Im teaminternen Duell um die Formel-1-Weltmeisterschaft wird Lando Norris nicht auf Oscar Piastri als Helfer zählen können. Der 24 Jahre alte Australier betonte vor dem Grand Prix am Sonntag (17.00 Uhr, Sky) in Katar: „Wir hatten eine sehr kurze Diskussion und die Antwort ist nein.“ Er selbst habe immer noch eine ordentliche Chance, die WM zu gewinnen, wenn alles gut laufe.

Piastri liegt wie auch Titelverteidiger Max Verstappen im Red Bull vor dem möglicherweise entscheidenden Großen Preis von Katar am Wochenende 24 Punkte hinter Norris. „Ich weiß, dass es nicht unmöglich ist“, betonte Piastri, der in der ersten Saisonhälfte den WM-Kampf noch dominiert und bis Ende August sieben Rennen gewonnen hatte. Auf Saisonsieg Nummer acht wartet er aber weiterhin. Pikant ist die Situation bei McLaren deshalb, weil beim Duell der beiden Teamkollegen Verstappen der große Profiteur werden könnte. Der Niederländer ist im Gegensatz vor allem zu Piastri seit Wochen in blendender Form.

2007 hatten so der damalige Neueinsteiger Lewis Hamilton und der zweimalige Champion Fernando Alonso schon mal einen WM-Fahrertitel für McLaren verschenkt. Die aktuellen Teambosse wollen die internen Regeln aber beibehalten, wonach beide Piloten frei gegeneinander fahren dürfen. Formel-1-Legende Mika Häkkinen fuhr von 1993 bis 2001 für McLaren, wurde mit dem Team 1998 und 1999 Weltmeister. Der 57 Jahre alte Finne gibt einen Ausblick, wie aus seiner Sicht der Kampf um die Krone verlaufen könnte.

Frage: Herr Häkkinen, zwei Rennen vor Schluss führt Lando Norris in der Fahrerwertung. Wird er Weltmeister?

Mika Häkkinen: Er ist zumindest in der Pole-Position dafür. Lando fährt eine tolle Saison und bringt alles mit, was ein Weltmeister haben muss.

Frage: Was ist das?

Häkkinen: Vor allem natürlich der reine Speed. Lando ist blitzschnell, was insbesondere für das Qualifying wichtig ist. Aber ein Champion braucht auch die Coolness und Abgeklärtheit. Sowohl auf als auch neben der Strecke. Aber selbst wenn man all das hat, reicht es möglicherweise nicht. Es braucht auch immer eine Prise Glück. Bei Lando scheint aktuell alles vorhanden zu sein.

Frage: Also wird er Weltmeister?

Häkkinen: Er hat die besten Karten, aber in der Formel 1 kann immer alles passieren. Was ist, wenn sein Auto einen Defekt hat oder er in einen Unfall verwickelt ist? Oscar und Max sind beides Top-Piloten, die jeden Fehler und jede Chance ausnutzen werden. Will Lando Weltmeister werden, darf er bis zum Schluss keinen Gang runterschalten. Denn Champion ist man erst, wenn es kein anderer Fahrer rechnerisch mehr werden kann.

Frage: Vergangene Saison verlor Norris den WM-Kampf gegen Verstappen deutlich. Im Anschluss offenbarte er, wie sehr ihm der mentale Druck zugesetzt hat. Brauchte es diese Erfahrung, um dieses Jahr den WM-Titel gewinnen zu können?

Häkkinen: Nur er kann das beantworten. Aber es ist definitiv etwas mit Lando passiert. Er war vergangene Saison schon ein sehr guter Fahrer, aber dieses Jahr hat er ein neues Level erreicht. Es scheint, als hätte er noch mal ein paar mehr Prozent in sich gefunden. Er wirkt als Person reifer und entspannter.

Frage: Piastri führte die WM über 14 Grands Prix hinweg an, ist aber seit mittlerweile sechs Rennen ohne Podium. Durchlebt er aktuell die gleiche Lernphase, die Norris vergangene Saison hatte?

Häkkinen: Dass Oscar in seinem Alter (24, d. Red.) schon um den WM-Titel kämpft, zeigt, was für ein guter Fahrer er ist. Er hat ohne jeden Zweifel das Potenzial, um Weltmeister zu werden. Aber man darf nicht vergessen, dass er erst in seiner dritten Saison ist. Er muss noch lernen. Das tun wir alle ständig. Als Menschen und als Fahrer.

Frage: Seit Wochen halten sich Gerüchte, dass McLaren Norris im WM-Kampf bevorzugt. Was denken Sie?

Häkkinen: Daran glaube ich nicht. So etwas kann sich ein Formel-1-Team nicht erlauben. Dafür steht zu viel auf dem Spiel. Ich bin viel mehr davon überzeugt, dass Lando der Rückstand auf Oscar und der Fakt, dass ein anderer Fahrer der erste McLaren-Weltmeister dieser Ära werden könnte, besonders motiviert haben. Lando ist seit 2019 im Team, Oscar erst seit 2023. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. So war es auch bei mir.

Frage: Erklären Sie das bitte.

Häkkinen: Als ich 1993 bei McLaren anfing, waren wir nicht titelfähig. 1996 wurde David Coulthard mein Teamkollege und setzte sich quasi ins gemachte Nest. Ich hätte es nicht ertragen, hätte mich der Neuling geschlagen. Das hat mich bis in die Haarspitzen motiviert. Heutzutage wird viel darüber gesprochen, dass ein Fahrer besser als der andere mit dem Auto klarkommt. Das mag auch sein, aber der Ehrgeiz, das Ego spielen die größere Rolle. Allerdings hatte ich noch einen Vorteil.

Frage: Welchen?

Häkkinen: Ich kannte das Team besser. Wenn du über fünf, sechs Jahre mit den Ingenieuren und Mechanikern zusammenarbeitest, verstehst du dich blind. Gewisse Dinge müssen gar nicht mehr besprochen werden, weil es einfach Routine ist. Gepaart mit der Motivation, die WM zu gewinnen – nicht nur für mich, sondern auch für meine Formel-1-Familie – war es mein Ass im Ärmel.

Frage: Stichwort gewinnen. McLaren ist derzeit das beste Team der Formel 1. Nächstes Jahr werden die Karten durch ein neues Reglement neu gemischt. Was trauen Sie Ihrem Ex-Team zu?

Häkkinen: Keiner kann sagen, wie die Kräfteverhältnisse sein werden, aber McLaren hat optimale Voraussetzungen: eine gute Führungsebene, zwei Top-Fahrer und Ingenieure, die schon jetzt das beste Auto gebaut haben. Ich glaube, dass sie eine gute Rolle in den kommenden Jahren spielen können.

Frage: Haben Sie diese Entwicklung erwartet? Anfang 2023 war McLaren noch Letzter in der Konstrukteurswertung.

Häkkinen: Erwartet ist das falsche Wort, aber es war die logische Entwicklung. Wenn alle Positionen mit den richtigen Leuten besetzt sind, muss es irgendwann automatisch zum Erfolg führen.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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