Selbst Menschen, die sich nur schwer für Sport begeistern können, kennen diesen Mann: Georg Hackl. Eine Legende, mittlerweile 59 Jahre alt und von den Rodelbahnen dieser Welt nicht wegzudenken. Der dreimalige Olympiasieger erlebte als Sportler sechs Winterspiele, danach vier als Techniktrainer der Deutschen und ist seit Mai 2022 in Diensten der Österreicher.

WELT: Herr Hackl, dies wird ihre letzte Weltcup-Saison sein. Einmal noch Olympische Spiele?

Georg Hackl: Ich verspüre keine Wehmut, überhaupt nicht. Es ist eine ganz rationale Überlegung. Rodeln ist bisher ja der Hauptinhalt meines Lebens – und ich habe diesen Sport als Zehnjähriger begonnen. Seit ich 15 bin, war ich ständig im Winter unterwegs – jetzt bin ich 59. Das ist eine lange Zeit, ich kenne es also fast nicht anders. Und die Reisetätigkeiten werden immer intensiver. Hinzu kommt: Früher lag meine Heimbahn am Königssee, das heißt, wenn dort Training anstand, war ich ja zu Hause – ob als Sportler oder Trainer. 

WELT: Die Bahn wurde 2021 durch ein Unwetter zerstört. Die Neueröffnung verschiebt und verschiebt sich.

Hackl: Genau, die Bahn gibt es seit einigen Jahren nicht mehr, weil Deutschland es nicht kann. Deutschland kann keine Bahnhöfe, keine Flughäfen, keine Brücken und auch keine Rodelbahn. Vielleicht wird es irgendwann wieder was, aber ich sprach ja von meiner rationalen Überlegung. Und die lautet: Wie viel Lebenszeit bleibt mir noch, in der ich gesund ein gewisses Pensionsdasein führen kann, bevor der Rollator kommt? 

WELT: Das ist ja die Krux an der Sache: Wissen wird man es nie. Hart gesagt, kann es morgen vorbei sein. 

Hackl: Was ich nicht hoffe. Ich bin glücklicherweise so weit unabhängig, dass ich sagen kann: Ich übe meinen Beruf jetzt nicht mehr im gewohnten Umfang aus. Das ist ein kleiner Luxus, den ich mir erarbeitet habe. Ich könnte auch sagen: Ich liebe Rodeln, stehe weiter jeden Tag an der Bahn und mache immer wieder das gleiche, bis ich tot umfalle. 

WELT: Aber? 

Hackl: Ist nicht mein Ding. 

WELT: Auch wenn es Ihre eigene Entscheidung war – keine Sorgen, dass Ihnen nach all den Jahren etwas fehlt und dies eine allzu große Lücke reißt?

Hackl: Nein, ich fälle keine Entscheidungen und habe dann Sorgen oder Angst vor den Konsequenzen. Es ist eher Neugier und die Freude, dass ich dann mal andere Sachen machen kann. Ich habe noch keinen festen Plan, was ich mache – ich weiß aber genau, was ich nicht mehr möchte. Nicht mehr jeden Tag neben der Bahn stehen. Ich bin aber gerne bereit, kleinere Aufgaben im Rodelsport zu übernehmen, bei denen ich aber dann meine Freiräume habe. Das einzige Ziel, das ich formuliert habe für die Zeit danach: Die Jahreskarte der Skiwelt Salzburg amadé muss sich lohnen. 

WELT: Es ist also ein großes Stück Freiheit, auf das Sie sich freuen. Nach den Jahren im Spitzensport wird es das erste Mal ohne fest strukturierten Plan sein.

Hackl: Ohne, dass ich morgens aufstehe und alles steht bereits fest. Ohne, dass ich dies noch tun muss, das noch und auch jenes noch. Ich werde nicht mehr eine Woche in Oberhof, die nächste in Altenberg und dann in Sigulda oder in Übersee sein. Das wird dann anders. Und ich werde mal wieder Silvester zu Hause feiern mit Freunden oder mit Familie.

WELT: Sie sprachen von „kleineren Aufgaben im Rodelsport“. Und Sie erwähnten zuvor die Bahn am Königssee. Ich kombiniere: Wenn die Bahn fertig ist, kümmern sie sich um den deutschen Nachwuchs dort? 

