Trainer Christoph Daum sagte einst, eine Weltmeisterschaft sei wie eine Weltausstellung des Fußballs. Man könne bei einer WM taktische Ideen aus allen Teilen des Erdballs entdecken. Die Weltmeisterschaft 2026 entpuppte sich weniger als Weltausstellung, sondern viel eher als Zeugnis der voranschreitenden Globalisierung. Die Spannbreite der taktischen Konzepte hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Selbst afrikanische und südamerikanische Nationalteams könnten mittlerweile als europäische Vereinsmannschaften durchgehen.
So hat sich das Niveau erhöht: Obwohl an der WM 2026 mehr Nationen teilnahmen als an den 22 Weltturnieren zuvor, blieben Kantersiege wie Deutschlands 7:1 gegen Curaçao die Ausnahme. Außenseiter wie Kap Verde oder Ghana verfügten über die taktischen Mittel, die Favoriten vom eigenen Tor fernzuhalten. Es gibt aber auch kaum mehr Unterschiede zwischen den einzelnen Teams, was Formation und Spielsystem angeht.
Die Einheitsformation der Viertelfinalisten
Das gilt vor allem für die erfolgreichsten Teams dieser WM. Von den acht Viertelfinalisten haben sieben auf dieselbe taktische Formation gesetzt. Einzige Ausnahme bildete Argentinien. Lionel Scalonis Team wendet seit dem Achtelfinale eine 4-1-3-2-Formation an. Allerdings setzten auch die Argentinier im Turnierverlauf jene Einheitsformation ein, die derzeit den Verbandsfußball dominiert.
Auf dem Papier sieht diese Formation aus wie ein 4-2-3-1. In der Praxis verteidigen die Mannschaften mit zwei Viererketten. Im hohen Pressing laufen ein Stürmer und ein offensiver Mittelfeldspieler die gegnerischen Verteidiger im 4-4-2 an. Wenn sich die Mannschaft tiefer zurückzieht, lässt sich der hohe Mittelfeldspieler fallen. Es entsteht ein kompaktes 4-5-1. So verbinden die Teams ein druckvolles Pressing mit einer kompakten Verteidigung in der eigenen Hälfte.
Jürgen Klopp ist begeistert von der Spielweise der Franzosen. Im Halbfinale könnte mit Spanien ein erster würdiger Gegner auf das Starensemble warten. „Irgendwer muss sie mal richtig fordern“, sagt Klopp.Im Spiel mit dem Ball sticht vor allem die Aufteilung des Mittelfelds ins Auge: Ein Sechser gestaltet das Spiel zusammen mit den Innenverteidigern. Ein Zehner bietet sich im offensiven Mittelfeld an, während ein Achter zwischen den beiden agiert. Diese Aufteilung findet sich bei praktisch allen erfolgreichen Teams.
Die Vielfalt der Formationen ging bei dieser Weltmeisterschaft verloren. In der Gruppenphase haben manche Teams noch mit einer Fünferkette verteidigt oder mit zwei Stürmern angegriffen. Diese Nationen schieden jedoch früh im Turnier aus. Vor vier Jahren war die taktische Varianz unter den Topteams größer.
Die neue Rolle der Außenverteidiger
In vielen Duellen der K.-o.-Runden agierten beide Mannschaften mit deckungsgleichen 4-2-3-1-Formationen. Das erleichtert das Verteidigen: Jeder Mittelfeldspieler konnte seinen direkten Gegenspieler decken.
Die größten Unterschiede gab es in der Rolle der Außenverteidiger. Sie müssen längst nicht mehr nur den Flügel beackern. Bei zahlreichen Nationalteams kommt ihnen die Rolle zu, im Zentrum den Spielaufbau zu unterstützen.
In manchen Partien besaß ihre Spielintelligenz eine entscheidende Rolle. England lag gegen Ghana 0:1 zurück, als Trainer Thomas Tuchel seine Außenverteidiger aufforderte, öfter den Flügel entlangzumarschieren. Es half, Ghana über die Seiten zu knacken. Details wie diese können mitentscheidend sein, wenn sich beide Teams über eine ähnliche Formation neutralisieren.
