Falls es ironisch gemeint war, liefe der 1. FC Union Berlin Gefahr, dass sich dies nicht jedem sofort erschließt. Der eine oder andere könnte sogar meinen, die Köpenicker hätten ihre verdiente 0:3 (0:1)-Niederlage gegen Borussia Dortmund nicht ganz so gut verkraftet.

Was war geschehen? Um 20.53 Uhr posteten die Dortmunder auf X ein Foto, auf dem die BVB-Spieler Nico Schlotterbeck – ein früherer Unioner – Maxi Beier und Emre Can zu sehen sind, wie sie in die Kamera lächeln. Überschrift: „POV: Deine Gäste zum 60. Geburtstag stehen vor der Tür.“ Eine Anspielung auf das 60-jährige Vereinsjubiläum, das die Berliner am Samstag mit einer großen und beeindruckenden Choreografie gefeiert hatten. Kurz darauf postete Union das fast gleiche Bild – nur dass Can auf diesem Foto fehlte. Der BVB-Kapitän war einfach abgeschnitten worden. Darüber stand: „Nur für geladene Gäste“ - Smiley, aber ohne Zwinkern.

Can hatte sich den geballten Unmut der Berliner zugezogen – weil er ziemlich emotional zu Werke gegangen war und dabei einige Mal über das Ziel hinausschoss. Nachdem er Andrej Ilic gefoult hatte, provozierte der Routinier eine Rudelbildung. Als sich Janik Haberer den Ball schnappen wollte, um den Freistoß auszuführen, schubste er ihn – was Haberer nutzte, um sich ziemlich theatralisch zu Boden fallen zu lassen.

Dafür bekam Can die Gelbe Karte. Kurz darauf trat Diogo Leite Can auf die Achillessehne. Der Dortmunder wälzte sich am Boden, was das Publikum als Schauspielerei interpretierte. Es kochte an der Alten Försterei, die Emotionen brodelten. Can wurde von den Rängen wüst beschimpft.

„Ich musste ihn runternehmen, weil sonst die Gefahr bestanden hätte, dass wir das Spiel mit einem Mann weniger zu Ende spielen müssten“, sagte Niko Kovac, der Can in der 69. Minute ausgewechselt hatte. Trotzdem hatte ihm dessen kämpferische Attitüde durchaus gefallen. „Das ist das, was wir brauchen. Wir müssen dagegenhalten“, erklärte der BVB-Trainer, für den der bereits zwölfte Saisonsieg ein wichtiges Zeichen war. Noch vier Tage zuvor, bei der 0:3-Niederlage in der Champions League bei den Tottenham Hotspurs, war seine Mannschaft vor allem kämpferisch vieles schuldig geblieben.

„Deshalb war es eine tolle Reaktion. Wir haben von der ersten bis zur letzten Minute Paroli geboten, vor allem körperlich“, erklärte Kovac. Schöner Fußball sei es zwar „mit Sicherheit“ nicht gewesen. „Aber diesmal war mehr Kampf angesagt als die feine Klinge“, so der Coach. Dazu gehöre es auch, sich Respekt zu verschaffen.

Der FC Bayern strauchelt – und diesmal gibt sich der BVB keine Blöße

Für die Dortmunder war der letztlich ungefährdete Erfolg wichtig, um nicht in eine Sinnkrise zu schlittern. Vor allem, nachdem sich Bayern wenige Stunden zuvor gegen den FC Augsburg überraschend ihre erste Saisonniederlage (1:2) eingefangen hatten. Deshalb waren beim Abendspiel alle Augen auf den ersten Verfolger gerichtet. Und nicht wenige dürften dabei auch ein altes Vorurteil im Kopf gehabt haben: Wenn die Bayern schon mal schwächeln, heißt das noch lange nicht, dass die Dortmunder cool genug sind, um davon profitieren zu können.

Doch diesmal gab sich der BVB keine Blöße. Der Auftritt des Teams wirkte reif und entschlossen. „Viel besser kannst du nicht spielen. Für mich war es ein perfektes Auswärtsspiel“, lobte Sky-Experte Didi Hamann. Das Lob aus berufenem Munde tat den Borussen gut.

„Wir wurden die letzten Wochen oft kritisiert, teilweise zurecht. Aber nun kann ich nur ein großes Kompliment aussprechen. Ich bin unfassbar stolz, wie die Jungs dieses Spiel angenommen haben“, sagte Can. Der BVB sei mit der gleichen Intensität wie Union in die Partie gegangen, hätte vor allem um die zweiten Bälle gekämpft – und habe dann aufgrund seiner individuellen Qualität verdient gewonnen. Dies habe er bei seinen Provokationen aber nicht im Kopf gehabt. „Das sollte nicht passieren, ist aber passiert“, so Can. Die Gelbe Karte sei „verdient“ gewesen.

Die Einstellung von Samstag müsse auch Maßstab für die kommenden Aufgaben sein. Zunächst am Mittwoch in der Champions League (21.00 Uhr, im Sport-Ticker der WELT), wenn Inter Mailand kommt. Noch hat der BVB, derzeit Tabellensechzehnter, weder das Achtelfinale noch die Play-offs sicher. Auch in der Bundesliga dürfe auf keinen Fall nachgelassen werden – zumal sich der Rückstand auf die Bayern auf acht Punkte verkürzt hat. Natürlich träumt trotzdem niemand von der Meisterschaft. Doch es ist auch eine Frage von Prestige, den Abstand nicht wieder größer werden zu lassen.

„Ich will einfach nicht, dass es im März entschieden ist“, sagte Nico Schlotterbeck und skizzierte das aus Dortmunder Sicht bestmögliche Szenario. „Da heißt es dranbleiben, solange es geht. Und wer weiß? Vielleicht kommen sie noch ins Straucheln, sie müssen auch noch zu uns. Und wenn es dann mal nur noch vier, fünf Punkte sind, dann überlegen sie vielleicht auch mal“, so der Nationalspieler.

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Zum Schluss richtete Schlotterbeck, der mit seinem Kopfball zum zwischenzeitlichen 2:0 die Partie entschieden hatte, auch ein versöhnliches Grußwort an seinen ehemaligen Verein. „Hier habe ich den Durchbruch geschafft“, erklärte er. Ihm imponiere, wie bei Union „gefightet und malocht“ werde. „Ich wünsche dem Verein alles Gute.“ Zum Geburtstag blieb er trotzdem nicht in Köpenick – obwohl er sich ja durchaus als eingeladen hätte begreifen dürfen.

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