Viele nennen ihn „Boxmagier“. Manch einer bezeichnet ihn auch als „Trainer Gnadenlos“ oder „Diktator“. Auf jeden Fall ist Hans-Ullrich Wegner, den alle nur „Ulli“ rufen, einer der erfolgreichsten seiner Zunft, wobei der 83-Jährige oftmals selbst das wirkliche Spektakel eines Boxabends war. Sechs Weltmeister, zwei WM-Titelträgerinnen und sieben Europameister brachte der langjährige Chefcoach des Berliner Sauerland-Boxstalls heraus. 17-Mal wurde der Träger des Bundesverdienstkreuzes zum „Trainer des Jahres“ gewählt. Im Herbst 2023 fand er Eingang in die Hall of Fame des deutschen Sports. Zudem ist er Ehrenbürger seines Heimatdorfs Penkun und der Stadt Gera, wo auch – wie auf der Insel Usedom und in Stendal – eine Sporthalle seinen Namen trägt.

Seinen Ruhm erarbeitete sich der einstige Amateurboxer über fünf Jahrzehnte. Sein Lieblingsplatz waren die Ringecken, in denen er tobte und lobte, korrigierte und kritisierte. Ein letztes Mal noch wird das Unikum dort in Aktion zu erleben sein – am 12. Dezember in Dubai, wenn der von ihm betreute Bulgare Kubrat Pulev seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht der World Boxing Assoziation gegen den Russen Murat Gassijew verteidigt. WELT AM SONNTAG traf Wegner im Trainingscamp in Zinnowitz an der Ostsee.

WELT AM SONNTAG Herr Wegner, leidend sehen Sie aber nicht aus.

Ulli Wegner: Warum sollte ich das auch?

WAMS: Nun ja, so besessen und triumphal wie Sie Ihr Trainerdasein über mehr als ein halbes Jahrhundert gelebt haben, würde man annehmen, dass Ihnen das Abschiednehmen schon Herzschmerz bereitet, oder?

Ulli Wegner: (holt tief Luft) Nicht wirklich. Ich hatte es nie für möglich gehalten, doch die Flamme für meine große Liebe Boxsport, die jahrzehntelang nicht heller hätte lodern können, ist inzwischen so gut wie erloschen. Und das aus zwei wesentlichen Gründen. Der Erste hat mit dem Zustand des Boxsports hierzulande zu tun. Aus meiner Sicht ist er vollkommen abgewirtschaftet. Sowohl der Amateur- als auch Profibereich ist so k.o. wie er mehr k.o. nicht sein kann. Ich bin froh, dass ich damit nichts mehr zu tun habe.

WAMS: Und das, obwohl Sie bei 560 Profikämpfen in der Ringecke gestanden haben. In 105 Duellen ging es dabei um eine Weltmeisterschaft.

Wegner: Das, was bei den Profis noch präsentiert wird, hat mit dem, was nach dem Mauerfall durch die früheren DDR-Trainer aufgebaut wurde, beginnend mit dem großen Manfred Wolke über Fritz Sdunek, den einstigen Cheftrainer des Universum-Boxstalls, dessen Kollegen Michael Timm und Torsten Schmitz und mir, überhaupt nichts mehr zu tun. Es fehlt an hoch qualifizierten Trainern, an potenten Promotern, an Strukturen und vielem mehr. Ich möchte aber nicht weiter jammern. Wie wir aus dem Elend kommen sollen? Ich wüsste es, doch das jetzt zu erklären, würde zu weit führen. Ich werde dazu jedenfalls nichts mehr beitragen. Obwohl ich noch immer viele Anfragen bekomme, um den einen oder anderen zu trainieren.

WAMS: Sie sprachen von zwei Gründen. Welches ist der andere?

Wegner: Durch meine beiden Oberschenkelhalsbrüche und eine Hüftoperation bin ich in der Beweglichkeit und Belastbarkeit sehr eingeschränkt. Und da ich als Trainer die Übungen immer vor- und mitgemacht habe, was ich nun nicht mehr wie gewohnt kann, habe ich mich dazu entschieden, mich nicht weiter unnötig zu quälen. Also heißt es nun für mich: „Erst die Rechte, dann die Linke – beide machen winke, winke.“ (lacht)

WAMS: Schön, dass Sie Ihren Humor nicht verloren haben.

Wegner: Warum auch? Ich bin sehr dankbar, für das, was ich erleben durfte, egal, ob es sich um ganz große Kämpfe und bedeutende Siege handelte oder aber auch Niederlagen, die meine Sportler und ich zu verarbeiten hatten. Ich habe viele einzigartige Geschichten geschrieben, es war eine grandiose Zeit, die ich mitgemacht habe.

WAMS: Welches war denn Ihr dramatischster Kampf?

