Florian Neuhaus musste zu Saisonbeginn einen herben Rückschlag verkraften, für den er selbst gesorgt hatte. In einem auf Mallorca aufgenommenen Video war zu hören, wie der Profi von Borussia Mönchengladbach den damaligen Sportchef Roland Virkus („Don Rollo“) als „schlechtesten Manager der Welt“ bezeichnete und sein eigenes Gehalt ausplauderte. Es folgten eine Geldstrafe von 100.000 Euro, viel Kritik und die vorübergehende Versetzung in die U-23-Mannschaft. Im Interview vor dem Spiel an diesem Sonntag gegen den VfB Stuttgart (15.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) spricht der zehnmalige deutsche Nationalspieler hier erstmals ausführlich über den Eklat.

Frage: Herr Neuhaus, mit Ihnen hat die Borussia eine Bilanz von 18:6 Toren, ohne Sie 5:23 Tore. Sind Sie unverzichtbar für Gladbach?

Florian Neuhaus: Von individuellen Statistiken halte ich nicht so wahnsinnig viel. Ich versuche einfach, wenn ich auf dem Platz stehe, mein Bestes zu geben, damit wir als Mannschaft erfolgreich sein können.

Frage: Dann ist Ihnen auch egal, dass Sie diese Saison erst eine Torbeteiligung haben oder ärgert Sie das?

Neuhaus: Ärgern ist ein bisschen zu viel. Das ist ein Thema, das ich auf jeden Fall verbessern möchte – da habe ich noch Luft nach oben.

Frage: Ihre Saison begann mit dem Malle-Video, in dem Roland Virkus als schlechtester Manager der Welt tituliert wurde, denkbar schlecht. War das der größte Fehler Ihrer Karriere?

Neuhaus: Ich habe keine Rangliste meiner größten Fehler. Ganz klar: Das war natürlich ein Fehler. Aber ich habe versucht, da positive Sachen herauszuziehen und mich davon nicht unterkriegen zu lassen. Es war eine Sache, die außerhalb vom Platz passiert ist. Ich wollte schnell wieder den Fokus auf das legen, was auf dem Platz passiert.

Frage: Wie oft haben Sie sich das Video selbst angeschaut?

Neuhaus: Offen gesagt, weiß ich das nicht mehr. Aber mir wurde es schon das eine oder andere Mal zugeschickt.

Frage: Können Sie heute darüber lachen?

Neuhaus: Lachen kann ich darüber nicht. Aber wie vieles im Leben, relativiert sich das dann auch so ein wenig mit der Zeit. Es war auf jeden Fall eine sehr lehrreiche Zeit.

Frage: Vom Klub gab es damals eine saftige Strafe von rund 100.000 Euro. Was hat Sie mehr geschmerzt: Die Geldstrafe oder dass Sie zur U23 runtermussten?

Neuhaus: Ich habe die Strafe sofort akzeptiert und habe versucht, die kurzzeitige Versetzung zur U23 als Chance zu sehen. Rückblickend ist mir das dann auch ganz gut gelungen.

Frage: Hatten Sie damals das Gefühl, dass es das jetzt in Gladbach für Sie war?

Neuhaus: Nein, ehrlicherweise nicht. Ich wollte die vier Wochen bei der U23 nutzen, um sportlich wieder auf mich aufmerksam zu machen. Deswegen habe ich nicht eine Sekunde an einen Wechsel gedacht. Das hätte sich wie eine Art Flucht angefühlt.

Frage: Ex-Coach Gerardo Seoane hat Sie in der Vorsaison nur zweimal in die Startelf berufen …

Neuhaus: Das stimmt, das war bereits eine schwierige Zeit. Ich hatte unter Seoane oft das Gefühl, dass ich jetzt wieder einen Fuß in der Tür habe – und saß trotzdem draußen. Das war schwer zu akzeptieren. Schon da war mein Mantra, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als den Trainer durch Leistungen davon zu überzeugen, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als mich einzusetzen.

Frage: Ist das Thema Nationalmannschaft komplett raus aus Ihrem Kopf?

Neuhaus: Mit 28 Jahren bin ich gerade in einem richtig guten Fußballalter. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, in beide Richtungen. Ich sehe auf jeden Fall noch einen großen Abschnitt meiner Karriere vor mir und freue mich auf den Teil, der noch ansteht. Natürlich habe ich noch Träume und Ziele. Und wenn man wie ich die EM 2021 erlebt hat, dann weiß man, dass das ganz besondere Spiele sind. Aber es hilft jetzt wenig, darüber zu reden, sondern es geht für mich einfach darum, auf dem Platz regelmäßig meine Leistungen zu bringen.

Frage: Täuscht der Eindruck oder lebt Gladbach nur noch vom Glanz früherer Zeiten?

Neuhaus: Nein, das glaube ich nicht. Borussia ist weiterhin eine wahnsinnig attraktive Adresse im deutschen Fußball. Klar spielt das eine Rolle, was man in der Vergangenheit geleistet hat. Aber hier ist in den vergangenen Jahren brutal viel entstanden. Für mich ist Borussia weiter einer der größten Klubs in Deutschland.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild“ veröffentlicht.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke