Mit einem neuen Angebot für Menschen mit Demenz beschreitet der 1. FC Union Berlin Neuland. Gemeinsam mit den Berliner Maltesern fand am Dienstag in der Alten Försterei erstmals eine Stadionführung für Menschen mit Demenz und ihre Begleitpersonen statt. Nach Angaben der Organisatoren war es die erste Führung dieser Art in einem deutschen Fußballstadion.
Mehr als 65.000 Menschen leben in Berlin mit einer Demenz. Viele Freizeit- und Kulturangebote sind für sie nur eingeschränkt geeignet. Gleichzeitig bleiben Erinnerungen an prägende Lebensereignisse häufig lange erhalten. Genau daran knüpft das Projekt an.
Die rund zehn Teilnehmer und ihre Begleitpersonen durchlaufen zwar viele Stationen einer klassischen Stadionführung – vom Presseraum über die Tribüne und die Gästekabine bis an den Spielfeldrand. Der Ablauf unterscheidet sich jedoch bewusst von regulären Touren. Es gibt mehr Pausen, mehr Gespräche und weniger Informationen. Statt Zahlen und Vereinsgeschichte stehen Erinnerungen im Mittelpunkt.
Mehr Erinnerungen statt Vereinsgeschichte
„Der Hauptfokus ist: weniger ist mehr“, sagt Stadionführer Jens Oestreich, der das Konzept mitentwickelt hat. „Wir arbeiten viel mit Erinnerungen. Wir versuchen viel über das Langzeitgedächtnis zu erreichen.“
Das Wappen von Union Berlin prangt im Innenraum der Alten FörstereiOestreich engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich bei den Stadionführungen des Vereins. An der Entwicklung des neuen Formats habe er auch deshalb gern mitgewirkt, weil es in seiner eigenen Familie Demenzfälle gegeben habe.
Immer wieder entstehen während der Führung kleine Gespräche, emotionale Momente. Ein Teilnehmer blickt aus dem obersten Stock auf den Rasen und sagt gerührt: „Ich freue mich, dass ich hier bin. So ein schöner Ort.“
Für Karl Heinz Jungclaus ist die Führung etwas ganz Besonderes. „Ich wäre ja hier nie reingekommen, weil ich ja auch mittlerweile behindert bin“, sagt er. „Das ist was ganz Besonderes, weil ich ja auch Fußball gespielt hab. Fußball ist ja auch was, wo man mal seine Emotionen loslassen kann.“
Demenz-Angebote – die Nachfrage steigt
Der Bedarf nach mehr kulturellen Angeboten für Menschen mit Demenz ist nach Angaben der Malteser sehr groß. „Unsere Veranstaltungen sind fast alle direkt ausgebucht. Auch die nächste Stadionführung hat schon eine lange Warteliste“, sagte die Projektkoordinatorin der Malteser, Lilly Parr. „Das zeigt, wie wichtig es ist, dass wir noch mehr demenzfreundliche Angebote schaffen.“
Vier weitere Führungen sind in diesem Jahr bereits geplant. Zugleich denken die Initiatoren über weitere Formate nach. So laufen erste Gespräche mit dem Berliner Olympiastadion. Perspektivisch könnten auch Konzertveranstaltungen in den Blick rücken, um Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen den Besuch kultureller Veranstaltungen zu erleichtern.
Das Angebot ist Teil des Malteser-Projekts „Mehr (er)leben“, das Kultur- und Freizeitorte stärker für die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz sensibilisieren soll. Nach Führungen in Museen und Schlössern ist die Alte Försterei nun das erste Fußballstadion, das sich an dem Konzept beteiligt. Gefördert wird das Projekt durch die Deutsche Fernsehlotterie sowie die Stiftung Berliner Sparkasse.
Die nächste Stadionführung ist bereits ausgebucht – inklusive Warteliste„Im Stadion entstehen Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben. Genau daran knüpft dieses Angebot an. Es geht nicht um Ergebnisse oder Tabellenplätze, sondern um das Gefühl, wieder mittendrin zu sein“, sagt Christian Arbeit, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „UNION VEREINT. Schulter an Schulter“, der auch als Stadionsprecher an der Alten Försterei arbeitet.
Als die Besucher die Heimstätte von Union Berlin verlassen, ist die Diagnose für einen Moment in den Hintergrund gerückt. Im Mittelpunkt stehen die gemeinsamen Erinnerungen – und der Fußball. Zum Abschluss erklingt noch einmal die Vereinshymne. „Wir werden ewig leben“, schallt am Ende die Stimme von Nina Hagen durch die Alte Försterei. Viele der Teilnehmer singen lautstark mit.
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