beck, dessen jahrelanger Assistent Christian Kupper sein Erbe als Cheftrainer der Trainingsgruppe fortsetzt.

Seine größten Reserven habe Agyekum, der neben seinem Sport ein Fernstudium im Bereich „Life Coaching“ belegt, vor allem in der Grundschnelligkeit. Auch an seiner beidseitigen Hürdentechnik kann er noch feilen, um seinem extremen Anspruch eines Tages zu genügen, nämlich „schnellster Hürdenläufer der Geschichte zu werden“.

Den Weltrekord hält Karsten Warholm. Der Olympiasieger und Weltmeister aus Norwegen lief vor fünf Jahren 45,94 Sekunden – also 1,51 Sekunden schneller als Agyekum bisher, was einer Differenz von 13,3 Metern entspricht. Eine Prognose, wann Agyekum das Meisterstück gelingen könnte, wagt Beck noch nicht.

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