Als sich Lindsey Vonn am Freitag die legendäre Skipiste Olimpia delle Tofane Cortina d‘Ampezzo hinunterstürzt, sind alle Augen auf die US-Amerikanerin gerichtet. Dabei ist es nur ein Trainingslauf. In diesem Fall aber steckt mehr dahinter. Im rechten Knie hat Vonn eine Teilprothese, links seit einer Woche einen Kreuzbandriss. „So lange es eine Chance gibt, werde ich es versuchen. Ich lasse mir das nicht nehmen“, sagte sie in Cortina d’Ampezzo – dem Ort ihrer Träume, der sie zu einem erstaunlichen Comeback getrieben hat. Jetzt also, im Training, kommt es darauf an: Hält das Knie?
Die Regularien besagen: Bei einem der Trainingsläufe muss sie starten, um am Sonntag beim olympischen Abfahrtsrennen antreten zu dürfen. Sie könnte auch nach wenigen Metern aufhören, aber Vonn fährt sicher ins Ziel, klatscht zufrieden mit Teamkollegin Breezy Johnson ab, macht kein schmerzverzerrtes Gesicht und fasst sich auch nicht ans linke Knie. Gleiches Spiel am Samstag. Der Traum von Lindsey Vonn, er lebt.
2024 kehrte sie zurück in den Weltcup, ließ sich auch von Zweiflern, Hohn und Spott nicht beirren und wird nun mit 41 Jahren bei den Winterspielen in Cortina d’Ampezzo antreten. Sie bringt Glanz und Glamour sowie eine Strahlkraft mit, die andere hochdekorierte Olympiastarterinnen nicht haben, und ist schon jetzt der weibliche Superstar dieser Spiele. Ihr selbst geht es vor allem um eines: ihr persönliches Happy End, einen Abschluss, mit dem sie Ruhe findet. Dass sie diesem Moment so nah gekommen ist, lässt sie alles andere ausblenden. Kreuzbandriss hin oder her – Vonn stellt diese Chance über alles.
Vonn: „Ich habe mir immer alles abverlangt“
Denn sie hatte es wirklich versucht, sie wollte ihren Frieden machen mit dem Karriereende. Doch Vonn tat sich schwer damit, am Ende gelang es ihr nicht. Weil es damals ein erzwungenes Ende war – ihr Körper hatte nach all den Strapazen, Verletzungen und Operationen nicht mehr mitgemacht. „Es war 2019 definitiv keine Erleichterung aufzuhören, sondern unglaublich enttäuschend“, erzählte sie WELT AM SONNTAG 2022. „Ich wäre jetzt noch dabei, wenn ich es körperlich könnte.“ Sie vermisste fast alles, sogar den immensen Druck. Und dann fiel dieser Satz: „Ich bin traurig, dass ich nicht bei den Winterspielen 2022 in Peking antrete.“ Jetzt, vier Jahre später, ist die Welt der Lindsey Vonn eine andere – und die Liste ihrer Siege noch einmal gewachsen.
Vonns Erfolgssammlung ist beeindruckend: 2000 in den Weltcup gestartet, gewann sie viermal die Große Kristallkugel für den Gesamtweltcup und 16 Weltcup-Disziplinwertungen. Sie zählt zudem zu den ganz wenigen Skifahrerinnen, die in jeder Disziplin schon mal ganz oben standen, auch wenn die Abfahrt mit Abstand ihr Paradestück ist. 82 Weltcupsiege feierte Vonn zwischen 2004 und ihrem ersten Karriereende – allerdings: Bei Olympia reichte es nur einmal, und zwar 2010, zu Gold; hinzu kommt zweimal Bronze. Unter anderem auch deshalb, weil Vonns Krankenakte ihresgleichen sucht.
