Peter Wright lachte, um die fehlende Ernsthaftigkeit seiner Aussage noch einmal zu unterstreichen: „Wenn der Weltmeister eine Million Pfund bekommt, dann noch einmal zurückzukommen, den Titel zu holen und sich anschließend wirklich zur Ruhe zu setzen. Das wäre es.“ Der 55-Jährige winkte ab. Nur Spaß, klar.
Die Aussage ist zweieinhalb Jahre alt. Der Champion von 2020 und 2022 sinnierte damals über sein irgendwann einmal bevorstehendes Karriereende und mögliche Gründe für ein in noch fernerer Zukunft liegendes Comeback. Um die Unwahrscheinlichkeit zu verdeutlichten wählte er die scheinbar illusorische Siegerbörse. Eine Million Pfund – so ein Blödsinn.
Er ist seitdem weder aus dem Ruhestand zurückgekehrt, noch überhaupt zurückgetreten. Und dass die Million dennoch schon bereitliegt, verdeutlicht den rasanten Wandel in Wrights Sport. Wer auch immer das Endspiel am 3. Januar 2026 im Londoner Alexandra Palace gewinnen wird, erhält das größte Preisgeld, das je ein Dartspieler bekommen hat.
Die Million für den Weltmeister ist ein Meilenstein, der den Beginn einer neuen Ära markiert und die aktuelle Spielergeneration prägen wird. Die Million steht als Signal für Wohlstand und Wachstum, ist Anreiz für den Nachwuchs und – für den Sport selbst – Ausdruck von Relevanz. Letztlich ist die eine Million Pfund sogar nur eine von sieben, die die Professional Darts Corporation (PDC) in der kommenden Saison zusätzlich ausschüttet. Geld, das auf die ohnehin schon rasante Entwicklung des Pfeilewerfens die Wirkung eines Turbos haben und weitere umfangreiche Effekte nach sich ziehen wird.
Jocky Wilson verlor den letzten Zahn mit 28
„Das ganze Drumherum hat sich verändert. Es kommt einfach immer mehr Geld herein, wodurch alles professioneller wird: Ernährung, Trainingslehre, Beratung, Psychologie, Coaching. Und wir stehen da erst am Anfang. Da hat sich extrem viel gewandelt“, sagt Werner von Moltke, Geschäftsführer der PDC Europe. Von Moltke wirkt seit 2005 in dem Sport mit und gibt ein plakatives Beispiel: „Schauen Sie sich mal die Top 10 von heute an, wie die aussehen – und die von vor 20 Jahren.“
Wer sich den Spaß macht, stellt folgende Veränderungen fest: weniger Körpergewicht, jüngeres Alter, höhere Fitness, mehr Zähne. Unterschiede, die immer deutlicher werden, je weiter man in der Geschichte zurückblättert.
Jocky Wilson gewann 1982 und 1989 den Weltmeistertitel. Die schottische Legende war der große Publikumsliebling seiner Zeit und hatte ihren letzten Zahn im Alter von 28 Jahren verloren. Während eines Matches trank Wilson bis zu drei Liter Bier, und neben dem Alkohol gehörten auch Zigaretten wie selbstverständlich auf der Bühne dazu. Die Spieler trafen weniger Triple, warfen deutlich langsamer. Der vielleicht größte Unterschied aber ist nur indirekt in den Bildern sichtbar: das Geld.
Wilson wurde 1997 für pleite erklärt, war bettlägerig und lebte seitdem von einer kleinen Behindertenbeihilfe. Er starb verwahrlost und vom Alkohol gezeichnet am 24. März 2012, zwei Tage nach seinem 62. Geburtstag.
„Viel Geld gab es da nicht zu holen“
Dass Wilson verarmte, lag schlichtweg daran, dass er alles versoff. Allerdings waren die Einnahmen auch überschaubar. Für seinen ersten WM-Titel erhielt er 6500 Pfund. Sieben Jahre später waren es immerhin schon 22.000 Pfund Titelbörse, damit aber immer noch weniger, als es bei der WM 2026 für einen Sieg in der ersten Runde gibt (25.000 Pfund).
Vor allem gab es damals außerhalb der WM kaum weitere Veranstaltungen mit signifikantem Preisgeld. „Wir spielten maximal zwei Turniere pro Monat. Und viel Geld gab es da auch nicht zu holen“, erinnert sich Alan Warriner-Little. Der Engländer schied 1989 gegen Wilson im WM-Achtelfinale aus, stand 1993 im Endspiel und gewann 2001 den World Grand Prix. Reich wurde er trotz der Erfolge nicht.
