George Russell sitzt seit 2022 bei ­Mercedes am Steuer, fuhr bisher 103 Grands Prix für den deutschen Rennstall. Siebenmal konnte der 28-jährige Brite gewinnen.

Frage: Herr Russell, Sie haben das beste Auto, sind aber nur Dritter in der WM. Warum?

George Russell: Weil ich noch immer dabei bin, diese neue Autogeneration und Motoren zu verstehen. Ich muss noch viel lernen, tue das aber bei jedem Training und jedem Rennen.

Frage: Sie konnten zwei der bisherigen zehn Grands Prix gewinnen. Teamkollege Kimi Antonelli kommt bereits auf sechs Erfolge.

Russell: Bei Kimi ist vieles zusammengekommen an den Wochenenden. Bei mir war das leider ganz anders. Wenn meine Leistung gestimmt hat, wurde ich vom Pech verfolgt – so wie beim technischen Defekt in Kanada oder jetzt am Wochenende in Belgien, als ich in Runde eins mit Lewis (Hamilton; d. Red.) kollidiert bin. Und wenn ich neben der Spur war, hatte ich plötzlich Glück. Es ist ein Auf und Ab, aber nie konstant. Das nervt natürlich, aber gehört zum Racing dazu.

Abgestellt: George Russell landete mit seinem Mercedes in Spa im Kiesbett

Frage: Haben Sie zwischendurch an sich gezweifelt?

Russell: Nein. In der Vergangenheit, als ich jünger war, hatte ich gelegentlich Zweifel, wenn es nicht lief. Mittlerweile bin ich aber zu erfahren, um zu wissen, dass es spezifische Gründe für meinen Misserfolg gibt. Ich weiß, dass ich grundsätzlich alles habe, um den maximalen Erfolg zu haben. Aber dafür muss halt wirklich alles passen. Die Formel 1 verzeiht keine Fehler.

Frage: Woran hakt es immer wieder?

Russell: Das ist nicht eine einzelne Sache, an der es Woche für Woche hapert. Mein Team und ich müssen einfach lernen, das Auto auf den unterschiedlichen Streckenprofilen bestmöglich einzustellen. Dazu gehören das Set-up, das Energiemanagement und auch die Reifen auf die richtige Temperatur zu bekommen. Weil das bisher nicht so klappt, wie wir uns das vorstellen, fehlt mir aktuell ein Stück weit das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis im Auto.

Frage: Erklären Sie das bitte.

Russell: Vergangene Saison wusste ich, dass ich immer das Maximum raushole und nichts auf der Strecke lasse. Dieses Jahr hadere ich mehr.

Frage: Das klingt aber durchaus nach Zweifeln.

Russell: Ich muss mich nicht morgens vor den Spiegel stellen und mir Mut zusprechen. Das ist eher was für andere Sportarten wie Tennis oder Golf. Da hilft es, sich hochzupushen, weil es Punkt für Punkt ist. Bei uns sind es Mann und Maschine, die im Einklang sein müssen. Das sind Feinheiten, die es auszuarbeiten gilt. Ich habe ja nicht verlernt zu fahren.

Frage: Ist Teamkollege Antonelli Ihr größter Rivale in der WM?

Russell: Nein, das bin ich selbst. Ich stand bei fast der Hälfte der Rennen dieses Jahr auf der ­Pole-Position, konnte aber nur zwei Grands Prix gewinnen. Das zeigt: Ich habe den Speed, den es für den Gewinn der WM braucht. Wenn ich meine 100 Prozent erreiche, schlage ich jeden. Von daher muss ich eher gucken, dass ich meine 100 Prozent erreiche.

„Dann schlage ich jeden“: George Russell (rechts) und McLaren-Pilot Oscar Piastri

Frage: Teilen Sie mit Antonelli noch die Daten?

Russell: Ja. Es gibt keine Geheimnisse zwischen uns, weil wir uns das als Team nicht erlauben können. Wir lernen jedes Wochenende so viel über diese neue Autogeneration, dass, wenn wir uns da limitieren würden, die Konkurrenz vorbeiziehen würde.

Frage: Hat sich Ihre Beziehung zueinander trotzdem verändert? Vergangene Saison waren Sie lediglich Teamkollegen, jetzt sind Sie Titelkonkurrenten.

Russell: Ich habe Kimi vergangenes Jahr mit dem gleichen Respekt behandelt wie dieses Jahr und die Jahre zuvor auch Lewis (Hamilton). Es spielt für mich keine Rolle, ob einer seine erste Saison in der Formel 1 fährt oder siebenmaliger Weltmeister ist. Wer auch immer mein Teamkollege ist, ist er derjenige, mit dem ich die Garage und die Meetings mit den Ingenieuren teile – und er ist derjenige, den ich schlagen möchte.

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Frage: Im Fahrerlager wird gemunkelt, dass Mercedes Antonelli bevorzugt. Wie stehen Sie dazu?

Russell: Das halte ich für Quatsch. Kimi wird nicht bevorzugt. Schauen Sie: Medien suchen die bestmögliche Story, um die meisten Klicks zu machen und viele Zeitungen zu verkaufen. Wenn sie die Wahrheit schreiben würden, hätten sie vermutlich Probleme, ihre Zielsetzungen zu erreichen. Aber um ehrlich zu sein, interessiert es mich auch nicht, was in den Medien steht. Ich verfolge allgemeine Nachrichten, aber keine zur Formel 1. Ich kenne die Wahrheit und weiß, welche Wertschätzung ich im Team genieße. Toto (Teamchef Wolff) hat keinen Lieblingsfahrer.

Frage: Was sagen Sie zu den Spekulationen rund um Ihr Cockpit? Max Verstappen wird seit Monaten damit in Verbindung gebracht.

Russell: Da ist es das gleiche: Viele glauben, dass sie die Wahrheit kennen, aber eigentlich tun das nur einige wenige. Ich habe einen Vertrag für nächstes Jahr. Damit ist die Sache erledigt.

Frage: Verträge sind in der Formel 1 bekanntermaßen nicht viel wert.

Russell: Ich fahre für Mercedes 2027.

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