Nirgendwo wird so viel gelogen wie auf Beerdigungen und bei Verabschiedungen, sagt man. Das kann man dem Hamburger Sportverein beim Überraschungs-Abgang von Stefan Kuntz aus „familiären Gründen“ nicht vorwerfen. Stattdessen befremden die offiziellen Reaktionen: kurz angebunden und kälter als die Elbe.
Drei seltsame Dinge gab es beim Kuntz-Abgang.
- Auf der Homepage wurde die Nachricht mit dürren Worten verkündet. Der Aufstieg wird gerade einmal mit einem Halbsatz gewürdigt. Transfer-Erfolge? Einsatz für Trainer Polzin? Konsolidierung in der Bundesliga? Fehlanzeige. So als hätte es Sportvorstand Kuntz nie gegeben.
- Der Aufsichtsratsvorsitzende namens Papenfuß reißt sich nicht gerade ein Bein aus für Kuntz. O-Ton auf der Klub-Homepage: „Für seine persönliche Zukunft wünschen wir ihm alles Gute.“ Weniger geht nicht. Ist das nur hanseatisch kühl oder steckt mehr dahinter? Herr Papenfuß schwärmt stattdessen, wie toll der HSV ohne Kuntz aufgestellt sei.
- Selbst das Foto auf der Homepage wirkt, als habe man es nach dem Motto ausgesucht: Nehmen wir das, auf dem Kuntz am grimmigsten ausschaut.
Womit wir bei dem Gesicht sind: Der HSV hat es mit Stefan Kuntz verloren. Wer nicht glühender Fan ist oder im Schatten des Volksparkstadions lebt, kennt wohl keinen der HSV-Macher. Das muss nicht gegen ihre Qualitäten sprechen, es ist jedoch ein Handicap in der Außendarstellung eines der wichtigsten deutschen Klubs.
Stefan Kuntz mag auch nicht fehlerfrei sein, aber er ist einer der schillerndsten Typen der Bundesliga. Gelernter Polizist. Europameister 1996 als Spieler. Vorstands-Boss des 1. FC Kaiserslautern. U21-Nationaltrainer mit zwei EM-Titeln. Beliebt wegen seiner Bodenständigkeit.
Klopp gilt nicht
Um die Zukunft von Stefan Kuntz muss man sich kaum sorgen. Ein Expertenjob bei einem der Fußballsender wird schon abfallen. Sorgen bereitet eher die Gesichtslosigkeit der Bundesliga. Wo sind die Manager und Bosse, die (fast) jeder auf Anhieb erkennt?
Der FC Bayern hat sie satt: mit Patriarch Hoeneß, Rummenigge und Eberl. Bei Dortmund bleibt „Kanzler“ Watzke als Präsident an Bord. Vorstand Ricken und Manager Kehl müssen sich noch zurecht ruckeln. Leverkusen besitzt mit Rolfes und dem markigen Carro spätestens seit der Meisterschaft gesichtsbekanntes Personal. Frankfurt mit Krösche und Hellmann zwei präsentable Führungskräfte. Gladbach mit Bonhof eine weltmeisterliche Galionsfigur.
Bei Stuttgart sind Wohlgemuth und Wehrle auf dem Weg dahin, dass man sie auch in Hochdeutsch sprechenden Gegenden wahrnimmt. Dann ist da noch der Mainzer Heidel. Derzeit Letzter, aber Liga-bekannt. Klopp gilt hier nicht. Als weltweiter Fußballboss des Red-Bull-Konzerns ist er für Leipzig und die Liga leider nur ein Phantom.
Falls sich ein Klub-Verantwortlicher in der Liste vermisst: Am besten daran arbeiten, selbst ein Gesicht zu werden. Oder Stefan Kuntz holen.
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