Es gibt Ereignisse im Fußball, aus denen weitreichende Folgen erwachsen können. Wenn sich die Zusammenhänge jedoch meist auch nur vermuten, aber nie beweisen lassen. Turin, 16. September 2025: Borussia Dortmund startet bei Juventus in die neue Champions-League-Saison. Es ist ein spektakuläres Spiel. Vier Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit führen die Dortmunder 3:2. Ein Schuss von Serhou Guirassy wird im Strafraum mit der Hand abgewehrt. Elfmeter.
Ramy Bensebaini nimmt sich den Ball. Guirassy geht zu ihm und fordert ihn auf, ihm den Ball zu geben. Es kommt zu einem Wortgefecht. Bensebaini knallt den Ball auf den Boden. Guirassy schnappt sich das Spielgerät, geht zum Punkt. Mehrere Dortmunder Kollegen hindern ihn jedoch, den Strafstoß auszuführen. Fast eine Minute vergeht, bis Guirassy ein Einsehen hat. Am Ende schießt Bensebaini – und trifft.
4:2 für Dortmund, die Partie scheint entschieden. Am Ende heißt es jedoch 4:4 – durch zwei Gegentore weit in der Nachspielzeit. Irgendetwas hat dazu geführt, dass die Dortmunder auf der Zielgeraden ihre Konzentration verloren haben.
Danach sprach Kovac ein Machtwort. Er stellte nicht nur klar, dass Bensebaini als Elfmeterschütze eingeteilt war, sondern dass er es auch bleiben wird. „Ramy ist die Nummer eins. Es sei denn, er ist irgendwann so nett und sagt: ,Serhou, du kannst jetzt auch mal schießen.‘“ Diese Worte dürften Guirassy wie Peitschenhiebe getroffen haben. Ihm, dem Topstürmer, der in der vergangenen Saison 13 Tore in der Königsklasse erzielt hatte, wurde das Vertrauen entzogen. So könnte es zumindest auf ihn gewirkt haben.
Guirassy kann klarste Chancen nicht nutzen
Das allein erklärt die krasse Wandlung des 29-jährigen Guineers allerdings kaum: von einem Torjäger, der in der Vorsaison regelmäßig traf und von Kovac als die „Lebensversicherung“ des BVB bezeichnet wurde – hin zu einem seltsam uninspiriert wirkenden Stürmer, der auch klarste Chancen nicht nutzen kann. So wie am Mittwoch in der Königsklasse.
Beim 0:2 gegen Inter Mailand nahm Guirassy eine Hereingabe mit links an, drehte sich zum Tor – doch statt aus fünf Metern mit rechts zu schießen, stocherte er umständlich mit seinem linken Fuß und rutschte aus. Der Ball kullerte in die Arme von Inter-Keeper Yann Sommer. Guirassy schlug verärgert auf den Boden.
„Ich glaube, es war zu sehen, dass er nachdenkt, dass ihm ein Stück weit die Orientierung gefehlt hat. In den vergangenen Jahren hätte er den Ball einfach reingemacht“, sagte Sebastian Kehl. Der BVB-Sportdirektor fühlte mit dem verhinderten Goalgetter – wie auch Kovac. „Es ist allen bekannt, dass ich stütze und schütze. Ich weiß, dass er mehr leisten möchte“, sagte der Trainer – wieder einmal.
Kovac glaubt nach wie an Guirassy. Doch es fällt ihm zunehmend schwerer, dieses Verständnis auch den Fans abzuverlangen. Viele wünschen sich schon seit längerer Zeit, dass Kovac auf eine Offensivformation ohne Guirassy setzt. Am Mittwoch wurde Guirassy, als er in der 68. Minute und nach gerade mal sechs Ballaktionen im gegnerischen Strafraum ausgewechselt wurde, ausgepfiffen. Nicht nur, weil er wieder einmal nicht getroffen hatte, sondern weil sein gesamter Auftritt – Präsenz, Körpersprache, Engagement – desolat war.
Niemand in Dortmund kann es sich so recht erklären, warum Guirassy derzeit nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Er wurde nach einer großartigen ersten Saison fast schon hofiert. 38 Tore hatte er in 50 Pflichtspielen erzielt. Beim BVB glaubten sie, endlich wieder einen Mittelstürmer zu haben, der genauso regelmäßig liefert wie einst Robert Lewandowski, Pierre-Emerick Aubameyang oder Erling Haaland.
Persönliche Enttäuschungen, die aufs Gemüt schlugen
Doch danach lief etwas schief. Es heißt, es hätte einige persönliche Enttäuschungen gegeben, die dem ohnehin introvertierten Angreifer aufs Gemüt schlugen: Seine Zurücksetzung als Elfmeterschütze beispielsweise oder die Tatsache, dass er bei der Wahl zu Afrikas Fußballer des Jahres, bei der er es 2024 auf den zweiten Platz geschafft hatte, diesmal überraschend von der letzten Liste des Kontinentalverbandes gestrichen worden war.
Guirassy wirkte auffällig schnell unzufrieden. Es häuften sich Momente, in denen er teilnahmslos stehen blieb und seiner taktischen Aufgabe als Zielspieler nicht mehr gerecht wurde. Nach einer Auswechselung verweigerte er Kovac den Handschlag.
Dabei hatte Kovac so lange wie möglich zu ihm gehalten. Aus gutem Grund: Die Offensive ist die Problemzone des BVB. Am 13. Januar erzielte Guirassy beim 3:0 gegen Bremen sein erst zehntes Pflichtspieltor in dieser Saison – da war er erstmals in dieser Saison von der Bank gekommen. In der Bundesliga erzielte Guirassy wie Maxi Beier sechs Treffer – wobei letzterer dafür 431 Spielminuten weniger benötigte. Vor dem Heimspiel gegen Heidenheim am Sonntag (17.30 Uhr, DAZN und im Liveticker der WELT) hat der Tabellenzweite 38 Tore erzielt – die Bayern kommen auf 72.
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Das Dilemma ist: Es gibt keine echte Alternative. Fabio Silva, im Sommer für 22,5 Millionen Euro Ablöse von den Wolverhampton Wanderers gekommen, spielt mannschaftsdienlich – ist in der Bundesliga noch ohne Torerfolg.
Kovac wird weiter auf Guirassy setzen. Immerhin, so der Coach, lasse der sich im Training nicht hängen. „Er gibt Gas. Wir bauen das Positive aus und geben Hinweise darauf, was er besser machen kann. Das haben wir auch schon gemacht, als es gut lief, und das tun wir auch jetzt, wo es weniger gut läuft“, so der Trainer.
Es wird weitere Bewährungschancen geben – auch in der Champions League, wo es der BVB im Play-off auf Atalanta Bergamo trifft (17. Februar zu Hause, 25. Februar auswärts). Die Königsklasse, da ist Kovac sicher, ist für Guirassy ein ganz besonderer Motivationsfaktor. Dort ist er immerhin noch amtierender Torschützenkönig.
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