Der 63-Jährige begleitet den Sport bis heute als Präsident der Spielerorganisation PDPA und Komitee-Mitglied bei den Regelhütern der Darts Regulation Authority (DRA). Auch er beschreibt eine grundlegende Veränderung weg von einem Spiel talentierter Kneipenhelden, hin zu einem sich immer mehr professionalisierenden Sport: „Die ganze Herangehensweise, die Professionalität ist heute vollkommen anders.“ Der Grund dafür: „Money. Es gibt viel mehr TV-Turniere. Das war in meiner Zeit anders. Unser Brot-und-Butter-Geschäft war der Exhibition Circuit. Ich habe zwei bis drei pro Woche gespielt.“ Solche Schaukämpfe waren die einzige Möglichkeit, um als Dartspieler einigermaßen über die Runden zu kommen.
Gian van Veen kennt die alten Geschichten. Unter derartigen Rahmenbedingungen wäre die Nummer zehn der Welt nicht in den Sport eingestiegen. „Es muss sehr schwierig gewesen sein, davon zu leben. Insofern hätte ich es nicht gemacht“, sagt der 23-jährige Niederländer und streicht einen entscheidenden Unterschied heraus: „Früher waren vier, fünf Turniere pro Jahr im Fernsehen. Jetzt sind es 30.“
Phil Taylor war der erste Darts-Millionär
Van Veen begann im Alter von zehn Jahren mit Darts und fasste während der Corona-Pandemie den Entschluss, Profi zu werden. 2023 sicherte er sich die Tourkarte. Er ist ein typischer Vertreter der neuen Generationen um die englischen Superstars Luke Littler und Luke Humphries, Josh Rock aus Nordirland oder auch van Veens Landsmann Wessel Nijman. Sie trainierten und spielten schon früh für eine Profikarriere, begriffen ihr Engagement als Investment.
Sie stehen erst am Anfang ihrer Karrieren, doch selbst Nijman, Nummer 31 der Welt, dürfte bei anhaltender Entwicklung schon im Jahr 2027 mehr verdient haben, als beinahe alle Spieler früherer Generationen. Lediglich Phil Taylor (7,2 Millionen Pfund, 1988 bis 2018) und Adrian Lewis (3,4 Millionen Pfund, 2003 bis 2023) scheinen für die kommenden zwei Jahre noch außer Reichweite.
Legende Taylor, 16-maliger Weltmeister, war der erste Darts-Millionär der Geschichte – und lange der einzige. Bis heute konnten lediglich sieben Spieler bis zu ihrem Karriereende mehr als eine Million Pfund erspielen: neben Taylor und Lewis noch Terry Jenkins, Robert Thornton, Vincent van der Voort, Steve Beaton und Jelle Klaasen.
Unter den noch aktiven Spielern haben dagegen bereits 35 die Marke geknackt, darunter mit Martin Schindler seit Herbst 2025 auch ein Deutscher. Bei dieser WM werden weitere hinzukommen, am Jahresende 2026 dürften es mehr als 50 sein.
Gerwyn Price kauft Häuser
Wie viele von ihnen auch echte Vermögensmillionäre sind, ist schwer zu sagen. Manche legen ihr Geld clever an. Der Waliser Gerwyn Price etwa gilt in Finanzfragen als Musterbeispiel und dient interessierten Kollegen als kompetenter Ansprechpartner. Er hat mehrere Immobilien, betreibt zudem einen Imbiss.
Michael van Gerwen hingegen, mit rund zwölf Millionen Pfund gewonnenem Preisgeld Krösus seines Sports, gab im Frühjahr in einem Interview mit WELT AM SONNTAG zu, die Einnahmen der ersten Jahre schlichtweg verprasst zu haben. Heute hat er einen eigenen Finanzberater, dazu noch fünf weitere Leute in seinem Team.
„Zu meiner Zeit gab es nicht mal fünf Spieler, die von Darts leben konnten“, sagt Warriner-Little und lacht. Ärgert er sich manchmal, dass er sein Talent 30 Jahre später hätte vergolden können? „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das Thema nicht berührt“, gibt er zu: „Aber so ist das im Sport, selbst im Fußball: Bobby Charlton war fantastisch, hat zu seiner Zeit aber auch nur 600 oder 700 Pfund im Monat verdient.“
Wann genau es sich im Darts veränderte, vermag niemand zu sagen. „Es war eine stete, eine geradlinige Entwicklung nach oben“, glaubt Warriner-Little. Noch bis vor zehn Jahren war das Profitum nur den Erfolgreichsten vorbehalten. Selbst der legendäre Steve Beaton, Kampfname „The Bronzed Adonis“ arbeitete bis zu seinem Karriereende 2024 noch als Fahrlehrer. Auch der Waliser Jonny Clayton, seit sieben Jahren in den Top 16 der Weltrangliste, war 2022 noch als Stuckateur bei der Stadtverwaltung von Carmarthenshire angestellt.
