Die gute Nachricht dieser Weltmeisterschaft kurz vor dem Endspiel zwischen Spanien und Argentinien an diesem Sonntagabend (21.00 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) ist: Der Fußball lässt sich tatsächlich verbessern. Die schlechte: Die Fifa scheint daraus den Schluss zu ziehen, künftig einfach alles regulieren zu wollen.

Dabei hat das Turnier durchaus gezeigt, dass gute Reformen funktionieren können. Vor allem der Kampf gegen das Zeitspiel war überfällig. Wer nach einer Behandlung liegenblieb, ließ seine Mannschaft künftig eine Minute in Unterzahl spielen. Wer bei einer Auswechslung trödelte, riskierte ebenfalls einen kurzfristigen Nachteil für das eigene Team. Auch Torhüter konnten sich beim Abwurf nicht mehr beliebig Zeit lassen. Plötzlich standen Spieler schneller auf und verließen deutlich zügiger den Platz. Gute Regeln erkennt man daran, dass sie Verhalten verändern.

Ganz so eindeutig fällt die Bilanz allerdings nicht aus. Zwar schienen Spieler schneller aufzustehen und Auswechslungen zügiger über die Bühne zu gehen. Gleichzeitig führten neue Unterbrechungen – primär die Trinkpausen – an anderer Stelle wieder zu verlorener Zeit.

So lag die effektive Spielzeit nach der Vorrunde bei knapp 58 Minuten und damit sogar leicht unter dem Wert der EM 2024. Schiedsrichterexperte Patrick Ittrich zog deshalb bei Magenta TV ein differenziertes Fazit: Einige der neuen Regeln hätten die Netto-Spielzeit kaum erhöht, manche den Ablauf sogar eher verkompliziert als beschleunigt. Genau dort beginnt das eigentliche Problem dieser WM.

Wenn jede Ausnahme zur neuen Regel wird

Die Fifa scheint inzwischen für jedes Problem eine neue Spezialregel erfinden zu wollen. Hand vor den Mund während eines hitzigen Wortgefechts? Rote Karte. Mannschaft verlässt aus Protest den Platz? Rote Karte. Trainer fordert seine Spieler dazu auf? Ebenfalls Rot. Jede einzelne Regel mag für sich genommen begründbar sein und aus einem Auslöser resultieren, wie etwa als der Senegal im Endspiel des Africa Cups aus Protest kollektiv den Platz verließ. Zusammengenommen entsteht jedoch ein Regelbuch, das von Turnier zu Turnier dicker wird.

Besonders deutlich zeigt sich das bei der neuen Regel gegen das Verdecken des Mundes. Auslöser war ein mutmaßlich rassistischer Vorfall in der Champions League. Künftig kann bereits die Geste selbst zum Platzverweis führen. Paraguays Nationalspieler Miguel Almirón wurde bei dieser WM als erster Profi überhaupt nach der neuen Vorschrift vom Platz gestellt. Das eigentliche Problem folgt aber erst danach: Die Uefa hat bereits angekündigt, die Regel gar nicht übernehmen zu wollen. Genau das darf nicht passieren.

Denn Fußball lebt von seiner Einheitlichkeit und Einfachheit. Wer am Sonntag Kreisliga spielt, sollte dieselben Grundregeln kennen wie die Stars im WM-Finale, natürlich abseits des VAR. Wer heute die Weltmeisterschaft schaut und morgen die Champions League einschaltet, sollte nicht erst überlegen müssen, welches Regelwerk gerade gilt. Der Fußball darf kein Flickenteppich werden. Sonst verliert der Zuschauer den Überblick und somit langfristig das Interesse.

Was für eine dämliche Aktion von Breel Embolo: Der Schweizer lässt sich zu einer peinlichen Schwalbe hinreißen und fliegt nach Videoüberprüfung völlig zurecht vom Platz. Sehen Sie die Szene hier im Video.

Auch beim VAR hat die Fifa überwiegend an den richtigen Stellschrauben gedreht. Dass offensichtliche Fehlentscheidungen bei Gelb-Rot-Platzverweisen oder falsch bestraften Spielern korrigiert werden können, erhöht grundsätzlich die Gerechtigkeit. Das Viertelfinale zwischen der Schweiz und Argentinien zeigte allerdings auch, wie schnell neue Befugnisse ausufern können. Eigentlich griff der VAR lediglich ein, weil der Schiedsrichter den falschen Spieler verwarnt hatte. Doch statt diese Verwechslung zu korrigieren, nutzte die Fifa die Gelegenheit, die komplette Szene neu zu bewerten.