Die Stars machen den Unterschied
Solche taktischen Spitzfindigkeiten spielten bei dieser WM nur eine untergeordnete Rolle. Es waren die großen Stars, die das Scheinwerferlicht auf sich zogen. Die Torjäger-Liste wird angeführt von Kylian Mbappé (zehn Tore), Lionel Messi, (acht), Erling Haaland (sieben), Jude Bellingham (sieben) und Harry Kane (sechs). Michael Olise hat die meisten Torvorlagen geliefert (sechs). Die großen Stars des Klubfußballs sind auch die herausragenden Spieler dieser WM.
Sekunden nach Senegals Anschlusstor stellt Kylian Mbappe in einer wilden Nachspielzeit den alten Abstand mit einem traumhaften Distanzschuss wieder her. Sehen Sie die zwei Last-Minute-Treffer hier im Video.Diese Tatsache hängt eng mit der taktischen Entwicklung zusammen. Wenn immer häufiger deckungsgleiche Spielsysteme aufeinandertreffen, gibt es für kein Team einen taktischen Vorteil. Hier kann eine Aktion eine Partie entscheiden: eine präzise Flanke, ein Dribbling oder ein Fernschuss genügt, um die taktischen Fesseln zu sprengen.
Zugleich spiegelt dieser hohe Fokus auf Starspieler die Entwicklung des Sports wider: Die Qualität der Offensivspieler hat sich in den vergangenen Jahren enorm erhöht. Für Defensivspieler gilt das nicht im selben Maße. Die erfolgreichen Trainer dieser Weltmeisterschaft haben ihren Schlüsselspielern viel Verantwortung übertragen, etwa Norwegens Ståle Solbakken oder Frankreichs Didier Deschamps. Selbst der als Kontrollfreak bekannte Tuchel hat sein Team vollends auf die Superstars Kane und Bellingham zugeschnitten.
Die taktisch Besonderen bleiben auf der Strecke
Im Umkehrschluss scheiterten die stärker taktisch geprägten Teams früh. An erster Stelle steht hier Deutschland. Trainer Julian Nagelsmann hatte ein komplexes Ballbesitzsystem gebastelt, das allerdings spätestens gegen Paraguay nicht mehr funktionierte. Auch die US-amerikanische Mannschaft setzte auf eine ähnliche Mischung aus 3-6-1 und 4-2-3-1. Ausgefallene Ideen im Ballbesitz waren bei dieser WM nicht gefragt.
Doch auch das andere Extrem versprach keinen Erfolg. Deutschland-Bezwinger Paraguay kam weiter als jeder andere Vertreter des Mauerfußballs, scheiterte letztlich aber im Achtelfinale an Frankreich. So haben die acht Viertelfinalisten alle gemein, dass sie vergleichsweise viele Pässe spielten: Sie finden sich allesamt unter den Top-16-Nationen, was die Zahl der Pässe pro Partie betrifft.
Das steht im krassen Kontrast zum Klubfußball: Hier hatten in der vergangenen Spielzeit die taktisch extremen Teams den größten Erfolg. Paris St. Germain und Bayern München setzten auf eine Manndeckung auf dem ganzen Feld, während Arsenal einen hohen Fokus auf Standards und Stabilität legte.
Afrikaner spielen genauso diszipliniert wie Europäer
Eine kleine Überraschung bildeten die afrikanischen Nationen. Neun der zehn Teilnehmer überstanden die Gruppenphase. In der K.-o.-Phase hatten Kap Verde und Ägypten Weltmeister Argentinien am Rande einer Niederlage.
Diese Weltmeisterschaft bewies endgültig, dass das Klischee des unorganisierten afrikanischen Fußballs nicht mehr zutrifft. Kap Verde und Ghana stellten die wohl am schwersten zu knackenden Defensivreihen dieses Turniers. Sie bauten eine kompakte 4-5-1-Formation am eigenen Strafraum auf. So haben die afrikanischen Nationen bei dieser WM nur unwesentlich mehr Tore pro Spiel kassiert als die europäischen (1,5 zu 1,3).