Hackl: (überlegt und wählt seine Worte sehr bewusst) Wenn irgendwann am Königssee wieder gerodelt wird, dann würde ich mich dort vor Ort ein bisschen dem Nachwuchs annehmen. In begrenztem Umfang. 

WELT: Aktuell ist die Rede von einer Wiedereröffnung im Herbst 2026.

Hackl: Es wurde schon viel gesprochen, aber es ist nichts passiert. Es geht immer wieder aus irgendeinem Grund nicht. Vor allem aus bürokratischen Gründen. Irgendetwas fällt denen immer wieder ein. Ich brauche in Deutschland wirklich niemanden mehr, der mir erklärt, warum irgendetwas nicht geht. Sondern ich will Menschen, die mir erklären, wie es funktioniert. Ich würde mir einfach wünschen, dass Menschen zu den alten Arbeitsgewohnheiten und Arbeitshandlungsweisen zurückkehren, die früher mal angewandt wurden, um Ziele zu erreichen. 

WELT: So wie Spitzenathleten zu Erfolgen kommen oder sich aus einem Tief zurückkämpfen? 

Hackl: Am Anfang steht die Problemanalyse, dann Ziele formulieren, Ziele planen, Ziele umsetzen. Genau. So funktionierte die Welt. Was glauben Sie, wie Menschen Städte, Hochhäuser, Eisenbahnlinien, Industrie aufgebaut haben, doch nicht so, wie wir jetzt arbeiten. Entschuldigung, ich schweife ab. 

WELT: Sie sprechen da Werte und Eigenschaften an, die Spitzensportler verinnerlicht haben. Sie selbst haben vielleicht auch deshalb die Trainerausbildung als Jahrgangsbester mit 1,1 abgeschlossen, oder? 

Hackl: Ich dachte ja am Anfang: „Das schaffst du nie!“ Ich bin da angerückt und konnte nicht mal den Computer einschalten. Ich habe meinen Block und Bleistift hingelegt – und die anderen sind reingelaufen, suchten nach Steckdosen und WLAN. Aber am Ende waren diese Fähigkeiten gar nicht so gefragt, sondern das, was man im Kopf hat. Denn es nützt mir nichts, wenn ich die Lehrinhalte nur auf dem USB-Stick gespeichert habe. Ich habe aus der Trainerausbildung wirklich sehr viel mitgenommen. Und den Computer einzuschalten, ist mittlerweile auch kein Problem.

WELT: Das freut mich sehr. Lassen Sie uns zurück zum Sport kommen. Wie sieht das perfekte olympische Ende für Sie aus? 

Hackl: Wenn ich mit der österreichischen Mannschaft bei Olympia einigermaßen erfolgreich abschneide. Aber da mache ich mir keine großen Sorgen, weil wir mehrere gute Sportler und Sportlerinnen haben. Von ihnen werden sicherlich einige gut performen – davon gehe ich fest aus. 

WELT: Zu Ihrem Einstieg sagte Markus Prock, Präsident des Österreichischen Rodelverbandes, man wolle 2026 die führende Nation bei Olympia sein. 

Hackl: Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel, aber wir haben es ja schon in den letzten Jahren geschafft, dass wir mal oben oder gleichauf mit der deutschen Mannschaft im Medaillenspiegel bei Meisterschaften lagen. 

WELT: Ihr Wechsel hatte für Wirbel gesorgt. Auch für Unmut und Unverständnis hierzulande bei einigen Athleten. Sie nannten eine neue Herausforderung als Hauptgrund. Und das wiederholte Angebot, das gut gewesen sei. War es die richtige Entscheidung? 

Hackl: Ja, der Wechsel nach Österreich war richtig. Denn es war nach all den Jahren noch mal ein Perspektivenwechsel für mich, etwas Neues. Dass ich jetzt bei den Österreichern bin, daran ist ja Markus Prock schuld. Er hat mich damals geholt. Und ich finde, dies ist auch nach Außen hin eine spezielle Geschichte. 

WELT: Sie, die einstigen Rivalen. 