Wegner: Der von Sven Ottke am 24. Oktober 1998 in Düsseldorf, als er den Amerikaner Charles Brewer (damals Weltmeister der IBF, d.Red) in seinem erst 13. Profikampf knapp nach Punkten besiegte und mein erster Profichampion wurde. Das war utopisch, was uns geglückt war. „Svennie“ hatte Aufbaukämpfe, wo die Zuschauer Biertrinken gegangen sind. Das konnte nicht so weitergehen. Der Junge besaß die Erfahrung von 335 Amateurkämpfen, war dreimal bei Olympischen Spielen dabei, war zweimal Amateur-Europameister. Deshalb bat ich unseren Promoter Wilfried Sauerland, einen WM-Kampf für Svennie zu besorgen. Und zwar gegen einen, der richtig hauen kann, wo er sich richtig anstrengen muss. Das tat er dann auch. Wobei ich kurz vor einem Herzinfarkt stand.

WAMS: Warum?

Wegner: Weil es in dem Kampf um unser Überleben ging. Der Sauerland-Stall hatte zu der Zeit keinen Weltmeister. Wir kämpften noch auf RTL, doch die wollten nicht weitermachen. Ich weiß noch, wie RTL-Chef Hans Mahr damals gesagt hat: „Dann schauen wir uns mal den letzten Kampf an.“ Andererseits wollte die ARD uns haben, der Vertrag lag unterschriftsreif vor. Doch wir brauchten einen Weltmeister. Ohne TV-Sender wäre Sauerland tot gewesen. Svennie bewies dann sensationell, dass er als Profi noch besser ist, als er es als Amateur war. Er war aber auch mein fleißigster und dankbarster Sportler.

WAMS: Weil er Ihnen nach seiner letzten Titelverteidigung im 27. März 2004 in Magdeburg Ihr Traumauto, ein BMW-Cabrio, geschenkt hat?

Wegner: Nicht deswegen, obwohl das der Wahnsinn war. So perplex wie in diesem Moment war ich nur dieses eine Mal in meinem Leben. Svennie unterschied sich von den anderen vor allem auch durch seine unheimliche Herzensgüte. Als ich 2000 in Köln wegen eines Herzinfarkts im Krankenhaus lag, kam er aus Karlsruhe in einer Affengeschwindigkeit zu mir. Das tat kein anderer, und das berührt mich heute noch.

WAMS: Ottke betitelte Sie aber auch als „Diktator“.

Wegner: Das ist doch Quatsch. Seit ich Trainer bin, war ich nie anders. Meinen Sie, sonst wäre Svennie als ungeschlagener Weltmeister abgetreten, was hierzulande bis heute keinem Boxer gelungen ist? Wissen Sie, was meine größte Schwäche ist?

WAMS: Sagen Sie es.

Wegner: Dass ich zu gutmütig bin. Ich sage Ihnen eines, ohne knallhartes Durchsetzungsvermögen hätte ich niemals so erfolgreich sein können. Mit meiner Bedingungslosigkeit wollte ich immer die Träume meiner Jungs erfüllen. Wenn ein Boxer bei mir trainiert, fühle ich mich für ihn genauso verantwortlich wie für ein eigenes Kind. Das Verhältnis beim Boxen zwischen Trainer und Sportler ist ein ganz spezielles. Beim Boxen geht es ans Eingemachte, nicht selten über die Schmerzgrenze hinaus. Deshalb ist das Vertrauen in keiner anderen Sportart zwischen beiden Seiten auch so stark ausgeprägt wie beim Boxen.

WAMS: Welcher Boxer hat Sie dennoch am meisten enttäuscht?

Wegner: (überlegt lange) Das war Arthur.

WAMS: Sie meinen Arthur Abraham, der 2010 nach zehn Titelverteidigungen als IBF-Weltmeister im Mittelgewicht ins nächsthöhere Limit wechselte, um am lukrativen Super-Six-Turnier teilzunehmen, dort aber alle Kämpfe verlor.

Wegner: Diese drei Niederlagen in dem Turnier taten schon verdammt weh, aber die Niederlagen danach gegen den Mexikaner Gilberto Ramirez (2016 in Las Vegas, d.Red.) und gegen Chris Eubank Jr. (2017 in London, d.Red.) brachten mich so richtig zur Weißglut. Das waren die reinsten Blamagen. Arthur präsentierte sich in diesen Kämpfen als Feigling. Es tut mir leid, dass ich das sagen muss, aber es war so, zumal er vorher noch getönt hatte: „Bevor ich verliere, sterbe ich lieber.“ Daran ändert auch nichts, dass er Edison Miranda 2006 in Wetzlar mit einem doppelten Kieferbruch besiegt hat. Etwas Gutes hatte allerdings die Reise nach London auch.

WAMS: Und zwar?

Wegner: Vor dem Kampf bin ich mit einem Kumpel heimlich ins Wembley-Stadion geschlichen. Für mich als verrückten Fußballfan war es immer mein sehnlichster Traum, einmal dort auf dem Rasen zu stehen. Die Arena ist für mich die gigantischste Kultstätte des Sports. Ein Sicherheitsbeamter fing uns allerdings ab, bevor wir an unserem Ziel waren. Als wir ihm erzählten, woher wir kommen und was unser Wunsch ist, brachte er uns nach unten, und ich stellte mich auf den Elfmeterpunkt. In diesem Moment fühlte ich mich wie im siebten Himmel. (strahlt)

WAMS: Welcher Ihrer Boxer bescherte Ihnen die größte Überraschung?

