Die Motoren schweigen, die Räder stehen still – und dennoch hat das Rennen längst begonnen. Unsichtbar und hinter den Kulissen tüfteln die Rennställe seit Monaten an ihren Boliden für die Saison 2026. Bereits Anfang April vergangenen Jahres, als die abgelaufene Saison gerade erst begonnen hatte, legten die ersten Teams den Fokus auf 2026. Denn dann startet die Formel 1 mit einem komplett überarbeiteten Reglement in eine neue Ära. Die Karten werden neu gemischt – und wer das beste Blatt haben wird, ist völlig unklar.
Fest steht nur: Je mehr Zeit in die Entwicklung des neuen Boliden investiert wurde, desto höher sind die Chancen, dass ein Rennstall beim Saisonauftakt in Melbourne/Australien am 8. März einen technischen Vorsprung haben wird. Der wäre Gold wert. Im wahrsten Sinn des Wortes. In der 76-jährigen Geschichte der Formel 1 konnten Teams immer wieder nach großen Regel-Revolutionen eine Ära der Dominanz starten.
Statt die Probleme erst identifizieren zu müssen, konnten sie auf einer guten Basis aufbauen und so der Konkurrenz enteilen. So war es bei Ferrari nach der Jahrtausendwende, als man mit Michael Schumacher fünf Titel in Folge einfahren konnte, und auch bei Mercedes, die zwischen 2014 und 2021 siebenmal die Fahrer- und achtmal die Konstrukteurs-Wertung gewinnen konnten.
Künftig wird es elf Teams in der Formel 1 geben – nicht allen gefällt das
Auf eine ähnliche Erfolgsgeschichte hofft jedes der Teams. Doch die prozentuale Chance darauf ist gesunken. Denn ab 2026 werden nicht wie bisher zehn, sondern elf Rennställe an den Start gehen. Cadillac, dessen Boliden die erfahrenen Piloten Valtteri Bottas (ehemals Mercedes) und Sergio Perez (Red Bull) fahren werden, ergänzt den elitären Kreis. Die Luxusmarke des Automobilkonzerns General Motors wird neben Haas der zweite Rennstall, der künftig unter amerikanischer Lizenz um Siege und Weltmeisterschaften fahren wird.
Dass Cadillac eine Lizenz bekommen hat und es somit künftig elf Teams geben wird, ist hauptsächlich der Verdienst von Mohammed bin Sulayem. Der Präsident des Weltverbands Fia drückte das Vorhaben gemeinsam mit den Verantwortlichen des US-Rennstalls gegen die Formel 1 und die restlichen Teams durch. Diese blockierten den Deal lange aus unterschiedlichen Gründen.
Die etablierten Rennställe wollten die Einnahmen durch TV-Gelder, Sponsoren und Veranstalter nicht mit einer weiteren Partei teilen. Zudem war ihrer Meinung nach die Einmalzahlung für den Einstieg zu niedrig. Bis 2024 lag diese bei 200 Millionen US-Dollar. Da sich der Marktwert der Teams aber durch den neu entfachten weltweiten Hype um die Rennserie stark gesteigert hat, pochten Ferrari, Mercedes & Co auf eine Anhebung. Die Fia lenkte ein, Cadillac musste 600 Millionen Dollar zahlen. Eine verkraftbare Niederlage für die Luxusmarke.
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Ganz anders dürften sich die Verantwortlichen der Formel 1 gefühlt haben. CEO Stefano Domenicali verlor den Machtkampf gegen bin Sulayem und die Fia. Während der Weltverband offiziell mehr Wettkampf wollte, ging es der Rennserie selbst um den Erhalt des Wertes der Königsklasse des Motorsports. Im Fahrerlager gilt es aber als ein offenes Geheimnis, dass der Streit vor allem ein Kräftemessen zwischen den Parteien war. Die Formel 1 verlor.
Wesentlich ruhiger verlief der Einstieg eines weiteren neuen Wettbewerbers. Denn auch ein deutscher Rennstall wird 2026 erstmals in der Königsklasse starten: Audi. Die VW-Tochter geht aus dem Traditions-Team Sauber hervor, wird offiziell „Audi Revolut F1 Team“ heißen. Dabei ist neben Audi selbst nicht die Neobank Revolut der größte Geldgeber, sondern der Staatsfonds Katars (Qatar Investment Authority). Rund 30 Prozent der Anteile hält der Wüstenstaat an dem Werksteam der Ingolstädter. Für die Minderheitsbeteiligung soll Audi rund 350 Millionen Dollar erhalten haben. Zum Zeitpunkt des Kaufs im November 2024 entsprach das etwa 330 Millionen Euro. Weitere Anteile will die VW-Tochter vorerst nicht verkaufen.
Was Audi von Cadillac unterscheidet: Die VW-Tochter kann zwar teils auf bestehende Strukturen, wie das Werk in Hinwil in der Nähe des Züricher Sees aufbauen, doch bei der Antriebseinheit droht ihr ein Nachteil. Während Cadillac bis einschließlich der Saison 2028 den Motor und das Getriebe von Ferrari eingekauft hat, produziert Audi alle Teile selbst. Eine Herkulesaufgabe.