Doch die Grenzen haben sich verschoben. In den Top 64 sind Spieler wie Feuerwehrmann Alan Soutar heute die absolute Ausnahme. „Ich mag meinen Job, aber es wäre ein Traum, als professioneller Dartspieler zu leben“, sagte Andreas Harrysson in der vergangenen Woche nach seinem Einzug in die dritte Runde. Der Schwede ist die Nummer 114 der Welt, arbeitet in einer Fabrik und baut dort Fensterrahmen zusammen. Jenseits der Top 100 wirft Darts noch nicht genug ab, doch welche Einzelsportart tut das schon?
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Um sein großes Ziel, einen festen Platz auf der Tour, zu erreichen, ließ er sich Anfang November beruflich freistellen und begann intensiver zu trainieren. Die Tour nebenbei zu spielen, ist angesichts der gestiegenen Leistungsdichte kaum noch möglich. „Dartspieler ist jetzt ein normaler Beruf“, sagt Warriner-Little: „Allein schon aufgrund der Vielzahl an Turnieren: die Players Championships, die European Tour und die großen TV-Events. Dazu kommt noch die Zeit für die Reisen. Und Darts ist so populär, dass die Spieler auch noch an zahlreichen Exhibitions teilnehmen.“
15.000 Pfund für einen Show-Abend
Dass die Schaukämpfe bis heute überlebt haben, erscheint angesichts des vollen Turnierkalenders überraschend. Dass sie parallel zu den Ranglistenturnieren in neuen Dimensionen stattfinden, geradezu frappierend. „Früher war ich allein oder mit einem anderen Spieler bei einer Exhibition. Die fanden bei Klubs oder in Pubs statt, vielleicht mal in einer kleineren Halle“, sagt Warriner-Little und staunt: „Heute sind da acht, neun oder zehn Spieler dabei. Vor bis zu 4000 Zuschauern. Auch das zeigt, wie groß Darts geworden ist.“
Verwunderlich ist auch, dass die Spieler trotz des Reisestresses überhaupt noch die Zeit für derlei Auftritte ohne sportliche Relevanz finden. Warriner-Little, selbst regelmäßig als Legende auf solchen Exhibitions dabei, grinst: „Das Geld ist zu verlockend. Da können sie viel abgreifen.“ Branchenprimus Littler etwa lasse sich so einen Abend mit 15.000 Pfund entlohnen.
Gestiegene Honorare bei den Shows und explodierte Preisgelder – nun stagniert nur die dritte klassische Einnahmesäule. Große Sponsorenverträge bleiben bislang der wirklichen Elite vorbehalten. Während Littler unter anderem für die Spielekonsole Xbox wirbt, tragen die meisten Spieler Namen und Logos lokaler mittelständischer Unternehmen auf der Brust: ein Tattoostudio, eine Kfz-Werkstatt oder ein Gerüstbauer. Der Deutsche Lukas Wenig etwa warb bei der WM für Steuerberater Brüggemann, und selbst bei Schindler klebte in der vergangenen Saison noch der „Angelshop Zossen“ auf dem Trikot.
„Bei den bestehenden Managements der Spieler ist das nötige Know-how noch gar nicht vorhanden. Da wartet man, dass irgendjemand anruft. Das wird sich aber auch verändern“, glaubt von Moltke, der die generelle Entwicklung nicht uneingeschränkt positiv sieht: „Das Geld hat die Zusammenarbeit mit den Athleten nicht unbedingt leichter gemacht. Geld verändert die Welt. Das ist kein Phänomen des Darts, aber ich merke: Je mehr Geld reinkommt, desto schwieriger wird es.“
Auch Warriner-Little findet, dass es „früher romantischer“ war. Vielleicht hatten die Alten wie er oder Jocky Wilson es doch ganz gut. Der schottische Weltmeister konnte mit Statussymbolen ohnehin nichts anfangen. Nach seinem ersten Titel 1982 beschenkte er sich mit neuen, 1200 Pfund teuren Zähnen, die allerdings nicht lange im Mund blieben. Er müsse damit ständig rülpsen, schimpfte er. Nachdem ihm das Gebiss beim Jubel über einen Sieg auf der Bühne aus dem Mund gefallen war, ließ er es einfach wieder draußen.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch über Abseitiges wie Fußball.
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