Wenn Domen Prevc derzeit von den Schanzen hinab ins Tal segelt, staunen nicht nur die Zuschauer. Auch die Konkurrenz schaut bewundernd dabei zu, wenn der Slowene bei den Wettbewerben in seiner eigenen Liga und dazu traumwandlerisch sicher springt. Dass er am Samstag bei der Qualifikation in Innsbruck nur 30. wurde, darf auf äußerst starken Rückenwind geschoben werden, der bei der tückischen Bergisel-Schanze nicht annähernd durch die Windpunkte kompensiert wird. Dass er den Sprung überhaupt gerettet hat, so analysierte Experte Severin Freund, lag an seinem derzeit herausragenden Fluggefühl. Eine Gefahr birgt es dennoch.
Prevc kennt es auch ganz anders. Neun Jahre ist es her, dass er mit 17 als Topfavorit zur Vierschanzentournee reiste und gleich im ersten Wettbewerb alles verloren hatte – ganz so, als habe er über Nacht seine Sportart verlernt. An starkem Rückenwind lag es damals nicht. Danach war viel Kampf und Krampf. Und zwar jahrelang. Als Andreas Wellinger 2024 Tournee-Zweiter wurde, lag Prevc abgeschlagen auf Rang 31. Jetzt sind die Verhältnisse umgekehrt. Der Slowene kämpft nach Siegen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen um den Tournee-Triumph, ist der Konkurrenz bereits weit enteilt – Wellinger, im Februar 2025 noch WM-Zweiter, kämpft um den Anschluss. Es ist wie verhext.
Wellinger kennt das bereits. Und nicht nur er. Skispringen ist so faszinierend wie rätselhaft. In keiner anderen Sportart sind die Schwankungen so groß und vollziehen sie sich so schnell, werden Überflieger zu Sorgenkindern und steigen Abgestürzte wieder empor. Es trifft die Besten. Einzig beim Golf kann es mal ähnlich mysteriös sein.
„Im Skispringen ist es immer diffizil“, sagt Wellinger, mittlerweile ein Experte in Sachen Hochs und Tiefs. „Es reichen Kleinigkeiten im Sprung, die alles verändern, weil sie so viel ausmachen.“ Einfach zu erklären und erst recht zu beheben, ist es nicht. Selbst Springer und Trainer verzweifeln bisweilen an dieser hochsensiblen Sportart.
Beispiel Wellinger. Schon seit Saisonbeginn geht nichts – oder nicht viel. Und da der 30-Jährige niemand ist, der die Dinge schönredet, beschrieb er das schon im November recht anschaulich: „Ich hänge über dem Eck wie ein abgestochener Vogel. Es ist keine Leichtigkeit. Skispringen verzeiht momentan keine Fehler, davon mache ich zu viele.“ Und: „Es ist für den Arsch, was ich fabriziere.“ Seine Bewegungen, so empfindet er es, seien abgehackt.
Vor der Vierschanzentournee nahm er sich gar aus dem Weltcup, um nach Lösungen zu suchen. Auch Teamkollege und Ex-Weltmeister Karl Geiger ereilt derzeit das gleiche Schicksal. Beide kehrten zwar zur Tournee zurück ins Team, allerdings, ohne wirklich Fortschritte gemacht zu haben. Statt um Podestplätze zu kämpfen, ist derzeit selbst die Qualifikation eine Herausforderung für sie, vom zweiten Wertungsdurchgang ganz zu schweigen. Dass Wellinger an diesem Sonntag beim Wettbewerb in Innsbruck dabei ist, war eine Zitterpartie: Als 50. der Qualifikation erreichte er das Finale auf dem letztmöglichen Platz – an den Bedingungen lag es nicht. Geiger wurde 39.
Das Risiko für Prevc und das Phänomen Diethart
Und Prevc? Er galt einst als Wunderkind, war ein Harakiri-Springer. Mutig, risikoreich – und damit auch anfällig. Damals, mit 17, kamen noch die Nerven dazu, sodass sich irgendein Parameter in seinem System veränderte und es zusammenfallen ließ. Er brauchte bis zum vergangenen Winter, um wieder ganz vorn mitzumischen und jetzt – zehn Jahre nach seinem Bruder Peter – die Tournee gewinnen zu können. Bei seinem riesigen Vorsprung kann er sich auch eine Schwäche erlauben.
Eigentlich dürfte die Qualifikation, deren Resultat den Bedingungen und nicht seiner Form geschuldet ist, kein Grund zur Sorge für ihn sein. Allerdings reden wir hier vom Skispringen, dieser eben oft auch rätselhaften Sportart. Zudem untermauern die Quali-Ergebnisse einmal mehr den Ruf der berüchtigten Bergisel-Schanze. Deshalb ist die große Frage: Kann Prevc die Ruhe bewahren? Oder schleichen sich Zweifel und Unsicherheit ein? Das kann im Skispringen fatal sein.
Ein weiteres gutes Beispiel für die Extreme beim Skispringen ist ein Österreicher: Erinnern Sie sich an Thomas Diethart? Er tauchte 2013/14 bei der Vierschanzentournee fast aus dem Nichts auf, sprang sich in einen Rausch, gewann und verschwand wieder. Kleinste technische Fehler, minimale Veränderungen im Bewegungsablauf wie der Winkel bei der Anfahrtshocke oder/und Regeländerungen können eben das ganze Flugsystem zerstören, eine mentale Sperre zusätzlich alles zunichtemachen. Wer aber in einem Rausch ist, scheint unantastbar. Eigentlich.