Aus einem vermeintlichen Foul an Breel Embolo wurde nachträglich eine Schwalbe. Die Folge für Embolo: Gelb-Rot. Formal bewegte sich das innerhalb der von der Fifa für dieses Turnier gewählten Auslegung. Gerade das macht den Fall so bemerkenswert: Aus einer Identitätskorrektur wurde plötzlich eine vollständige Neubewertung der Szene. Solche Fälle zeigen, wie schnell zusätzliche Eingriffsmöglichkeiten neue Grauzonen und Probleme schaffen.

Der Fußball endet nicht im WM-Finale

Ähnlich verhält es sich mit der Kapitänsregel. Dass künftig nicht mehr zehn Spieler gleichzeitig den Schiedsrichter bedrängen sollen, ist längst überfällig. In der Praxis rannten allerdings auch bei dieser Weltmeisterschaft regelmäßig mehrere Profis auf den Unparteiischen zu und redeten auf ihn ein. Folgen gab es keine. Gute Regeln brauchen eben nicht nur einen guten Gedanken, sondern auch konsequente Durchsetzung.

Noch umstrittener bleiben die verpflichtenden Trinkpausen. In allen Spielen wurde unabhängig von Wetter und Stadion nach rund 22 Minuten jeder Halbzeit unterbrochen, Werbepausen für die TV-Zuschauer inklusive. Gesundheitsschutz ist selbstverständlich richtig. Trotzdem verändern diese Pausen den Charakter eines Fußballspiels. Englands Trainer Thomas Tuchel sagte schon während des Turniers, dass sie den Rhythmus stärker beeinflussten als erwartet.

Auch der Kapitän der niederländischen Nationalmannschaft, Virgil van Dijk, kritisierte die Unterbrechungen. Tatsächlich zeigten mehrere Momentum-Analysen während des Turniers, dass Mannschaften nach den Hydration Breaks regelmäßig ihren Rhythmus verloren und sich das Spiel neu sortierte. Bereits am ersten Gruppenspieltag fielen zwölf der 75 Tore innerhalb der ersten fünf Minuten nach einer Trinkpause. Dieser Effekt relativierte sich zwar im weiteren Turnierverlauf, die Debatte über den Eingriff in den Spielfluss aber blieb.

Wer glaubte, das Fifa-Regelbuch sei nach all den Neuerungen vollständig, wurde eines Besseren belehrt. Die kurioseste Neuerung des Turniers stand nämlich gar nicht darin: der Präsidentenjoker. Nachdem US-Stürmer Folarin Balogun Rot gesehen hatte, wurde seine Sperre nach einem Telefonat zwischen Donald Trump und Fifa-Präsident Gianni Infantino wieder aufgehoben. Es wirkte nur wie die logische Pointe einer Weltmeisterschaft, die ständig neue Sonderfälle produzierte und sich auch vor dem Einfluss der Politik nicht mehr scheut.

Nach der Rücknahme einer roten Karte gegen Balogun bei der Fußball-WM steht Fifa-Präsident Infantino wegen mutmaßlicher Einflussnahme durch Trump in der Kritik. „Zwischen denen geht nichts mit rechten Dingen zu“, sagt Sportredakteur Walter M. Straten.

Und dann ist da noch der Blick auf den Amateurfußball. Auf einer Weltmeisterschaft mit vier Offiziellen, modernster Technik und Videoschiedsrichtern mag es funktionieren, Countdowns herunterzuzählen, Trinkpausen zu koordinieren, neue VAR-Kompetenzen anzuwenden und immer neue Spezialregeln umzusetzen. Doch was passiert danach? Der Fußball endet nicht im WM-Finale, sondern auf Tausenden Amateurplätzen. Dort steht häufig nur ein Schiedsrichter auf dem Feld. Soll auch er künftig herunterzählen, neue Zeitregeln überwachen und immer komplexere Vorschriften anwenden? Wo wird die Grenze gezogen?

Die Fifa sollte aus dieser Weltmeisterschaft vorwiegend eines mitnehmen: Der Fußball braucht kein immer dickeres Regelbuch. Er braucht Regeln, die überall gelten, leicht verständlich sind und Probleme tatsächlich lösen. Denn die größte Stärke dieses Sports war nie seine Perfektion, sondern seine Einfachheit.

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