Nur noch wenige Spieltage und der feuchte Traum aller Fußballromantiker könnte sich endlich bewahrheiten. Ein Abstieg des VfL Wolfsburg wirkt derzeit so realistisch wie vielleicht noch nie. Und wer sollte diese graue Maus, den Retortenverein irgendwo zwischen Autostadt und Mittellandkanal, auch vermissen? Vielleicht kaum jemand außerhalb dieser Stadt, aber innerhalb ganz sicher. Und zwar mehr, als manch ein Fußballfan diesem Klub zutraut.
Als ich in jungen Jahren Fan wurde, hatte Volkswagen noch keine Mehrheitsanteile an meinem Verein. Und selbst wenn, den Begriff „Kommerz“ hätte ich im Vorschulalter ganz sicher nicht erläutern können. Die allermeisten fußballbegeisterten Kinder treffen keine rationale Entscheidung, welchen Verein sie unterstützen – sie werden hineingeboren, mitgerissen vom Umfeld oder vom allerersten Stadionbesuch. Das ist in Wolfsburg nicht anders als in Dortmund, Hamburg oder sonst wo.
Ich bin in Wolfsburg aufgewachsen. Ich habe die Deutsche Meisterschaft 2009 und den Pokalsieg 2015 im Stadion erlebt – und genauso die zwei nervenzerreißenden Rettungen über die Relegation. Wer glaubt, dass unsere Fanszene diese Höhen und Tiefen mit weniger Emotionen erlebt hätte als Fans anderer Vereine, der irrt sich gewaltig.
Die Mannschaft wirkt leblos wie nie
In knapp 30 Jahren Bundesliga standen wir mehrfach kurz vor dem Abstieg, doch diesmal fühlt sich die Situation anders an. Statt Trotz hat sich Leere im Herzen breitgemacht. Die Mannschaft wirkt so leblos wie nie. Trainer Daniel Bauer sammelt erste Bundesliga-Erfahrung, während wir um unsere Existenz kämpfen. Geschäftsführer Peter Christiansen hat einen Kader zu verantworten, der auf dem Papier um Europa mitspielen könnte, auf dem Platz aber regelmäßig auseinanderfällt. Und der Aufsichtsrat? Der redet ernsthaft davon, sich zu oft für gute Leistungen nicht belohnt zu haben.
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Wie sollen wir an den Klassenerhalt glauben, wenn der Graben zwischen Anspruch und Realität in der Führungsriege so groß ist, dass er zum Naturschutzgebiet erklärt werden könnte?
Und das allerschlimmste Szenario droht erst noch. Sollten wir uns wieder einmal in die Relegation retten, könnten wir auf den FC Schalke 04 mit Edin Dzeko treffen. Sollte unser Meisterheld uns in die Zweite Liga befördern, wäre ich endgültig gebrochen. Noch nie habe ich den Schalkern mehr die Daumen gedrückt. Bitte, bitte, liebe Knappen, steigt direkt auf und erspart uns dieses Trauma, das noch schwerwiegender wäre als der reine Abstieg.
Wolfsburgs Szene hat ein gutes Gespür
Die Situation für uns Fans mag sich derzeit anfühlen wie ein begleiteter Sterbeprozess, doch gänzlich begraben haben wir unsere Hoffnung auf den Klassenerhalt und unsere 30. Bundesligasaison in Folge noch nicht.
Unsere Szene hat ein gutes Gespür dafür, in welchen Momenten man draufhauen kann und wann bedingungsloser Rückhalt gefragt ist, um der Mannschaft irgendeine Form von Halt zu geben. Nun ist die Zeit für Letzteres gekommen. Wir werden weiterkämpfen, unser Team bis zur letzten Sekunde nach vorn peitschen. Denn wir sind stolz auf unseren Verein, ganz gleich, wie viel Häme und Spott wir noch ertragen müssen.
Und ich? Ich habe an dieser Stelle eine Bitte an meine Kollegen: Bitte plant mich am 16. Mai nicht ein, ich muss womöglich zum Abstiegsendspiel nach St. Pauli reisen. Und sollte es für uns in die Relegation gehen: am 22. und 26. Mai bin ich leider auch nicht da – aber hoffentlich auch nicht auf Schalke.
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