Yannick Gerhardt hat beim VfL Wolfsburg schon einiges erlebt. Als der 31-jährige Mittelfeldspieler am 27. August 2016 sein erstes Bundesligaspiel für die Niedersachsen absolvierte – ein 2:0 beim FC Augsburg – hieß sein Trainer Dieter Hecking. Der war zugleich auch der bislang letzte Coach, der mit Wolfsburg einen Titel gewinnen konnte. Doch das war allerdings knapp vor Gerhards Zeit. 2015 holten die „Wölfe“ den DFB-Pokal.

Alles, was danach kam, war nicht von allzu langer Dauer. Nur zwei Monate nach seinem Debüt erlebte Gerhardt seinen ersten Trainerwechsel: Hecking wurde beurlaubt, Valerién Ismael übernahm.

Der wiederum musste nach nicht einmal vier Monaten auch schon seinen Hut nehmen. Der Austausch von Übungsleitern schien fast schon zum Geschäftsmodell des Fußball spielenden Volkswagen-Ablegers zu werden: Aktuell arbeitet Gerhardt in seiner zehnten Saison in Wolfsburg mit seinem elften Trainer, streng genommen sogar mit dem zwölften. Denn Daniel Bauer, der am 10. November nach dem Rauswurf von Paul Simonis interimsweise übernommen hat, war bereits Ende der vergangenen Saison nach der Trennung von Ralph Hasenhüttl schon einmal eingesprungen.

Da liegt das, was Gerhardt zur aktuellen Krise des Tabellen-15. sagt, auf der Hand. „Wir haben zu viele Veränderungen, zu viel Unruhe im Verein. Die Anzahl der Trainer, die wir verschleißen, ist zu hoch. Ansprüche und Realität klaffen auseinander“, erklärte er am vergangenen Samstag nach dem 1:3 gegen Bayer Leverkusen. Es war bereits die siebte Niederlage der laufenden Saison.

Der fast schon traditionelle Wolfsburger Reflex zieht nicht mehr

Am Sonntag, wenn die Wolfsburger in Frankfurt gastieren (17.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT), droht das Abrutschen auf den 16. Platz, den Relegationsrang. Die ursprünglich angestrebte Rückkehr in den Europapokal ist schon längst kein Thema mehr. „Wir müssen jetzt erst einmal nicht auf schöne Ziele schauen, sondern die brutale Realität annehmen“, so Gerhardt.

Die Frage ist jedoch: Ist der VfL dazu bereit? So wie sich der Klub in den vergangenen Monaten präsentiert hat, sind Zweifel berechtigt. Es gibt ein Sammelsurium von Problemen, die alle miteinander verflochten sind. Es knirscht auf allen Ebenen. Und der fast schon traditionelle Wolfsburger Reflex, den Trainer zu wechseln, um so einen kurzfristigen Effekt zu erzielen und von strukturellen Defiziten abzulenken, zieht nicht mehr. Denn auch die beiden Spiele unter Bauers Leitung gingen verloren.

Es gibt erhebliche Zweifel, ob der Kader so zusammengestellt ist, dass es – für welchen Coach auch immer – überhaupt möglich ist, eine strukturierte Mannschaft herauszufiltern. Es fehlt nicht an Spielern. Im Gegenteil: Das Aufgebot ist mit 29 Profis fast schon zu groß. Doch auch das ist Teil der Misere. Mehrere Spieler bekommen kaum Einsatzzeiten. Das sorgt für Unzufriedenheit.

Die Wolfsburger leiden unter den Folgen einer undurchsichtigen Einkaufspolitik. Die Transfers der vergangenen Jahre im allgemeinen und die des vergangenen Sommers im Besonderen passten häufig nicht. Das prominenteste Beispiel: Christian Eriksen. Ein international renommierter Star – aber ein Spieler, der nicht wirklich benötigt wurde. Der Däne, mittlerweile 33, ist der bereits achte zentrale Mittelfeldspieler im Aufgebot. Eriksen lenkte internationale Aufmerksamkeit auf Wolfsburg, doch sportlich hat der VfL von ihm nicht profitiert. Auch andere Zugänge wie der Brasilianer Vini Souza, der für 15 Millionen von Sheffield United kam, enttäuschen bislang.

