In dieser Champions League gerät selbst ein Routinier wie Diego Pablo Simeone durcheinander. Europas dienstältester Spitzentrainer, seit über 14 Jahren bei Atlético Madrid, wurde nach einem 1:1 bei Galatasaray Istanbul nach der veränderten Ausgangslage bezüglich des Erreichens der Top-8 der Champions League gefragt. „Top ocho“ in Anglizismus-Spanisch, oder gesprochen: „Topocho“. Simeone hob zu einer dieser Standardantworten an, die auf alle Reporterfragen passen – ehe er sich selbst unterbrach: „Das ist ein Spieler, oder?“

Die Konfusion war wohl verständlich. Einen Spieltag vor Vorrundenschluss benötigen die Beteiligten in Europas Premiumwettbewerb alle Gehirnressourcen, um das Klassement zu dechiffrieren. Simeones Atlético etwa stand nach seinem Führungstor in der Türkei auf Platz vier. Der Istanbuler Ausgleich beförderte es dann hinunter auf Platz zwölf. Und diese Volte war noch nichts dagegen, was am Mittwoch alles wartet.

Im zweiten Jahr mit 36 Teams in einer einzigen Tabelle dürfte der neue Modus sein Hochamt von vergangener Saison noch übertreffen. Nur Spitzenreiter Arsenal und der FC Bayern haben ihren „Topocho“ schon sicher. Theoretisch 16 weitere Vereine können ihn noch erreichen, wobei elf von ihnen gar nicht oder nur bedingt von anderen Ergebnissen abhängen.

Wie das mathematisch geht? Allein acht Mannschaften belegen mit je 13 Punkten die Plätze sechs bis 13. Sie werden über die Tordifferenz ausschießen, wer auf welcher Seite der Demarkationslinie landet, die über den direkten Achtelfinaleinzug oder eine Play-off-Extrarunde entscheidet.

Nur vier Klubs sind schon ausgeschieden – darunter Eintracht Frankfurt

Ungeduldige können bis Mittwoch zur Einstimmung die Rechenschieber aktivieren. Heutzutage wird so etwas ja sehr benutzerfreundlich aufbereitet: In Simulationen auf den Webseiten der Fachmedien kann der Nutzer zur Linken die Ergebnisse variieren und dann staunend mit anschauen, wie jedes Tor die Tabelle zur Rechten durcheinanderwirbelt. Denn es gilt ja nicht nur das Mysterium „Topocho“ zu lösen – sondern auch die Frage, wer es unter die ersten 24 und damit ins Play-off schafft; wer also überhaupt im Turnier bleibt. Chancen haben noch alle bis Platz 32. Nur vier Klubs, darunter Eintracht Frankfurt, sind schon ausgeschieden.

Um alles relevante Geschehen am Mittwoch live zu verfolgen, müssen 17 Bildschirme nebeneinander und übereinander gestapelt werden. Denn nur die Partie zwischen Arsenal und Kairat Amaty ist ohne Bedeutung. Die Engländer können maximal noch auf Platz zwei zurückfallen, was an ihrer Turnierzukunft nichts ändern würde. Okay, sehr kompliziertes Thema: Für die K.o-Runde werden die zwei Ersten an die Spitze je einer Tableauhälfte gesetzt, ergo gleichbehandelt, und schlechter als Zweiter kann Arsenal nicht mehr einlaufen. Die Kasachen wiederum sind bereits eliminiert.

Ganz im Gegensatz zu den Aserbaidschanern: Die heißen Qarabag, haben zehn Punkte gesammelt und dürfen spätestens nach ihrem umjubelten Last-Minute-Sieg über Frankfurt als Überraschungsteam der Saison gelten. Zum Abschluss gastieren sie nun in Liverpool. Um sicher ins Play-off einzuziehen, benötigen sie einen Sieg (mit dem es theoretisch auch noch für die ersten Acht reichen kann), wahrscheinlich genügt aber ein Remis, womöglich auch eine Niederlage. Wobei es natürlich immer besser ist, zwischen Platz neun und 16 abzuschließen als zwischen 17 und 24, denn dann darf man das Rückspiel der Ausscheidung zu Hause bestreiten.

Liverpool seinerseits, 15 Punkte, stünde mit einem Sieg sicher im Achtelfinale. Langweilig. Interessant würde es bei einem Remis. Dann entscheiden auch acht Parallelpartien über das Schicksal der Mannschaft von Florian Wirtz. In sieben davon könnten Teams auf dieselbe Punktzahl wie Liverpool kommen und je nach Tordifferenz vorbeiziehen.

Zu diesem Pulk gehören neben Atlético auch Titelverteidiger Paris St. Germain und Newcastle United, die direkt aufeinandertreffen. Sowie Barcelona und Manchester City, die formal gegen Kopenhagen und Galatasaray antreten, angesichts der zahllosen Fernduelle aber jedes Mal zusammenzucken dürften, wenn von der Anzeigentafel ein Flackern, Bimmeln oder sonstiges Torsignal kommt.