Zwar kann kaum ein Hersteller auf so eine erfolgreiche Zeit im Motorsport wie Audi (unter anderem 13 Gesamtsiege beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans) zurückblicken, doch die Formel 1 ist wie eine andere Sportart. Ein Teamchef beschreibt es im Gespräch mit WELT am SONNTAG wie folgt: „Das ist so, als wenn man die Regeln für Poker kennt und damit Skat spielen möchte. Das funktioniert nicht. Beides sind zwar Kartenspiele, aber die Regeln und Anforderungen sind komplett unterschiedlich. Sie werden einen schwierigen Start haben.“ Das weiß man auch bei den Ingolstädtern selbst. Intern wurde als Ziel vereinbart, dass man fünf Jahre nach dem Einstieg, also in der Saison 2030, um die Weltmeisterschaft mitfahren möchte.
Die Antriebseinheiten sind ab der neuen Saison erstmals zur Hälfte elektrisch
Die größte Hürde auf dem Weg in die Formel 1 ist die Antriebseinheit. Nicht nur, weil Audi – anders als die Konkurrenz – noch nie einen eigenen Formel-1-Motor gebaut hat. Sondern vor allem, weil der Einstieg spät kam. Erst im August 2022, am Rande des Großen Preises von Belgien, verkündeten die Ingolstädter die Gründung eines Werksteams. Was nach reichlich Vorlauf klingt, gilt in der Formel 1 als sportliche Zumutung: Für die Entwicklung einer konkurrenzfähigen Antriebseinheit und den Aufbau einer Fabrik sind dreieinhalb Jahre nicht viel Zeit, sondern fast schon übermorgen.
Dennoch entschieden sich die Verantwortlichen für den Einstieg. Die große Regeländerung war in ihren Augen die optimale Chance, um den etablierten Teams wie Mercedes zumindest annähend auf Augenhöhe zu begegnen. Denn auch die müssen einen neuen Motor erfinden. Ab 2026 sind die Antriebseinheiten erstmals zur Hälfte elektrisch. Die Leistung des bisherigen Verbrennungsmotors sinkt deshalb von 750 PS auf 540 PS. Im Gegenzug erzeugt die Batterie künftig das Dreifache an Leistung, nämlich 480 PS statt 160 PS.
Um die gesamte Rennserie dem Ziel, bis 2030 emissionsfrei zu sein, näherzubringen, werden die Motoren künftig nur noch mit nachhaltigem Kraftstoff betrieben. Durch eine effizientere Aerodynamik und die insgesamt weniger PS soll der Benzin-Verbrauch um bis zu 20 Prozent sinken.
Es ist nicht die einzige Einsparung, zu der die Teams durch das neue Reglement gezwungen werden. Das DRS-System, das den Fahrern bisher auf ausgewählten Geraden einen Tempo-Überschuss durch einen flach gestellten Heckflügel gab, wurde abgeschafft. Dafür gibt es jetzt einen „Boost Mode“, das den Boliden kurzzeitig mehr Vortrieb verschafft. Zudem können die Piloten ihre Front- und Heckflügel während des Rennens aktiv verstellen, um zum Beispiel mehr Abtrieb in den Kurven zu generieren.
Es sind kleine Änderungen, die aber große Auswirkungen haben können. Für den Fan werden sie aber kaum sichtbar sein. Ganz anders bei dem Gesamtbild der Autos. Die dann 22 Boliden werden insgesamt wieder schmaler und kleiner. Waren sie zuletzt zwei Meter breit, beträgt der neue Maximalwert 1,9 Meter. Der Radstand verkürzt sich von 3,6 Metern auf 3,4 Meter.
All das führt dazu, dass eine der wichtigsten Forderungen der Fahrer erfüllt wird: Die Boliden verlieren 30 Kilogramm Gewicht. Statt wie bisher werden sie nicht mehr 798 Kilogramm wiegen, sondern künftig nur noch 768 Kilogramm maximal. In der Formel 1 sind das Welten. Die Faustregel besagt, dass zehn Kilogramm pro Runde ungefähr 0,3 Sekunden ausmachen.
Schneller werden die Autos 2026 dennoch nicht. Im Gegenteil. Simulationen des Weltverbands Fia prognostizieren, dass die Boliden pro Runde bis zu zwei Sekunden langsamer sein werden. Hauptgrund dafür ist, dass sich die Aerodynamik der Autos stark verändert, sodass sie weniger Abtrieb generieren können. Insbesondere in den Kurven müssen die Fahrer daher stärker das Tempo drosseln.
Die Formel 1 verspricht sich dennoch mehr Spektakel. Denn Überholungen und das Folgen eines vorausfahrenden Konkurrenten sollen durch die neuen Richtlinien vereinfacht werden. Das war eine der Hauptforderungen der Rennserie, die seit 2017 im Besitz von Liberty Media ist. Das amerikanische Entertainment-Unternehmen stellt das maximale Fan-Erlebnis über das reine Renngeschehen. Überholungen sind wichtiger als Rundenrekorde.
Doch bevor die Formel 1 in ihre neue Ära startet, kommt sie noch einmal zum Stillstehen. Zwar werden Mitte Januar bereits die ersten Boliden vorgestellt, doch zuvor müssen die Teams ihre Fabriken schließen und die Arbeit ruhen lassen. So schreibt es die Fia vor. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.
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