Wegner: Markus Beyer, als er Richie Woodhall am 23. Oktober 1999 in Telford bezwang …

WAMS: … und Weltmeister des World Boxing Council im Supermittelgewicht wurde.

Wegner: Markus hatte den Briten dreimal am Boden. Das war ganz großer Sport von Markus, den ich seit seiner Juniorenzeit trainiert habe. Nach Max Schmeling und Ralf Rocchigiani war er erst der dritte deutsche Profiboxer, der einen anerkannten WM-Titel im Ausland gewinnen konnte. Markus war übrigens auch der Erste, der dreimal Weltmeister wurde. Leider bescherte mir Markus auch den traurigsten Tag meiner Karriere, als er am 3. Dezember 2018 mit nur 47 Jahren an einer Krebserkrankung starb. Das Leben kann so ungerecht sein … (Wegners Augen werden feucht)

WAMS: Ungerechtigkeit erlebten Sie auch bei einigen Kämpfen. Welches war denn der Fight, dessen Urteil Sie besonders extrem in Rage versetzte?

Wegner: Die Punktniederlage von Marco Huck am 25. Februar 2012 in Stuttgart gegen Alexander Powetkin.

WAMS: Der Russe war WBA-Weltmeister im Schwergewicht.

Wegner: Und für den Sauerland Boxstall die lukrativere Cashcow, weshalb nur er gewinnen durfte. Für Marco war es der erste Kampf im Schwergewicht. Er wollte dort der zweite deutsche Champion nach Max Schmeling werden. Doch der Sieg, den er verdient hätte, wurde ihm gestohlen. Das Urteil war ein Skandal, Marcus‘ Ambitionen in der Königsklasse wurden dadurch gnadenlos zunichtegemacht.

WAMS: Wie viel Wodka brauchten Sie danach, um diese Niederlagen zu verschmerzen?

Wegner: Was Sie alles wissen wollen … Ich habe an der Bar immer Bitter Lemon bestellt. Dass da dann auch Wodka drin war, bekam ich immer erst sehr spät mit. Als ich noch Whisky trank, habe ich an der Farbe gesehen, was im Glas war, aber danach war ich offensichtlich immer sehr blauäugig. Ich bin nun mal kein Kostverächter, habe immer meinen Mann gestanden. (lacht)

WAMS: Eben nicht nur in der Trainingshalle oder in der Ringecke.

Wegner: So ist es.

WAMS: Sie haben weit über hundert Boxer trainiert, haben tausende Kämpfe aus den verschiedensten Perspektiven gesehen. Wer ist Ihr bester Boxer der Geschichte?

Wegner: Muhammad Ali war und bleibt die außergewöhnlichste Persönlichkeit unseres Sports generell. Aber der, der mich als Boxer am meisten fasziniert, ist Oleksandr Usyk.

WAMS: Seit September 2009 ist der Ukrainer unbesiegt. Im Schwergewicht hat er die WM-Titel der vier bedeutenden Weltverbände als Erster vereinigt, was ihm zuvor schon eine Gewichtsklasse tiefer geglückt war.

Wegner: Was Usyk bis heute erreicht hat, grenzt an Unwirklichkeit. Er ist der Überflieger schlechthin. Wie taktisch klug er boxt, wie er die Schwächen des Gegners erkennt und sie für sich nutzt, wie unerschrocken und konditionell stark er die Kampfentscheidung sucht, ist einmalig. Kein Boxer war jemals so perfekt wie Usyk.

WAMS: Sollte Pulev gewinnen, wäre es möglich, dass er auf Usyk trifft. Würden Sie dann doch noch einmal in die Ringecke zurückkehren?

Wegner: Jetzt warten wir erst einmal den Kampf am 12. Dezember ab, dann sehen wir weiter.

WAMS: Wissen Sie schon, wie Sie Ihr Leben danach unabhängig vom Kampfausgang gestalten werden?

Wegner: Machen Sie sich keine Sorgen. Ich lese sehr viel, schon jetzt drei, vier Stunden täglich – vor allem Biografien sowie wissenschaftliche und historische Abhandlungen. Die Einladungen zu diversen Veranstaltungen deutschlandweit reißen auch nicht ab. Noch ist Ulli Wegner gefragt.

WAMS: Was Ihnen sicher guttut.

Wegner: Ja. Drücken Sie die Daumen, dass es noch lange so bleibt.

WAMS: Denken Sie über den Tod nach?

Wegner: Darüber möchte ich nicht reden. Ich wünschte mir nur, dass ich einschlafe und nicht wieder aufwache. Und dann möchte ich heimkehren nach Penkun, dort beerdigt werden, wo alles begann, wo ich anfing zu träumen – ich, der kleine Kuhjunge, der Lausbub, der schlechte Schüler und gute Fußballer. Es wäre schön, wenn ab und an jemand an meiner letzten Ruhestätte vorbeischaut und vielleicht einen Satz sagt, der mich stolz machen würde, wie: „Der Ulli, der war ein Guter, und er war einer von uns.“

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