Immer wieder aber kämpfte sie sich zurück. Der Preis, den sie zahlte, war hoch. „Ich habe mir immer alles abverlangt und mich so sehr gepusht, wie es nur ging. Was auch immer dadurch geschehen würde – ich hatte stets das Gefühl, dass ich genau so handeln musste, um erfolgreich zu sein, um mit Dingen klarzukommen“, sagte sie. „Das war für mich der beste Weg.“
Keine vereint die Extreme so sehr wie sie, keine ließ auch die Welt so sehr an sportlichen, aber auch privaten Höhenflügen und Tiefpunkten teilhaben. Ein bisschen Drama-Queen, ein bisschen Exzentrik – das gönnt sie sich. Eine Frau, die unzerstörbar scheint, doch die genau das nicht ist und auch nicht vorgibt zu sein. Ihre Tiefen, ihre Tränen und ihre dunklen Tage haben sie geprägt. Seit ihrer Jugend leidet Vonn an Depressionen, nach Olympia 2010 sprach sie erstmals öffentlich darüber. „Wir sind nicht unzerstörbar, niemand ist übermenschlich“, sagt sie selbst.
Viele zweifelten an Vonns Comeback-Plan
Als Vonn im Februar 2019 aus gesundheitlichen Gründen ihre Karriere beendete, verlor der Wintersport seinen letzten globalen Superstar. 34 war sie damals und hatte sich bei ihrem letzten Rennen noch zu WM-Bronze gequält. Vor allem ihr rechtes Knie war kaputt. „Ich konnte kaum gehen“, sagte sie. Fünfeinhalb Jahre später und nach einer Knieoperation kündigte sie zur Saison 2024/2025 ihr Comeback an – weil ihr Knie dank einer Art Teilprothese, bei der nur geschädigte Gelenkflächen ersetzt werden, nicht mehr wehtat.
Noch mal ohne Schmerzen die Weltcup-Pisten hinunterrasen? Das konnte sich Vonn nicht nehmen lassen. Um ihr großes Ziel redete sie nicht lange herum: die Winterspiele 2026. Der erzwungene Abschied 2019 und die Aussicht auf olympische Rennen in Cortina waren der entscheidende Faktor – in Cortina hatte sie in ihrer ersten Karriere in Abfahrt und Super-G insgesamt zwölf Weltcupsiege gefeiert. Sie liebt es hier.
Die Zweifler aber standen schnell parat. Sie sei zu alt, zu langsam und tue sich ergo keinen Gefallen. Manche Kritiker schossen in ihrer Wortwahl übers Ziel hinaus. Und es dauerte, bis sie verstummten oder sich – im besten Fall – öffentlich entschuldigten. Skiidol Franz Klammer zum Beispiel. Der Österreicher hielt das Comeback für zu gefährlich und zweifelte am Erfolg der Mission – fraglos sein gutes Recht. „Wenn sie das wirklich macht“, sagte er aber zudem, „hat sie einen Vollschuss.“ Dieses harte Urteil revidierte er später: „Ich habe ihr Comeback sehr kritisch gesehen, aber meine Meinung ist ja vollkommen unwichtig. Hut ab!“
Erster Weltcupsieg seit acht Jahren – dann der Sturz
Vonns Rückkehr begann im Dezember 2024 beim Super-G von St. Moritz mit Rang 14. Beim Saisonfinale in Sun Valley (USA) stand sie als Zweite erstmals wieder auf dem Podest. Und in diesem Winter ließ sie auch die letzten Kritiker verstummen: Bei der Abfahrt in St. Moritz feierte Vonn im Dezember ihren ersten Weltcup-Sieg seit fast acht Jahren – und ließ den zweiten im Januar folgen. Cortina konnte kommen.
Dann das: Am 29. Januar stürzte sie bei schwierigen Bedingungen in Crans-Montana und rauschte in ein Fangnetz. Vonn fuhr zwar noch auf Skiern ins Ziel, wurde anschließend aber per Helikopter ins Krankenhaus gebracht. Die Sportwelt fragte sich: War es das? Aus der Traum vom olympischen Happy End? Dienstag in Cortina gab sie dann nach vielen Untersuchungen, Kraft- und Skitests die Diagnose und den Plan bekannt. „Das ist nicht mein erstes Rodeo. Ich kenne meinen Körper sehr gut, ich habe großes Vertrauen“, sagte Lindsey Vonn. „Das wird auf jeden Fall dramatisch.“
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und bei den Olympischen Winterspielen von Mailand/Cortina bereits vor Ort. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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