Jan Henkel wusste ganz genau, in welche Rolle er sich begeben hatte. „Da bin ich mal der Partycrasher“, sagte der Taktik-Experte von MagentaTV zum Ende seiner Ausführungen, bevor er aus dem Studio in München zurück ins Stadion nach Miami zu Moderatorin Laura Wontorra und Expertin Tabea Kemme gab.
Für den neutralen Fan war das 6:4 (4:0) von England gegen Frankreich das spektakulärste Spiel dieses Turniers. Für einen Taktik-Fanatiker wie Henkel, der neben allerhand Spielzügen in den letzten sechs WM-Wochen auch schon die Laufwege von Flitzern und den Auftritt von berühmten Hunden auf der Tribüne analysiert hat, muss es das pure Grauen gewesen sein. Jedenfalls holte er zu einer zweieinhalbminütigen Demontage des Gesehenen aus.
England sichert sich in einem epischen Spiel die Bronzemedaille. Zur Pause liegen die Three Lions mit vier Toren vorne, doch dann startet Frankreich eine irre Aufholjagd und rettet sich beinahe in die Verlängerung. Sehen Sie die Highlights hier im Video.„Das wird dem amerikanischen Publikum richtig gut gefallen haben, weil es einfach so ein bisschen wie bei den Harlem Globetrotters (berühmtes Basketball-Showteam, d. Red.) war. Ein großes Happening, viele Tore“, sagte Henkel. Dann folgte der Bruch: „Rein fußballerisch war das teilweise bodenlos. Also die erste Hälfte war bodenlos von den Franzosen, richtig schlecht. In der zweiten Hälfte waren die Engländer schwach. Also rein fußballerisch war das nicht so gut.“
Tatsächlich waren die beiden Halbzeiten völlig unterschiedlich. In Durchgang eins dominierten die Engländer, rollten förmlich über die Franzosen, denen die Bronzemedaille – so schien es – egal war. 4:0 der Halbzeitstand. Dann folgte das konträre Bild, das Aufbäumen der Franzosen: Das Star-Ensemble um Kylian Mbappé kam auf 4:3 heran, war plötzlich drauf und dran, das Spiel um Platz drei völlig auf den Kopf zu stellen. England aber rettete sich, anders als im Halbfinale gegen Argentinien (1:2) über die Zeit, auch weil Bukayo Saka (87.) und Jude Bellingham (90.+8) spät trafen.
„Es sah aus wie auf dem Schulhof“
Eines hatten beide Spielabschnitte dann aber doch gemeinsam: von besonderem taktischen Verständnis waren sie nicht geprägt, auf keiner der beiden Seiten. Von diszipliniertem Abwehrverhalten war genauso wenig zu sehen wie von einem kompakten Mittelfeld oder aggressiven Defensivzweikämpfen. Stattdessen agierten beide Mannschaften mit offenem Visier – oder wie Henkel es ausdrückte: „Es sah ein bisschen aus wie auf dem Schulhof.“
Bei Henkel hätten sich während des laufenden Spiels Trainer gemeldet, „die gesagt haben, dass das mit Fußball wenig zu tun hat, was dort abgelaufen ist. Es war einfach nur ein Happening mit zehn Toren“. Sein Fazit: „Unterhaltung ja, Fußball nein.“
Zuspruch bekam Henkel in Teilen sowohl von Expertin Kemme als auch von der internationalen Presse. „Ich verstehe die Ansicht. Ich habe ja auch die deutsche Fußballschule durchlaufen. Da hätte ich auf jeden Fall einen ordentlichen Ranzen mitgekriegt“, sagte die frühere deutsche Nationalspielerin bezogen auf eine mögliche Reaktion, wenn sie eine solche taktische Leistung wie die Akteure in Miami abgeliefert hätte. „Aber dieses Hin und Her trifft natürlich auch ein Stück weit das Fußballer- und Fußballerinnenherz“, fügte Kemme noch an.
Auch die internationalen Kommentatoren schwärmten vom Unterhaltungswert, machten allerdings in Henkels Sinne deutliche Einschränkungen. „Das war das Niveau eines Wohltätigkeitsspiels. Soccer Aid. Baller League. Kein richtiger Fußball“, schrieb die englische „Daily Mail“. Die spanische „As“ schrieb von einem Gefühl wie bei einem „Freundschaftsspiel“ und der Schweizer „Blick“ analysierte: „Auf Verteidigen hat im Spiel um Platz drei niemand Bock“.
Deschamps hält Dankesrede
Magenta-Mann Henkel tat vor allem Trainer Didier Deschamps leid. Für den 57-Jährigen war es das letzte Spiel als französischer Nationaltrainer. „Nach 14 Jahren, einem Weltmeistertitel, Sieg in der Nations League, ist es ein bisschen schade, wie es zu Ende gegangen ist“, sagte Henkel.
Deschamps hatte anderes im Sinn, als taktische Fehler zu analysieren. Er beendete sein Interview mit einer Dankesrede. „Ich habe viele Danksagungen gehört. Ich möchte vielen Leuten auch Danke sagen. Ich bin nicht der Einzige. Da gehört ein ganzer Stab dazu. Kompetente Leute. Natürlich muss man die richtigen Spieler und Menschen auswählen. Aber der Wille, so weit zu gehen, wie es geht, um die französische Mannschaft so weit nach oben zu führen, wie es geht: Für mich gibt es nichts Schöneres im Leben eines Fußballers, als dieses Trikot zu tragen“, sagte Deschamps.
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