„Das ist per se schon knifflig zu lösen“
„Wie stellt sich der Ski an? Wie viel Rotation kriege ich mit? Das ist per se schon knifflig zu lösen“, sagt der frühere Top-Springer Martin Schmitt. „Veränderungen im Materialbereich erschweren das noch mal. Diese kommen dem einen Springertypen mehr, dem anderen weniger entgegen.“ Und diese Veränderungen gab es in der Historie dieser Sportart immer wieder – durch Innovationen und Weiterentwicklung, durch Reaktionen des Weltverbandes auf Fehlentwicklungen wie einst das Gewicht der Springer – oder wie zuletzt durch neue Regeln, nachdem die Norweger bei ihrer Heim-WM betrogen hatten.
Die jetzt engeren Anzüge stellen viele Springer vor eine Herausforderung. „Mit jeder Regeländerung verändert sich auch ein bisschen, wie ich springen kann“, erklärt Schmitt. „Letzte Saison konnte man tendenziell etwas aggressiver sein, auch eine etwas breitere Skiführung haben. Jetzt muss man etwas verhaltener sein im Absprungübergang, tendenziell ist die Skiführung ein bisschen schmaler.“ Und: „Zuvor hatten wir mehr Fläche im Schrittbereich. Wer das aerodynamisch perfekt nutzen konnte, war im Vorteil.“
Testen, adaptieren, womöglich umstellen. Fest steht: Wellinger hat Probleme mit den engeren Anzügen. Prevc hingegen, der wie Wellinger im vergangenen Winter WM-Silber gewonnen und zudem einen Skiflug-Weltrekord aufgestellt hatte, gelang die Umstellung bestens. Ebenso dem Österreicher Jan Hörl und anderen. „Jeder Springer hat einen Grundsprung entwickelt. Das ist ein bisschen wie ein Fingerabdruck“, erklärt Schmitt. „Der Grundsprung ist nicht ganz so unveränderbar wie ein Fingerabdruck, aber nur in gewissen Grenzen zu wandeln. Dadurch steckt man etwas in einer Abhängigkeit.“ Auf vieles könne man sich einstellen, doch das brauche oft Zeit. Und Training.
Über die Sprunganzahl, Automatismen und Psyche
An diesem Punkt taucht das sich anschließende Problem auf. Denn Skispringer haben verglichen mit anderen Sportarten eine sehr begrenzte Anzahl an Übungswiederholungen. Schließlich muss alleine aus Sicherheitsgründen die Ausführungsqualität gewährleistet sein. „Wir machen im Jahr etwa 600 Sprünge“, weiß Schmitt. „Um ein eingeschliffenes Bewegungsmuster zu verändern, ist das relativ wenig. Hinzu kommt ja die Frage: Wie viele Sprünge mache ich tatsächlich in dem Zustand, in dem ich auch Wettkämpfe springe?“
Es ist ein Teufelskreis. Kleine Abweichungen führen zu einem veränderten Gefühl, das wiederum oft zu Unsicherheit. Der Skispringer aber braucht für eine Weltklasseleistung einen automatisierten Bewegungsablauf, in den er nicht mehr eingreifen muss. „Aber intuitiv ablaufen lassen kann ich es nur, wenn ich keine Fehler mache“, sagt Schmitt. Genau das ist letzten Endes die Schwierigkeit in der Situation von Geiger und Wellinger. „Wenn Sie jetzt den Sprung einfach ablaufen lassen, intuitiv, dann haben Sie in irgendeinem Punkt vielleicht zu viel Rotation oder zu wenig. Und der Sprung funktioniert nicht. Sie müssen also eingreifen. Aber in dem Moment habe ich nicht den Automatismus.“ Hinzu kommt die Frage: Wie viel und wann greife ich ein? Wann lege ich mich fest und vertraue?
Wellinger hatte schon einmal eine lange Phase, in der er auf der Suche war: Auf einen schwierigen nacholympischen Winter 2018/2019 folgte ein Sturz samt Kreuzbandriss. Danach war es zäh, sogar die Heim-WM 2021 verpasste er. „Und dann suchst und suchst du nach diesen entscheidenden Kleinigkeiten, findest sie aber nicht und verstehst es nicht“, sagte er damals WELT. „Dann fragst du dich: ‚Was ist hier los? Das sieht doch gar nicht schlecht aus, aber ich fliege einfach nicht.‘“ Nicht zu verkrampfen, ist dann die große Kunst. Oder die Verkrampfung aufzulösen, Selbstvertrauen zurückzugewinnen, um den Sprung tatsächlich freigeben und all die Energie hineinstecken zu können.
Wenn dann auch noch Pech dazukommt ...
Es gibt nur wenige Skispringer, die zumindest weitestgehend immun sind, denen Veränderungen nicht viel anhaben können. Das Paradebeispiel ist der Österreicher Stefan Kraft, der Konstanteste der vergangenen Jahre und dreimalige Gesamtweltcupsieger. „Er hat wirklich ein stabiles System. Tendenziell können die kleineren Athleten eher kompensieren“, sagt Schmitt.
Manchmal kann es auch ganz schnell gehen. Oft aber führen die kleinen Schritte zurück in die Erfolgsspur – es ist ein mühsamer Weg. Und es braucht Glück zur rechten Zeit, um spüren und erleben zu können, wie ein guter Sprung funktioniert. „Ungünstiger Wind und die falsche Luke helfen nicht gerade“, sagt Schmitt. Aufwind hingegen kann Flügel verleihen.
So wie einst bei Jens Weißflog, der in diesem einen Moment im Dezember 1995 an den Skisprunggott glaubte. Weißflog hatte zu kämpfen, war am Verzweifeln. Beim letzten Springen vor der Tournee erlebte er dann dies: „Plötzlich, kurz vor dem Boden, bekam ich eine Windböe ab, die mich trug.“ Ein wichtiger Baustein für seinen vierten Tourneesieg direkt im Anschluss.
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