Felix Loch ist völlig konsterniert. Minutenlang steht Deutschlands Gold-Hoffnung einfach nur im Zielbereich, sieht andere Athleten jubelnd und lachend vom Schlitten steigen – und schüttelt selbst einfach nur den Kopf. Mehrmals wendet sich der jahrelang dominierende Rodler auch den vielen deutschen Fans im Zielbereich des olympischen Eiskanals von Cortina d’Ampezzo zu, zuckt ratlos mit den Schultern und winkt ihnen entschuldigend zu.
Es war erst der erste Lauf des olympischen Rodel-Wettbewerbs, doch für den 36-Jährigen rückten die Medaillenränge da bereits in die Ferne. Er hätte im zweiten Durchgang eine famose Aufholjagd starten müssen, um in den Läufen drei und vier am Sonntag noch um die Medaillen kämpfen zu können. Doch das blieb aus. 0,919 Sekunden sind es für Loch zur Medaille – kaum aufzuholen. In einer Saison, die bis zu diesem Zeitpunkt seine beeindruckende Rückkehr in die Erfolgsspur markierte, funktioniert ausgerechnet bei den Olympischen Winterspielen nichts. Ganz anders, nämlich exzellent, lief es hingegen für seinen zehn Jahre jüngeren Teamkollegen: Weltmeister Max Langenhan, bisher ohne Saisonsieg, ist auf Goldkurs. Dabei wusste er morgens noch nicht, ob er starten kann.
„Ich habe ziemliche Nackenschmerzen, bin um 4 Uhr aufgewacht und konnte mich gar nicht bewegen“, berichtete Langenhan. Morgens war er nicht sicher, ob er am Abend starten könne. Doch die Ärzte und Physiotherapeuten bekamen ihn fit genug zum Start – und fit genug zur Führung.
Für Loch ist es bitter. Nach seinen Einzel-Olympiasiegen 2010 und 2014, seinem Drama von Pyeongchang 2018, als er nach einem groben Fehler im Finaldurchgang von Platz eins auf fünf zurückfiel, sowie Platz vier 2022 in Peking schien jetzt alles bereitet für seine Rückkehr auf das olympische Podest. Er startete so stark in die Saison wie lange nicht mehr und reiste als Führender des Gesamtweltcups nach Cortina d’Ampezzo.
Schreckmoment für Langenhan, doch er fährt stark
Dann aber kam der erste Lauf des olympischen Wettbewerbs. Nach einem Startrekord von 3,497 Sekunden touchierte der 36-Jährige direkt die Bande – und verlor viel Tempo. Später hatte er weitere Unsauberkeiten und kämpfte um die Linie. Die ganz in Rot gekleideten Betreuer und Trainer aus Deutschland verfolgten an einem Bildschirm im Zielbereich jede Bewegung des siebenmaligen Einzel-Weltmeisters – und schlugen sich dabei mehrfach die Hände vors Gesicht. Immer wieder ging ein Raunen von der Gruppe aus.
Im Ziel betrug Lochs Rückstand auf den vor ihm gestarteten Langenhan 0,494 Sekunden. Langenhan, der 26 Jahre alte Weltmeister der vergangenen beiden Jahre, führte nach dem ersten Durchgang das Feld knapp vor dem Österreicher Jonas Müller und dem Italiener Dominik Fischnaller an. Der dritte deutsche Starter, Timon Grancagnolo, lag auf Rang acht. Auf Bronze fehlten Loch bereits mehr als drei Zehntelsekunden.
Drei herausragende Läufe hätte Loch nun gebraucht. Im zweiten Durchgang unterliefen ihm dann zwar weniger Fehler, dennoch musste er kleinere Korrekturen vornehmen und bekam den Schlitten einfach nicht richtig zum Laufen. Meter für Meter verlor er an Zeit. Im Ziel angekommen, pressten die deutschen Trainer und Betreuer kollektiv die Lippen aufeinander und klatschten Beifall. Mehr als Aufmunterung, denn als Jubel.
Loch stieg vom Schlitten, winkte kurz und schaute sich dann den Lauf von Langenhan an. Auch der 26-Jährige berührte nun kurz nach dem Start die Bande. Doch der Schreckmoment wich Erleichterung, denn Langenhan büßte kaum Tempo ein und fuhr trotz des Fehlers Bahnrekord – Vorsprung ausgebaut.
Sein erster Weg führte ihn zu einer kleinen Family-Videobox für die Athleten. Ein kurzer Austausch mit seiner Familie, er jubelte, reckte die Arme hoch. Für Langenhan hätte dieser Tag nicht besser starten und auch nicht besser enden können. 0,162 Sekunden führt er vor Müller, 0,298 Sekunden liegt Fischnaller zurück. Sonntag geht es für ihn ab 17 Uhr um Gold.
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