Vor allem an Eriksen scheiden sich die Geister. Bereits zwei Tage nach seiner Verpflichtung gehörte er bei der Partie gegen Köln zum Spieltagskader – ohne Saisonvorbereitung, ohne groß mit den neuen Kollegen trainiert zu haben. Das verwunderte. Wie der „Kicker“ berichtete, soll dies aber nicht Trainer Simonis allein so entschieden haben soll – sondern indirekt auch Sportgeschäftsführer Peter Christiansen. Der habe, hieß es, über Fitnesstrainer Christian Clarup diesen Wunsch beim Chefcoach so hinterlegt. „Das ist eine konstruierte Geschichte“, widersprach Christiansen entschieden.

In jedem Fall aber dokumentiert dies, wo die Konfliktlinien in Wolfsburg entlang verlaufen. Und für die Autorität von Simonis, die wegen seiner nicht gerade umfangreichen Erfahrung ohnehin nie besonders groß war, war es auch nicht förderlich. Für die allgemeine Stimmung beim VfL, die wegen des schlechten Saisonstarts ohnehin schon angespannt genug war, erst recht nicht.

Dem Ex-Trainer eine derart komplexe Aufgabe zu übertragen, war gewagt

Als sich die Wolfsburger dann am 28. Oktober auch noch mit einem 0:1 zu Hause gegen den Zweitligaklub Holstein Kiel aus dem DFB-Pokal verabschiedeten, traten die Risse offen zutage – die in der Mannschaft und die zwischen Mannschaft und sportlicher Leitung. „Was soll ich denn machen? Soll ich den Spielern auf die Schnauze hauen? Dann kann ich rüber ins Werk gehen und meinen Vertrag abholen“, platzte es aus Torwart Marius Müller heraus, als er gefragt wurde, welchen Einfluss er auf seine indisponierten Mitspieler nehmen könne. Am Tag darauf gab es eine Krisensitzung. Dabei soll sich Christiansen explizit Müller vorgenommen haben. Die Worte, die dabei fielen, müssen erneut sehr klar gewesen sein – teils auch vulgär.

Damals hielt Christiansen noch an Simonis fest – wohl auch, um einen Gesichtsverlust zu vermeiden. Der Geschäftsführer hatte den Niederländer, der zuvor im Profifußball erst eine Saison als Chefcoach bei den Go Ahead Eagles hinter sich gebracht hatte, geholt. Simonis galt als Trainertalent. Doch ihm eine derart komplexe Aufgabe wie die in Wolfsburg zu übertragen, war gewagt. Nach zwei weiteren Bundesliganiederlagen – 2:3 gegen Hoffenheim und 1:2 in Bremen – war dann auch Christiansen klar: So konnte es nicht weitergehen. Simonis wurde freigestellt.

Allerdings war der Verein da wegen der mittlerweile immer größer gewordenen Unruhe bereits in einer Situation, in der dies allein nicht mehr ausreichte. Fragen nach konzeptionellen Fehlern wurden gestellt. So musste nur vier Tage nach dem Trainerwechsel auch Sportdirektor Sebastian Schindzielorz gehen. Ihm werden die Versäumnisse in der Transferpolitik zur Last gelegt. Aktuell wird also sowohl ein Cheftrainer als auch ein Sportdirektor gesucht.

Während in der Trainerfrage auf Zeit gespielt wird – Christiansen vertraut Bauer – gab es bei der Suche nach dem Sportdirektor bereits einen Rückschlag. Andreas Schicker, der Sportgeschäftsführer der TSG Hoffenheim, schien auf dem Sprung – bekam dann aber doch keine Freigabe. Danach streckte der VfL über Mittelsmänner die Fühler nach Marcus Mann, dem Sportdirektor von Hannover 96, aus. Doch das scheint sich schwierig zu gestalten. Am Mittwoch erklärte Hannover-Aufsichtsratschef Martin Kind, Mann habe ihn informiert, „dass Wolfsburg ihn verpflichten will“. Allerdings, so Kind im Gespräch mit der „Bild“: „Im Moment brauchen wir nicht zu verhandeln.“

Das würde möglicherweise auch aus Wolfsburger Sicht Sinn ergeben. Denn zunächst gilt es eine andere, grundsätzliche Entscheidung zu treffen: Die, ob Peter Christiansen tatsächlich weiterhin die Gesamtverantwortung für den Sport tragen soll – nach all dem, was schiefgelaufen ist.

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