Senegal erhöht! In der 51. Minute nimmt Ismaila Sarr einen starken Ball in die Spitze mit der Brust an und schließt dann sehenswert in den Winkel ab. Sehen Sie das 2:0 gegen Belgien hier im Video.Zugleich ging der hohe Fokus auf eine stabile Defensive zulasten der Offensive. Das traf nicht nur auf die afrikanischen, sondern vor allem auf die südamerikanischen Nationen zu. In Brasilien brach nach dem Turnier eine Debatte aus, ob die Fußballgroßmacht nicht zum Sambafußball zurückkehren solle, anstatt wie europäische Teams kompakt zu verteidigen.
Ecken und Freistöße spielen nur eine geringe Rolle
Standardsituationen spielten während der WM 2026 eher eine Nebenrolle. Rund 18 Prozent aller Tore fielen nach Ecken oder Freistößen. Der Anteil hat sich im Vergleich zum Weltturnier von vor vier Jahren Katar leicht erhöht; damals lag er bei 15 Prozent. Er ist jedoch weit entfernt von den Weltmeisterschaften 2014 und 2018. Damals fielen rund 25 Prozent aller Tore nach ruhenden Bällen, also etwa jeder vierte Treffer.
Dass Standards bei diesem Turnier keine größere Rolle gespielt haben, überrascht auf den ersten Blick. In der englischen Premier League fiel in der vergangenen Saison jeder vierte Treffer auf diese Art. In der Vergangenheit war es genau andersrum: Standards waren für Nationalteams wichtiger als für Klubmannschaften. Nationaltrainer haben weniger Zeit, komplexe Spielzüge einzuüben. Die Kosten-Nutzen-Rechnung für Standards fällt relativ günstig aus.
Einen Beitrag zu diesem Trend hat der Weltverband Fifa geleistet. Als Deutschland gegen Paraguay das vermeintliche 2:1 nach einem Eckball erzielte, meldete sich der Videoassistent. Waldemar Anton stand dem gegnerischen Torhüter Orlando Gill im Weg. Weder in der Premier League noch in der Champions League wäre dieser Treffer aberkannt worden. Die Fifa handhabt solche Situationen anders. „Trainer und Spieler wurden darüber informiert“, sagte Pierluigi Collina, der Chef der Fifa-Schiedsrichterkommission, in Anspielung auf die strittige Situation. Hier zeigt sich, wie eng fußballerische Trends mit der Regelauslegung zusammenhängen.
Spanien weist den Weg
Auch wenn sich der Spielstil vieler Nationen angleicht: Die erfolgreichsten Teams verfolgen eine klare Strategie. Spaniens Tiki-Taka-Fußball war auch bei dieser WM unverkennbar. Frankreich überzeugte durch Individualismus, England durch Dynamik. Obwohl alle Teams dieselbe 4-2-3-1-Formation nutzten, sah ihr Spiel in der Praxis unterschiedlich aus. Hier zeigt sich, dass eine klare Spielphilosophie im Zweifel mehr wiegt als die konkrete taktische Ausgestaltung.
Spaniens Matchwinner Pedro Porro spricht nach dem Sieg gegen Frankreich über die Leistung der spanischen Mannschaft. „Jetzt erst mal ausruhen“, sagt Porro. Am Sonntag trifft Spanien im Finale auf den Sieger der Partie zwischen England und Argentinien.Dass ausgerechnet Europameister Spanien als Favorit in das Finale geht, bekräftigt die Wichtigkeit einer klaren Spielidee. Je stärker sich die Formationen der Teams angleichen, desto wichtiger wird eine eingespielte Mannschaft. Kein Team bei dieser WM verkörperte stärker einen nationalen Stil als Spanien. Die Iberer haben bei der „Weltausstellung des Fußballs“ ihren eigenen Stil präsentiert – mit Erfolg.
Tobias Escher, 38, ist freier Journalist und Buchautor. Der Taktikexperte ist Mitbegründer des Blogs „spielverlagerung.de“ – und schreibt zudem auf seinem privaten Blog „Laptoptrainer.de“ über Entwicklungen im Fußball.
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