Wo die Vorrunde also in einer Orgie der Blitztabellen kulminiert, muss andererseits festgehalten werden, dass sie im früheren Stadium nicht ganz das Unterhaltungsniveau des Vorjahrs erreichte. Damals schienen viele Großkopferte noch von der Reform überrumpelt, es kam zu einem Festival der Außenseiter, bei dem etwa Manchester City vor dem letzten Spieltag nicht mal unter den ersten 24 stand. Ja sogar der FC Bayern, im alten Vierergruppenmodus jahrelang unbesiegt, wurde plötzlich nur Zwölfter.

Insofern ist der übliche Betrieb nun wieder aufgenommen. Alle Favoriten haben mindestens das Play-off sicher, und den Bayern genügt schon ein Punkt in Eindhoven zur definitiven Sicherung des zweiten Platzes, der für die K.o.-Runde neuerdings Rückspiel-Heimrecht bis zum Finale garantiert. Mit diesem Novum zieht der veranstaltende Europaverband Uefa eine Lehre aus der vergangenen Saison, als herausragendes Abschneiden in der Vorrunde letztlich gar nicht viel brachte. Der Zweite Barcelona musste ab dem Viertelfinale trotzdem seine Rückspiele auswärts austragen, und damit auch die Verlängerung, die ihm bei Inter Mailand das Halbfinalaus bescherte.

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Zur klassischen Liturgie gehört neben Bayerns Souveränität, dass Borussia Dortmund die zweitbeste deutsche Mannschaft ist. Die Ausgangslage des BVB vor dem Match gegen Inter Mailand ist spektakulär – mit elf Punkten ist er quasi ein etwas besseres Qarabag: Ihm kann tatsächlich noch alles passieren. Vom aktuellen Platz 16 aus könnte er mit einem Sieg noch unter die ersten Acht kommen, wenn von den elf vor ihm platzierten Teams mindestens acht nicht gewinnen. Aber mit einer Niederlage theoretisch auch noch ausscheiden, wenn von den zehn hinter ihm postierten Klubs mindestens neun gewinnen – darunter Bayer Leverkusen, aktuell 20., gegen das bereits ausgeschiedene Villarreal. Stets kommt es natürlich auch auf die Tordifferenz an, und sowieso völlig unvorhersehbar ist die genaue Schlussposition.

Kalkulationen werden in diesem Format der Champions League praktisch unmöglich

Das ist aus Sicht von Fairness und Transparenz ein klarer Vorteil. Zwar haben die großen Klubs ihren alten Wunsch nach einer Setzliste erfüllt bekommen. Doch eine Mini-Auslosung, bei der jeweils aus einem Duo von Tabellennachbarn gewählt wird, erschwert Spekulationen auf einen bestimmten Wunschgegner. Vor allem bestimmen ebenso viele andere Ergebnisse und Tordifferenzen den eigenen Tabellenplatz wie den der möglichen Gegner, dass Kalkulationen praktisch unmöglich werden. Wer – beispielsweise – nicht wissen kann, wer 15. oder 16. wird, braucht es auch nicht auf den 17. oder 18. Rang anlegen oder gerade diesen zu vermeiden versuchen; wobei er aus den genannten Gründen ja nicht mal das wirklich unter Kontrolle hat.

Irgendwie beeinflusst jedes Spiel das große Ganze, und geht es immer für irgendwen um irgendwas. Ein munteres Hauen und Stechen im Peloton, zwei Stunden Delirium für den Zuschauer, der vor seinem Splitscreen so viel Adrenalin ausschütten kann wie die Rennläufer beim Zielschuss auf der Streif. Das Problem der Vorhersehbarkeit des heutigen Spitzenfußballs ist damit zwar keineswegs abgeschafft, dafür sind die Unterschiede zwischen den 36 Teilnehmern zu groß, egal in welchem Modus. Aber immerhin wird die Routine für einen Januar-Mittwoch mal ausgesetzt. Zur Vorbereitung für alle Fälle noch das Reglement zur Tordifferenz: Ist sie gleich, zählt die Anzahl der erzielten Tore, ist auch sie gleich, die der Auswärtstore.

Was welcher Platz bedeutet und ob überhaupt irgendwas? Vorige Saison beendete Liverpool die Vorrunde an der Spitze. Dafür gab es das schwerstmögliche Achtelfinale gegen Paris St. Germain. Der spätere Titelgewinner war nach schwachem Start nur auf Platz 15 gelandet, traf im Play-off auf den 18. und dann eben auf den Ersten.

Und so ist es mit diesem Vorrundenfinale ein bisschen wie mit dem Karneval. Am Ende mag es keinen Einfluss auf den großen Lauf der Dinge haben. Lustig ist‘s trotzdem.

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