Wenn einer nicht in Verdacht steht, Superlative leichtfertig zu benutzen, dann ist er es. Naldo, jener Fußballspieler aus Brasilien, der sich in der Bundesliga in Bremen, auf Schalke und in Wolfsburg einen guten Ruf erworben hat, präsentierte sich stets als sympathischer und zurückhaltender Profi mit gesundem Menschenverstand. „Das größte Spiel“, sagt eben jener nicht zu Übertreibungen neigende Zeitgenosse in der Vorschau auf das Finale der Copa Libertadores, „der absolute Knaller im südamerikanischen Fußball. Mehr geht nicht!“
Wie Naldo, der nun als Spielerberater in Dubai lebt und von dort aus den Fußball verfolgt, fiebern alle Fußballfreunde in der Neuen Welt diesem Endspiel entgegen. Alle Augen gerichtet auf Lima, die Hauptstadt Perus, wo am Samstag das Spektakel über die Bühne gehen wird: Palmeiras gegen Flamengo, São Paulo gegen Rio de Janeiro.
Sie mögen sich nicht, die Menschen aus den Metropolen, was auch und insbesondere für die Fußballfans gilt. Die Grün-Weißen aus der Finanzmetropole São Paulo oder die Rot-Schwarzen aus dem Kulturzentrum und der Touristenhochburg Rio de Janeiro. Es ist ein Wettstreit, der über das rein Sportliche hinausgeht. Es ist auch ein Wetteifern um Weltanschauung, um Gesinnung, um Geisteshaltung. Es ist der Showdown der besten Teams im Land des fünfmaligen Weltmeisters.
Der besondere Reiz ergibt sich dabei auch aus einer speziellen Konstellation. Es ist der Zweikampf zweier ganz besonderer Trainer: Hier Abel Fernando Moreira Ferreira, kurz „Abel“ gerufen, Platzhirsch und „Altmeister“ trotz seiner erst 46 Jahre. Dort Filipe Luis Kasmirski, als „Filipe“ bekannt, erst seit vergangenem Jahr als Coach unterwegs, Newcomer und Aufsteiger mit gerade mal 40 Jahren.
Die beiden eint dabei eins: Erfolg über alle Maßen. Im Oktober 2020 kam der Portugiese Abel zu Palmeiras und sammelte seither Titel am Fließband. Genau 13 sind es, inklusive zweier Siege bei der Copa Libertadores 2020 und 2021 und zweier brasilianischer Meisterschaften 2022 und 2023. „Der größte Trainer in der Geschichte des Vereins“, huldigt Palmeiras-Präsidentin Leila Mejdalani Perreira dem Dauerbrenner, der das Kunststück vollbrachte, bisher fünf Jahre im Amt überlebt zu haben. Eine unvorstellbare Bestmarke im brasilianischen Fußball, wo die Halbwertszeit der Trainer noch deutlich kürzer ausfällt als in Europa.
Ähnlich rekordverdächtig ist der Einstand und kometenhafte Einstieg seines Gegenspielers. Mehr Titelgewinne als Niederlagen standen bei Filipe anfangs zu Buche, als er in 27 Partien unbesiegt blieb. Der Nationalspieler, nach seiner aktiven Zeit vornehmlich bei Atlético Madrid und Chelsea 2019 nach Rio zurückgekehrt, weist eine erstaunliche Bilanz auf: Zum vierten Mal steht er im Endspiel der lateinamerikanischen Königsklasse, nun erstmals als Trainer. Als Spieler gewann er 2019 und 2023 zweimal die begehrte Trophäe, unterlag 2021 ausgerechnet gegen den aktuellen Konkurrenten, den vom Antipoden Abel geleiteten Erzrivalen Palmeiras.
„Ich will jetzt auch in einer anderen Funktion Titel gewinnen“, sagte der Mann mit dem auffälligen Haarzopf, als er den Umstieg vom Spieler zum Trainer wagte. Es glückte ihm. Filipe zeichnet jener unbändige Erfolgshunger aus, den auch Abel vorlebt und den er in einem vor drei Jahren erschienenen Buch beschrieb. Der Titel: „Cabeca fria, coracao quente“ – „Kalter Kopf, heißes Herz“.
Die Parallele zu Filipe ist augenfällig, der diesen Grundsatz ebenfalls predigt. Immer versuche er, so der Brasilianer, seine Mannschaft zum rationalen Denken zu bringen und „so die Emotionen aus einem Spiel herauszuhalten“.
