Der frühere spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy hat mit einer rassistischen Äußerung vor dem WM-Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich für einen Eklat gesorgt. Der frühere Politiker der konservativen Volkspartei PP schrieb in einem Beitrag für die Digitalzeitung „El Debate“, Frankreich verfüge über einen Kader auf höchstem Niveau. Allerdings stünden keine Franzosen in dem Fußballteam, behauptete er.
Rajoys Beitrag stieß sowohl in Frankreich als auch in Spanien vor der Partie am Dienstag (21.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) in Dallas auf scharfe Ablehnung. Die Sprecherin der Regierung von Emmanuel Macron, Maud Bregeon, sagte bei RTL: „Diese Äußerungen sind abscheulich und zeugen von einer großen Unkenntnis der französischen Geschichte, dessen, was Frankreich ausmacht, und des Stolzes der Franzosen auf ihre Nationalmannschaft.“
Frankreichs Fußballverbandspräsident Philippe Diallo schrieb auf X: „Mariano Rajoys Äußerungen über die französische Nationalmannschaft zeugen von unerträglichem Rassismus. Sie werfen zudem Fragen nach dem verwerflichen Klima auf, das solchen Gestank erst ermöglicht. Unsere Spieler brauchen keine Staatsbürgerurkunden von einem Ex-Ministerpräsidenten aus Spanien.“ Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez erklärte bei BFMTV: „Das ist absolut inakzeptabel, das entspricht überhaupt nicht den Werten Frankreichs.“
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez, der Rajoy 2018 vor dem Hintergrund von Korruptionsaffären bei der konservativen Volkspartei Partido Popular (PP) per Misstrauensabstimmung gestürzt hatte, verlinkte bei X einen Beitrag mit zahlreichen kritischen Kommentaren zu seinem Vorgänger und schrieb selbst: „Manche definieren Zugehörigkeit noch immer über Nachnamen, Geburtsort oder Hautfarbe. Andere von uns definieren sie über ihre tiefe Verbundenheit mit einem Land und ihre Bereitschaft, sich für es einzusetzen. Indem wir Fußball spielen. Indem wir uns um unsere Älteren kümmern. Oder indem wir Unternehmen gründen.“
Auch Spaniens Außenminister äußert sich
Spanien gehöre denen, die es lieben: „Nicht denen, die es mit xenophoben Äußerungen beschämen. Frankreich, wir sehen uns im Halbfinale. Möge die beste Mannschaft gewinnen und der Rassismus verlieren.“
Nachdem die Worte von Rajoy am Wochenende zunächst nur in Frankreich für große Aufregung gesorgt hatten, geht nun auch in Spanien eine Welle der Empörung durchs Land. Außenminister José Manuel Albares sagte vor Journalisten: „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind schwere Übel der Seele. Wir werden nicht zulassen, dass jemand dieses Gift in unser Land bringt.“ Alle Franzosen, ohne jede Unterscheidung, seien „unsere Freunde, unsere Nachbarn und unsere Partner“, betonte der Minister auch auf X.
Andere Angehörige der Zentralregierung wie auch führende Politiker linker Parteien sprachen unter anderem von einer „Schande“ und verlangten von Rajoy eine Entschuldigung. Dieser gab vorerst keine Stellungnahme ab. Auch die PP von Oppositionsführer Alberto Nuñez Feijóo hüllte sich in Schweigen.
Die konservative Zeitung „El Mundo“ schrieb aber, man habe aus dem Umfeld von Rajoy erfahren, dass der 71-Jährige nicht auf die Kritik reagieren und sich „nicht auf das Niveau bestimmter Mitglieder der spanischen Regierung begeben“ wolle. Rajoy habe „nicht mit schlechter Absicht“ gehandelt, hieß es.
Kylian Mbappé (r.) und Ousmane Dembélé zählen zu den großen Stars in der französischen MannschaftNur ein einziger ranghoher PP-Politiker ließ bislang seine Meinung wissen: „Rajoy macht einen Witz über die französische Nationalmannschaft, und dann kommt dieser Trottel von Sánchez daher (...) und spielt den großen Moralapostel“, schrieb der einflussreiche Abgeordnete Rafael Hernando auf X.
Sabotage wegen des Freundschaftsvertrags?
Spaniens größter Star, der 18-jährige Lamine Yamal, hat selbst zwei nicht in Spanien geborene Eltern. Diese stammen aus Marokko und Äquatorialguinea. Aber um derlei Argumente dürfte es dem Politiker bei seinen Provokationen aber ohnehin nicht gehen. Albares und andere vermuten vielmehr, dass der politisch seit vielen Jahren nicht mehr aktive Rajoy seine Worte mit einer ganz bestimmten Absicht gewählt habe: die Beziehungen zwischen Sánchez und Macron zu torpedieren.
In der 40. Minute erhöht Superstar Lamine Yamal beinahe auf 2:0 für Spanien. Mit zwei Finten lässt der 18-Jährige die belgischen Verteidiger stehen, verzieht den Abschluss dann aber knapp. Sehen Sie die Chance hier im Video.Der Hintergrund: Die PP blockiert das Inkrafttreten des 2023 unterzeichneten bilateralen Freundschaftsvertrags. Streitpunkt ist eine Klausel, wonach ein Mitglied der französischen Regierung regelmäßig an Sitzungen des spanischen Kabinetts teilnehmen kann – und umgekehrt. „Die Sabotage des PP wird den Freundschaftsvertrag mit Frankreich nicht verhindern“, schrieb Albares.
Sánchez wird Macron am Montag im Rahmen eines Treffens der Koalition der Willigen aus westlichen Unterstützerländern der Ukraine in Paris treffen.
Zuletzt hatte die paraguayische Senatorin Celeste Amarilla de Boccia während der WM den französischen Topstar Kylian Mbappé rassistisch beschimpft. Frankreichs Verband reichte daraufhin Anzeige gegen die Politikerin ein.
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