Hackl: Genau. Dass mich mein früherer erbitterter Gegner später als Präsident der österreichischen Rodler anstellt, ist eine schöne Fügung. Wir haben ja, so ehrlich darf ich sein, den Rodelsport zu unserer Zeit sehr geprägt. Ich werde heute noch auf unsere Duelle angesprochen. Gerade hier in Oberhof, wo viele alte, eingefleischte Rodelfans sind – ein Wahnsinn. Und dann kommen die jungen Sportler daher, die mich eigentlich nicht mehr als jemanden wahrnehmen, der die Sportart früher einmal selbst gemacht, sondern eher als Großvater in der Mannschaft. Denn meine anderen Trainerkollegen sind ja 20 Jahre jünger als ich. Und dann sagen sie: „Schorsch, Du bist ja eine Berühmtheit.“

WELT: Genau deshalb hat Ihr Wechsel ja auch so hohe Wellen geschlagen – weil sie hierzulande eine Sportlegende sind. Der Wirbel und seitens einiger Athleten auch die Enttäuschung haben Sie überrascht?

Hackl: Ich habe das wirklich unterschätzt. Vor allem bei den Sportlern, mit denen ich sehr eng zusammengearbeitet habe, war die Enttäuschung anfangs schon stark zu spüren. Ich hatte mir vorher gedacht: Im Fußball wechseln die Klubs ja auch oft ihre Trainer. Und der Felix Loch ist ja Fan des FC Bayern und kennt das. Ich dachte mir außerdem: Es war eine schöne Zeit in Deutschland, diese 16 Jahre mit der „Trainingsgruppe Sonnenschein“ waren super. Und wir haben ja alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Irgendwo hat man dann gespürt, dachte ich jedenfalls, dass es langsam zu Ende geht mit den Karrieren. Okay, dann haben die Tobis und Felix doch weitergemacht … Dennoch: die Karrieren gingen langsam zu Ende und mein Gefühl war, dass sie mich nicht mehr brauchen, nicht mehr auf mich angewiesen sind. Und dann war da das Angebot aus Österreich und der Prock sagte: „Schorsch, wir brauchen Dich.“ Ja …

WELT: Ich zitiere mal meine Mutter: „Das kann er doch nicht machen!“ Ich glaube, sie stand für viele. Einfach ein Gefühl, irrational, mag man sagen.

Hackl: Es tut mir leid. Aber das Leben ist immer auch Veränderung, das muss man akzeptieren. Ich konnte es mir früher zum Beispiel auch nicht vorstellen, mal als Sportler aufzuhören. Aber irgendwann hat mein Körper gespürt, dass es jetzt zu Ende ist. Und genauso kam später bei mir der Punkt, an dem ich mich für den Wechsel entschied.

WELT: Aber im Kufenstüberl des Deutschen Hauses sehen wir Sie in Cortina dennoch, oder?

Hackl: Das ist als Trainer bei Olympia nicht einfach. Du bist jeden Tag von früh bis spät an der Bahn. Erst haben die einen Training, dann die anderen, dann sind die Wettbewerbe und vorher Trainingsläufe.

WELT: Aber Sie haben es ja sonst auch mal geschafft. Und in der zweiten Woche ist kein Rodeln mehr. 

Hackl: Was soll ich sagen? Das war früher anders, da ist man dann mal länger geblieben. Bei den Spielen in China war es ja egal, da sind wir sofort nach Hause wegen des Corona-Lockdowns. Aber in Südkorea vor acht Jahren wollte man mich von der deutschen Delegation aus dem Olympischen Dorf schmeißen. 

WELT: Wenn die Wettbewerbe einer Sportart vorbei sind, ist es – zumindest zuletzt – nicht ungewöhnlich, dass die Athleten und Trainer das Dorf verlassen müssen. Dann kommen andere. 

Hackl: Es hieß: „Schorsch, deine Aufgabe ist beendet, du musst jetzt raus.“ Ich fragte: „Wieso denn? Es sind doch etliche Zimmer frei.“ Und das war wirklich so. Aber man wollte mich da raus haben. Dass ich am Ende bleiben durfte, musste ich mir erstreiten. Nicht, dass ich mir etwas einbilde. Für die fünf olympischen Medaillen will ich keinen Sonderstatus, aber wenn viele Zimmer frei sind, muss es doch eine Möglichkeit geben. Dieser Stachel sitzt noch tief. Bei Olympia geht es doch auch darum, dass man sich sportartenübergreifend unterstützt – eine große Familie. Von der Österreich-Delegation wurde nun auch gesagt, dass wir nach den Rodel-Wettbewerben geschlossen nach Hause fahren. Man wird mich selten im Österreich-Haus oder im Kufenstüberl sehen. Es war mein Treffpunkt bei Olympia. Es war immer schön. Aber alles im Leben ändert sich.