Flamengo und Palmeiras verfolgen ähnliche Taktiken
Übereinstimmungen finden sich auch, was das Spielkonzept betrifft. Beide favorisieren die Offensive, setzen auf Ballzirkulation und hohes Pressing. Entsprechend sieht die taktische Grundordnung ähnlich aus: eine Viererkette in der Abwehr, meistens also ein Schema im traditionellen 4-2-3-1, bei Flamengo beinahe immer, bei Palmeiras schon mal abgewandelt zu einem 3-5-2.
„Ich möchte immer offensiv spielen, den Gegner stark unter Druck setzen und das Spiel dominieren“, sagte Filipe, aber dieser Satz hätte auch von Abel sein können. Zudem verblüffte Filipe mit einem Hinweis auf das Werk eines Brasilianers, dem es nachzueifern gelte. Er meint Tele Santana, den Erfolgstrainer aus dem vergangenen Jahrhundert: „Es gilt heute noch, was er vor 30 Jahren dachte.“
Bei aller Betonung des Angriffsfußballs setzen die beiden Protagonisten natürlich auch auf eine ganzheitliche Strategie, die eine optimale Ordnung in den hinteren Reihen beinhaltet. Also auf defensive Stabilität, perfektes Absichern des Strafraums und des eigenen Tores. Ein Spiel zu zerstören sei einfacher, als es aufzubauen, merkt Filipe an, ein Freund der Kreativität und in diesem Sinne ganz in der brasilianischen Tradition des „jogo bonito“, des schönen Spiels, beheimatet. Doch ihm geht es – wie auch Kontrollfreak Abel – um eine komplette Performance, in der der Defensive ein enorm hoher Stellenwert zukomme. Oft zitiert er das geflügelte Wort, wonach der Sturm Spiele gewinne, die Abwehr indes Meisterschaften.
Zwei Kommandanten als Meister ihres Fachs mit zwei Teams, die inzwischen eine Ausnahmestellung auf dem Kontingent einnehmen, wo der Fußball heißblütig gefeiert und heldenhaft verehrt wird. Palmeiras und Flamengo geben aktuell die Richtwerte in Südamerika an. Zwei finanziell gesunde Klubs, ausgestattet mit einem breiten Kader und vergleichbar mit europäischer Wirtschaftskraft.
„Zwei Teams mit viel Qualität“, betont Rafinha, der ehemalige Bundesligastar, nun als Kommentator für das brasilianische TV aktiv. „Zwei Teams, die europäisches Niveau verkörpern“, fügt er auch mit Blick auf die ihn bestätigenden Resultate bei der im Sommer ausgetragenen Klub-Weltmeisterschaft an. Die Dominanz des brasilianischen Fußballs ist offensichtlich: Nunmehr im siebten Jahr wird Brasilien den Gewinner der Copa Libertadores stellen und mit dann insgesamt 25 Siegen die einstige Großmacht Argentinien einholen.
Kopf-an-Kopf-Rennen auch in der Liga
Nun also der Klassiker in dem seit 1960 ausgetragenen Wettbewerb, in dem entschieden wird, welche der beiden brasilianischen Größen der Meister aller Klassen ist. Je drei Libertadores-Trophäen stehen in den Vitrinen von Palmeiras und Flamengo, wie auch in den Museen der einst erfolgreichen Mitstreiter Gremio Porto Alegre, FC São Paulo und Santos. Der Sieger von Lima wird der absolute Champion sein. Wird es Palmeiras oder Flamengo?
Es ist ein Duell, das sich in diesen Tagen auf anderer Ebene wiederholt. Im „Brasileirao“, der brasilianischen Liga, die im Rhythmus des Kalenderjahres ausgetragen wird und aktuell auf der Zielgeraden ist, beharkten sich die erbitterten Rivalen ebenfalls. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit ständigen Führungswechseln und knappen Resultaten, das am ersten Dezember-Wochenende entschieden sein wird.
Wer aus diesem doppelten Schlagabtausch als Punktsieger hervorgehen wird, ist schwer zu prognostizieren. Ein Fotofinish ist wahrscheinlich in der Meisterschaft. Und einen Tipp für das Pokalfinale in Peru wagt sich nur ein Befangener wie Torjäger Gabigol, Mitglied der siegreichen Formationen Flamengos in den Vorjahren. Der inzwischen für Cruzeiro aktive Ex-Nationalspieler tönt: „Flamengo siegt – ohne Zweifel.“
Die neutralen Beobachter halten sich derweil mit Prognosen zurück. Ein Experte wie Naldo, der keinerlei Präferenzen für einen der Kandidaten erkennen lässt, gibt diese Ansicht kund: „Zwei herausragende Teams, die ich als gleichwertig einschätze. Zwei Teams, denen ich beiden den Erfolg gönnen würde.“
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke