Wenn Jürgen Klopp sein Selbstbewusstsein in Flaschen abfüllen und verkaufen könnte – es würden harte Zeiten für hauptberufliche Psychologen und Therapeuten anbrechen. Der erste öffentliche Auftritt, den der neue Bundestrainer absolvierte, geriet zu einem Exempel, wie einer am Boden liegenden Fußballnation neuer Mut gemacht werden kann – selbst wenn sich noch vor Kurzem niemand hätte vorstellen können, dass dies überhaupt möglich ist.

„Wenn ich für ein paar Sekunden die Augen schließe und mir vorstelle: Deutschland wird in vier Jahren Weltmeister – dann fühlt sich das gut an. Wenn wir das alle gemeinsam machen und uns vorstellen, es wäre so, dann wäre am nächsten Tag der Nachbar nicht mehr so ein Arsch, das Wetter wäre nicht so schlecht und Friedrich Merz würde nicht alles falsch machen“, sagte er. Wie bitte? Sogar der Bundeskanzler könnte kraft unserer positiven Gedanken plötzlich in einem hellen Licht erstrahlen? Das erscheint schon sehr utopisch – von allem anderen ganz zu schweigen.

Doch Klopp ist ein Visionär – jemand, der Menschen mitreißen kann, weil er keine Angst hat, sich den Mund zu verbrennen. Mit klaren Botschaften trat er vor die deutsche Öffentlichkeit und warb über eine Stunde dafür, die Reise, auf die er sich bis mindestens zur WM 2030 mit der Nationalmannschaft begeben wird, wohlwollend, idealerweise mit Optimismus, zu begleiten. Und dann geschah tatsächlich, was in Anbetracht der Tatsache, dass das schmähliche WM-Aus erst 26 Tage zurücklag, als kleines Wunder bezeichnet werden kann: Keiner konnte sich der Aufbruchstimmung entziehen. Die scheinbar plötzliche Erkenntnis: Es gibt selbst nach drei verpatzten Weltmeisterschaften in Serie ein Leben danach.

„Erfolgreicher Fußball kann auch ein Land verändern“, glaubt Klopp

Es sei „eine Ehre“ für ihn, diesen Job zu übernehmen, sagte Klopp. Er verkündete, was vorher längst durchgesickert war: dass Pep Lijnders, Peter Krawietz und Sven Bender seine Co-Trainer werden. Er referierte, wie er mit der Nationalmannschaft wieder intensiven Fußball spielen lassen will – und forderte alle auf, selbst mit anzupacken. Sein Versprechen im Gegenzug: Es werde sich lohnen. „Ich hab dreimal erlebt, wie erfolgreicher Fußball eine Stadt verändern kann“, sagte der frühere Trainer von Mainz, Dortmund und Liverpool: „Und ich bin davon überzeugt, dass erfolgreicher Fußball auch ein Land verändern kann.“ Sollte dies stimmen, dann wäre Klopps Berufung tatsächlich eine Zeitenwende gewesen.

Es könnte übrigens nicht die einzige dieser Art im Weltfußball sein. Denn für den kommenden Dienstag hat auch die französische Fußballföderation FFF zu einer Pressekonferenz geladen. Auch hier fehlte – wie in der Einladung des DFB für Freitag – der Name der Person, um die es gehen wird. Doch wie die Deutschen wussten, dass Klopp es wird, weiß auch jeder Franzose, was passieren wird: Dann wird kein Geringerer als Zinédine Zidane als neuer Nationaltrainer vorgestellt.

Diese Personalie elektrisiert das Land fast noch mehr, als der Klopp-Hype die Deutschen in Atem hält – denn „Zizou“ ist eine landesweite Symbolfigur. Als der mittlerweile 54-Jährige die Fußballnation, die vorher alles andere als groß war, 1998 als Spieler zum ersten Weltmeistertitel geführt hatte, war sein Porträt auf den Arc de Triomphe projiziert worden. Der Ruf „Zidane Président“ hallte durch Paris.

Vor allem gilt Zidane als Synonym für das schöne Spiel – und damit unterscheidet er sich fundamental von dem Image, das seinem Vorgänger Didier Deschamps anhaftete. Ging es Deschamps um Pragmatismus, um Ergebnisse – wird mit Zidane die Hoffnung verbunden, dass die Équipe Tricolore zukünftig einen mitreißenden, inspirierenden Fußball spielen wird. Und dies war den Franzosen, anders als den Deutschen, im Zweifel immer schon wichtiger.

Als Zidane am vergangenen Samstag bei dieser chaotischen 4:6-Niederlage gegen England im Spiel um WM-Platz drei – dem letzten von Deschamps – in Miami auf der Tribüne saß, waren die Weichen längst gestellt. Wie in Deutschland sickerten immer mehr Namen durch, wie der zukünftige Trainerstab aussehen wird: Auch Zidane wird eine Reihe von Vertrauten mitbringen.

Deschamps ging, weil er lange genug da war

Es wird nicht mehr viel übrig bleiben aus der Ära Deschamps, die 14 Jahre andauerte und die bislang die erfolgreichste Epoche des französischen Fußballs war. Deschamps, der dritte Mann, der nach Mario Zagallo und Franz Beckenbauer sowohl als Spieler als auch als Trainer Weltmeister wurde, hat Frankreich in der Weltspitze etabliert. Er hat den Franzosen Ernsthaftigkeit, Seriosität und taktische Disziplin vermittelt. Die FFF, sagte Präsident Philippe Diallo, sei ihm „zu ewigem Dank“ verpflichtet.

Die Tatsache, dass Deschamps geht, hat nichts mit strukturellen Defiziten zu tun. Es gab kein Chaos, wie jenes, das in der Spätphase von Julian Nagelsmann ausgebrochen war. Im Gegenteil: Deschamps ging, weil er lange genug da war. Das Umfeld sei „erdrückend“ geworden, hatte der 57-Jährige gesagt. Der Abnutzungsprozess – die ständige, wenn auch unterschwellige Kritik an seiner kontrollierten Spielweise. All dies, so Deschamps, hätte er selbst zwar auch weiter aushalten können, doch er wollte es der Mannschaft nicht länger zumuten. Selbstloser können die Beweggründe für einen Rücktritt kaum sein. Und der Zeitpunkt für die Stabübergabe ist ideal.

Allein deshalb verbieten sich Vergleiche zur Situation, in der sich die deutsche Nationalelf befindet. Während Klopp am Tiefpunkt übernimmt, baut Zidane auf einem Fundament auf, das stabiler kaum sein kann. Er kann die Mannschaft verändern, muss es aber nicht. Das Team ist gespickt mit Ausnahmespielern und hat seinen Zenit noch längst nicht erreicht. Und eine kommende, starke Generation hat bereits angeklopft: Désiré Doué, 21, Maghnes Akliouche, 24, und Rayan Cherki, 22. Beneidenswertes Frankreich.

Jürgen Klopp ist offiziell als Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vorgestellt worden. „Er ist einfach einer, der es versteht, Menschen mitzureißen, Menschen zu begeistern“, sagt BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel.

Die Frage, die Klopp und seine neuen Mitstreiter bewegt, lautet dagegen: An welcher Weggabelung sind wir im Gegensatz zu den Franzosen, aber auch zu den Spaniern, Engländern und Portugiesen, falsch abgebogen? Er werde „jeden Stein“ umdrehen, versprach Klopp.

Es gibt tatsächlich entscheidende Unterschiede – primär zu den Franzosen. Zwar bilden hier wie da die Leistungszentren der Vereine die Keimzelle der Nachwuchsförderung – doch die FFF leistet deutlich mehr als der DFB. In Clairefontaine gibt es bereits seit 1988 das Institut National du Football, wo schon 13-jährige Talente zwei Jahre lang mit speziellem Training und Unterricht verbringen. Viele Nationalspieler haben sie durchlaufen. Clairefontaine ist internationales Vorbild, auch der DFB ließ sich bei der Konzipierung des DFB-Campus davon inspirieren. Der wurde allerdings erst 2022 fertiggestellt – 34 Jahre nach dem Institut National du Football.

Es braucht mehr als nur große Namen auf der Trainerbank, um in die Weltspitze vorzustoßen oder sich dort zu behaupten. Es ist ein Langzeitprojekt ohne Garantie auf schnellen Erfolg. Doch je klarer die Struktur und je größer die Bereitschaft, in Nachhaltigkeit zu investieren, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, sein Ziel zu erreichen.

Ein leuchtendes Beispiel, was auch ohne große Namen an der Seitenlinie der A-Nationalelf möglich ist, ist der frisch gebackene Weltmeister. Luis de la Fuente, der Trainer der Spanier, hatte, bevor er 2013 zum Verband kam und 2022 die Nationalelf übernahm, nie höher als dritte Liga trainiert – doch er kennt das Ausbildungssystem sehr genau. Viele Spieler, die bei der WM zum Kader gehörten, haben von ihm gecoachte Juniorenmannschaften durchlaufen. Das spanische Konzept ist so schlüssig, dass die „Furia Roja“ nicht darauf angewiesen ist, einen Toptrainer mit internationalem Renommee zu haben – im Gegenteil: Es ist ein Vorteil, wenn der Coach die Ausbildungsinhalte kennt, weil er sie – wie de la Fuente – selbst mitentwickelt hat. Gerade die Entwicklung des spanischen Fußballs dokumentiert, wo andere Nationen den Anschluss verloren haben: bei der Talenteförderung.

Wer daran etwas ändern will, benötigt einen langen Atem. Das wird auch an einer weiteren Trainerpersonalie deutlich. Der italienische Verband hatte die Fühler nach Pep Guardiola ausgestreckt. Doch die Gespräche sind am Freitag geplatzt. Dabei soll es nicht ums Geld gegangen sein. Es gab ein anderes Problem: Angesichts von drei verpassten WM-Teilnahmen in Folge und einem Reformstau in der Nachwuchsarbeit war Guardiola wegen des Aufwands, den es benötigt, um die Probleme zu beheben, beunruhigt, schrieb die „Gazzetta dello Sport“. Schließlich zitierte ihn das Blatt bemerkenswert ehrlich: „Ich fühle mich geehrt, aber im Moment traue ich mir das nicht zu.“

Angst vor dem, was auf ihn zukommt, hat Klopp nicht – und an Ideen und der Energie, sie umzusetzen, mangelt es ihm nicht. Einige der Neuerungen, die am Freitag vorgestellt wurden, lagen auf der Hand. Per Mertesacker wird neuer Geschäftsführer Sport beim DFB. Der Ex-Nationalspieler ist seit seiner Zeit beim FC Arsenal ausgewiesener Fachmann für Talentförderung. Marc Kosicke, Klopps langjähriger persönlicher Berater, wird künftig für Strategie, Entwicklung und Innovation der Nationalmannschaft zuständig sein. Die Zeiten, in denen man sich beim Spagat zwischen Politik und Sport verzettelte und jeden PR-Fettnapf mitnahm, sollen der Vergangenheit angehören.

Die Ära Klopp beginnt ambitioniert und verheißungsvoll.

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