WELT: Wo ist eigentlich der legendäre silberne Anzug, in dem sie 1992 Ihren ersten Olympiasieg holten? Gibt’s den noch? 

Hackl: Ich dachte, ich hätte zwei, drei behalten und habe dann mal für einen Faschingsball versucht, einen dieser Anzüge herauszusuchen. Aber irgendwie sind sie, vielleicht bei einem Umzug, verloren gegangen. 

WELT: Neben vielen Erfolgen gab es auch Rückschläge. Ausgerechnet bei der Heim-WM 1999 am Königssee lieferten sie ein Drama: Sturz im ersten Lauf. Wie lange hallte das nach?

Hackl: Nicht lange, weil es eigentlich mit Ansage war. Schuld war meine eigene Dickköpfigkeit. 

WELT: Das müssen Sie erklären. 

Hackl: Ich wollte den neu konstruierten Schlitten, mit dem ich ein Jahr zuvor Olympiagold gewonnen hatte, unbedingt noch weiterentwickeln. Diese Entwicklung ging aber völlig in die falsche Richtung. Ich war allerdings dickköpfig und wollte den Schlitten trotzdem bei der WM einsetzen. Im Nachhinein, denke ich, hätte ich mit meinem guten alten Schlitten locker eine Medaille gemacht. Selbst schuld. Aber es kann ja nicht immer alles positiv ausgehen im Leben. Ich muss heute wirklich darüber schmunzeln, denn wenn du selbst so doof bist, dann hast du es nicht anders verdient. 

WELT: Gibt es etwas, auf das sie wirklich stolz sind? Vielleicht technische Kniffe, auf die dann der Weltverband reagieren musste? 

Hackl: Dass ich immer wieder Trends gesetzt habe in der Schlittenkonstruktion – ja, das macht mich schon stolz. Auch, dass man mir auch mit Fug und Recht nachsagen kann, dass ich bei wichtigen Wettkämpfen sehr nervenstark war. 

WELT: Einen Mentaltrainer hatten Sie damals vermutlich nicht. 

Hackl: Es standen Strategien vom Mindset dahinter, die ich selbst für mich entwickelt hatte, die ich dann aber später in der Trainerausbildung im Fach Psychologie bestätigt bekam. Der Dozent hat das Gleiche erklärt, was ich immer gemacht hatte. Es gibt auch Erfolge, auf die ich besonders stolz bin. Zum Beispiel hier in Oberhof. Heute kam an der Bahn ein Zuschauer zu mir, den ich seit 37 Jahren, wie er mir sagte, kenne. Damals war er das erste Mal an der Bahn und ich gewann – als westdeutscher Sportler auf der Heimbahn der damals überragenden Rodelnation, der DDR. Sie waren eine Übermacht. Und sie dann auf ihrer Heimbahn zu schlagen, hätte aus ihrer Sicht nicht passieren dürfen. 

WELT: Lassen Sie uns zum Abschluss noch mal in die Zukunft blicken. Wenn die Bahn am Königssee fertig ist: Wollen Sie nicht noch mal runterfahren? 

Hackl: Das geht nicht. Beim Skifahren kann man ja abschwingen, aber beim Rodeln musst du bis zum Ende durch, wenn du oben losfährst. Das heißt, man muss im Training sein. Außerdem: Ich heute in so einem engen Rennanzug? Nein, das würde nicht schön aussehen. 

WELT: Halten wir fest: keine Rückkehr an den Königssee auf dem Schlitten, aber eventuell an die Bahn. Das heißt, mit dem deutschen Verband ist alles gut?

Hackl: Da ist alles gut. Ich habe und hatte da überhaupt keine schlechten Gefühle, bei Weitem nicht. Das wäre ja fatal gewesen, wenn ich aus Frust oder aus Verstimmung gegangen wäre. Ich glaube, wenn es so gewesen wäre, hätte ich ganz aufgehört. Oder besser: versucht, das anzusprechen. 

WELT: Na, dann kommen Sie: ein Weißbier zum Abschied ihrer olympischen Karriere im Kufenstüberl? 

Hackl: Das wäre schon schön. 

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

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