Luis Vogt hatte gerade die Ziellinie von Kitzbühel überquert und sich von 45.000 Fans feiern lassen, da sahen einige schon ein Olympia-Dilemma in Deutschland aufziehen. Rang acht bei der wichtigsten Abfahrt im Weltcup war nicht nur der größte Erfolg des 23-Jährigen und ein Lichtblick im bislang trübgrauen Ski-Winter der deutschen Speedfahrer.
Theoretisch hat Vogt mit diesem achten Platz die nationale Qualifikationsnorm für die Winterspiele in Mailand und Cortina erfüllt. Aber die Nominierung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ist – anders als in anderen Ländern – schon erfolgt, und Vogt stand nicht auf der Liste. Er hat die Norm also erst nach der Frist des DOSB und damit zu spät erfüllt. Pech gehabt? Ausgerechnet bei dem wichtigsten Ereignis im Leben eines Sportlers?
Es wäre bitter, aber regelkonform. Dafür gibt es schließlich Fristen. Wie sinnvoll diese war, darüber lässt sich gewiss streiten, aber es gab sie nun mal. Die Frage ist: Gibt es doch noch eine Möglichkeit? Rückt der Garmischer dank einer Last-Minute-Aktion nach? Die Sache ist heikel. Denn wenn ja, muss dann jemand anderes aus dem Männer-Ski-Team sein Olympia-Ticket zurückgeben? Auch das wäre ein Drama und menschlich mindestens schwierig. Und: Wäre das nicht regelwidrig? Es ist kompliziert.
Mehr als fünf Startplätze wird es für das Team nicht geben
„Das liegt nicht in meinen Händen“, sagte Vogt selbst zur Bredouille, in die der DOSB und der Deutsche Skiverband (DSV) am Samstagnachmittag geraten waren. Der Zwei-Meter-Rennfahrer, der sich mit Schuhgröße 50 in Skistiefel der Größe 47 zwängt, genoss lieber seine erste Top-Ten-Platzierung im Weltcup, und das ausgerechnet auf der legendären Streif. Mit einer beherzten Fahrt hatte er spät im Rennen sogar den späteren Sieger Giovanni Franzoni (Italien) und Superstar Marco Odermatt (Schweiz) auf Rang zwei bangen lassen.
„Saugeil“, fand Vogt, den Verletzungen in den vergangenen Jahren immer wieder gebremst hatten. Das Grinsen wich ihm im Zielraum von Kitzbühel nicht aus dem Gesicht; Fans und Freunde mit Plakaten jubelten dem Oberbayern zu.
Aber natürlich wurde er auch nach Olympia gefragt. Eine Nachnominierung „wäre mega“, meinte er, sagte aber auch, dass die bisher Ausgewählten „große Namen mit guten Platzierungen“ und „berechtigt“ eingeladen seien.
Eines ist unter den vielen Fragezeichen klar: Mehr als die fünf Startplätze, die der Skiweltverband Fis den Deutschen zugeteilt hatte, wird es nicht geben. Eigentlich waren es sogar nur drei, dann aber bekam der DSV noch zwei Extra-Plätze obendrauf. Hintergrund ist, dass die Fis so viele Nationen wie möglich bei Olympia dabeihaben will – zum Leidwesen der Top-Teams.
Felix Neureuther: „Geh auf die Barrikaden“
„Diese Quotenregelung ist totaler Quatsch“, schimpfte Ex-Skirennfahrer Felix Neureuther in der ARD. „Es werden Athleten mitgenommen aus Ländern, die nicht den Hauch einer Chance haben. Und von den Besten der Welt müssen einige daheim bleiben.“ Neureuther sagte im Hinblick auf Vogt: „Wenn der nicht mitgenommen wird, dann geh ich auf die Barrikaden.“
Die Verantwortlichen im DSV müssen nun mit DOSB und Fis klären, was zu tun ist. Kann neben den fünf Nominierten Linus Straßer, Simon Jocher, Alexander Schmid, Fabian Gratz und Anton Grammel noch ein sechster Athlet zumindest als nomineller Ersatzfahrer mit nach Bormio? Quasi als Back-up, falls sich jemand vor Ort verletzten sollte? Zumal ein Einsatz von Schmid, der sich jüngst eine Sprunggelenksverletzung zugezogen hatte, ohnehin schon jetzt fraglich ist.
Ob der DOSB bei seinem Aufgebot noch nachjustiert, blieb zunächst offen. Am deutschen Olympia-Verband hatte es Kritik gegeben, weil er schon relativ früh seine Sportlerinnen und Sportler für die Spiele in Norditalien fixierte. Die Österreicher und Schweizer warten mit den Nominierungen bis nach den Rennen in Kitzbühel. Wäre auch der DOSB so verfahren, ist davon auszugehen, dass Vogt anstelle von Grammel, der die deutsche Norm eigentlich nicht komplett geschafft hatte, das Olympia-Ticket erhalten hätte.
Vogt ist eine der deutschen Abfahrtshoffnungen
„Das ist jetzt alles Zukunftsphilosophie“, sagte Männer-Chefcoach Christian Schwaiger über die sportpolitischen Gedankenspiele, in die er sich nicht einmischen will. „In zweieinhalb Wochen kann im Skisport noch viel passieren.“
Dem Trainer war die Erleichterung anzumerken nach dem achten Platz, der sich fast wie ein Podesterfolg anfühlte. Noch am Freitag hatten seine Schützlinge im Super-G maßlos enttäuscht und Schwaiger „deprimiert“ zurückgelassen.
Vogt ist eine der Hoffnungen bei den Abfahrern, die in den vergangenen Jahre etliche Leistungsträger wie die Kitzbühel-Sieger Thomas Dreßen und Josef Ferstl verloren hatten. Der 23-Jährige soll langfristig als Top-Ten-Fahrer aufgebaut werden. Eine Teilnahme an Olympia 2026 sei dafür nicht essenziell, meinte Schwaiger. Freuen würde sich Luis Vogt aber freilich schon.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke