Wenn selbst der Bundeskanzler seine Wochenendpläne umwirft, um in die dänische Provinz zu reisen, muss schon einiges passiert sein. Es geht dort in Herning in der Region Midtjylland nicht etwa um weitere moralische Unterstützung für die leidige Grönland-Frage, sondern um die Krone des europäischen Handballs. Friedrich Merz (CDU) will sich das EM-Endspiel zwischen der deutschen Mannschaft und Dänemark am Sonntagabend (18 Uhr, ZDF/Dyn und im WELT-Liveticker) vor Ort anschauen. „Wir sehen uns am Sonntag in Dänemark in der Halle“, schrieb er bei X und lobte das deutsche Team nach dem 31:28 gegen Kroatien in der Vorschlussrunde: „Finale – was für ein großartiges Spiel! Unsere Nationalmannschaft steht nach einem starken Turnier im EM-Endspiel.“

Der Besuch des Kanzlers passt gut in glückselige Wochen, die das größte Aushängeschild des Deutschen Handballbundes (DHB) derzeit erlebt: Die Mannschaft hat nicht nur das erste Finale bei einer Europameisterschaft seit zehn Jahren erreicht, sondern nutzt das Turnier auch für Werbung in eigener Sache.

Das ist bedeutsam, denn für gewöhnlich verschwinden die besten Ballwerfer des Landes nach den alljährlich im Januar stattfindenden großen Turnieren wieder in der Versenkung und werden zu regionalen Ereignissen in Kiel, Flensburg oder Magdeburg. Einschaltquoten wie jene von 7,96 Millionen TV-Zuschauern am Freitagabend im Halbfinale gegen Frankreich mit einem Marktanteil von 40,3 Prozent erreicht in der urdeutschen Sportart nur eine Auswahl: die Männer-Nationalmannschaft. Da kommen der THW Kiel, die SG Flensburg-Handewitt und der SC Magdeburg noch nicht einmal zusammengenommen annähernd hin.

Highlights im Jahrzehnt des Handballs

Die Problematik kennt Mark Schober nur allzu gut. Er ist seit neun Jahren Vorstandsvorsitzender des DHB und möchte den aktuellen Boom gern zu einer dauerhaften Einrichtung der Sportart machen. Zunächst einmal ist er erleichtert über die starken Auftritte der Auswahl von Bundestrainer Alfred Gíslason, die aus acht Spielen binnen 16 Tagen sechs Siege geholt und nun schon den Gewinn der Silbermedaille sicher hat.

„Es tut uns gut, die aktuellen Auftritte unserer Nationalmannschaft zu erleben. In den vergangenen Jahren haben wir gemeinsam mit der Liga viel getan und auch strukturell einiges verbessert, sodass wir heute eine Mannschaft haben, mit der wir um die Medaillenplätze mitspielen können“, sagt er im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. „Das ist jetzt kein zufälliger Moment, sondern das Ergebnis von acht bis zehn Jahren systematischer Arbeit. Bei den Frauen ist uns ja schon im Dezember der Gewinn der Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft gelungen. Wir wissen also, wie es sich anfühlt.“

Der Erfolg der deutschen Frauen passt Schober und Co. gut in die Karten, denn sie benötigten sogar 18 Jahre Anlauf, um mal wieder eine Medaille bei einem großen Turnier zu erringen. Zudem fanden die Titelkämpfe zur Hälfte in Deutschland statt und waren aus Sicht der Frauen der Höhepunkt im vom DHB ausgerufenen Jahrzehnt des Handballs.

Weitere Highlights folgen: Im nächsten Jahr treffen sich die besten Männerteams der Welt in Deutschland, um den WM-Titel auszuspielen – und schon jetzt kann Schober positive Effekte der starken Auftritte der Nationalmannschaft bei der EM auf die WM 2027 feststellen. „Unsere A-Nationalmannschaft der Männer ist nach wie vor der Treiber für den Verband und den gesamten Handballsport. Deswegen ist der Januar eines jeden Jahres auch ein wichtiger Monat für uns. Denn die Erfolge unserer Nationalmannschaft bei großen Turnieren wirken sich auf den kompletten Handballsport aus – bis an die Basis“, erzählt der Funktionär.

Hinzu kommen andere positive Effekte der EM-Auftritte in Herning. Die Mannschaft kommt durchweg bodenständig und positiv rüber und ist ohne irgendwelchen Starkult ein schöner Gegenentwurf zur glamourösen Fußballwelt. Und mit einem Durchschnittsalter von 26,1 Jahren kann die Auswahl um Kapitän Johannes Golla noch einige Zeit in der jetzigen Formation zusammenspielen.

Die fortgesetzt starken Begegnungen mit Ausnahme der 27:30-Vorrundenniederlage gegen Serbien sind jedenfalls in diesen Tagen ein wichtiger Imagefaktor – und strahlen auch schon auf das nächste Großereignis ab. „Für die Männer-WM 2027 ist die EM aktuell eine wichtige Werbeplattform“, sagt Schober. „Das war übrigens auch schon die Frauen-WM. Wir sind seit dem 15. Dezember im Vorverkauf und haben für die Männer-WM in einem Jahr schon sehr viele Tickets verkauft. Dabei helfen uns gerade natürlich auch die guten Ergebnisse der Männer-Nationalmannschaft.“

Der Boom ist in der Tat beachtlich. „Wir haben bereits 40 Prozent der Karten für die Männer-WM verkauft: 180.000 Tickets auf Tagesticketbasis. Auf der deutschen Linie sind es sogar 75 Prozent der Karten – heißt: Für Spiele unserer Nationalmannschaft in München und Köln sind aktuell keine Karten mehr verfügbar“, erklärt Schober.

Schon einmal war Deutschland im Jahrzehnt des Handballs Ausrichter einer Großveranstaltung: Vor zwei Jahren fand die Europameisterschaft im eigenen Land statt. Das Turnier dient nun als guter Vergleichswert für die globalen Titelkämpfe in einem Jahr: „Die Resonanz auf die Weltmeisterschaft in einem Jahr ist deutlich größer, als sie es zwölf Monate vor dem Beginn der Heim-EM 2024 war. Das führe ich darauf zurück, dass insgesamt die Nachfrage nach unserer Sportart wächst“, sagt Schober. „Im Vergleich zur EM mit 65 Spielen werden wir bei der WM 106 Spiele haben.“

„Wir werden unser Leben auf der Platte lassen“

Das führe dazu, dass es auch an den Standorten ohne deutsche Spiele eine sehr hohe Nachfrage an Karten geben. „Wir“, so Schober, „haben zum Beispiel in Magdeburg für einen Wochenendspieltag schon jeweils 4000 Karten verkauft. Dabei steht noch nicht einmal fest, wer dort spielen wird. Darüber sind wir wirklich überrascht und sehr froh.“

Während der Vorstandsvorsitzende frohlocken kann, müssen die Spieler den letzten Kraftakt einer mehr als anstrengenden Dienstreise bewältigen. Im Finale geht es gegen die Überflieger aus Dänemark, die in jüngerer Vergangenheit alles gewonnen haben, was es im internationalen Handball zu gewinnen gibt – bis auf einen Titel. Olympiasieger und Weltmeister sind sie, aber der bislang letzte Triumph bei einer EM liegt schon 14 Jahre zurück.

In der Hauptrunde verloren Golla und seine Mannschaftskollegen 26:31. Für die Neuauflage im Finale rechnen sie sich dennoch einiges aus im deutschen Tross. „Wir werden unser Leben auf der Platte lassen und hoffen, dass es dann Gold wird“, verspricht Kreisläufer Justus Fischer. Und der Halbrechte Renars Uscins sagt: „Wir werden alles mobilisieren, um noch einmal 60 Minuten Vollgas zu geben. Ich denke, wir haben noch genügend Power für das Finale.“

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