Bei der Darts-WM (11. Dezember bis 3. Januar) werden Ricardo Pietreczko und Luke Littler lange nichts miteinander zu tun haben. Die beiden können erst im Halbfinale aufeinandertreffen, das steht seit der Auslosung am Montag fest. „Ich bin am weitesten entfernt von Luke Littler und Luke Humphries. Das ist natürlich ein Vorteil. Es gibt andere Spieler, gegen die man verlieren kann, aber ich fahre hin, um ein Turnier zu gewinnen. Das sage ich jedes Jahr – und daran hat sich nichts geändert“, sagte Pietreczko in einer Medienrunde am Donnerstag.

Nicht nur sportlich geht „Pikachu“, so der Spitzname des Deutschen, den absoluten Top-Spielern also maximal lange aus dem Weg. Auch eine neuerliche Konfrontation mit Littler wird so möglichst lange hinausgezögert. Die deutsche Nummer zwei und die Nummer eins der Welt verbindet mittlerweile eine längere Vorgeschichte.

Im vergangenen Jahr hatte Pietreczko nach einem verlorenen Spiel auf der European Tour zunächst auf der Bühne wild auf Littler eingeredet und im Anschluss in den sozialen Medien kommentiert, dass er hoffe, „die Arroganz bestraft ihn“. Hintergrund: Pietreczko hatte sich über ungewöhnliche Checkout-Wege seines Gegners aufgeregt. Wenig später entschuldigte sich der Deutsche öffentlich, schrieb, er habe „überreagiert“.

Littler irritiert von Pietreczko

Zuletzt waren die beiden dann bei der WM-Generalprobe, den Players Championship Finals, aufeinandergetroffen. Und wieder redete danach der eine über das Verhalten des anderen. Diesmal allerdings zeigte sich Littler von Pietreczko irritiert. „Als ich zum 5:5 ausgeglichen habe, kam er zu mir und sagte: ‚Ich wollte eigentlich nur ein Leg gewinnen und jetzt habe ich sogar fünf gewonnen‘“, schilderte der Engländer. „Ich habe nur zu mir selbst gesagt: Warum sagt er sowas in diesem Moment?“, so Littler weiter über die vermeintlichen Psychospielchen Pietreczkos. „Danach habe ich zu mir selbst gesagt: Das wirst du jetzt zu spüren bekommen.“

Auf WELT-Nachfrage ordnete Pietreczko die Geschehnisse nun aus seiner Sicht ein. „Das, was Luke Littler zuletzt zu den Medien gebracht hat, wurde von den Medien größer gemacht, als es überhaupt war. Wir waren locker miteinander, haben Spaß gehabt hinter der Bühne. Man hat auch gesehen, dass er auf der Bühne ziemlich viel Spaß hatte“, sagte Pietreczko. „Und dann habe ich in der zweiten Pause so etwas gesagt wie ‚Ich bin froh, dass ich bis zur zweiten Pause überlebt habe. Ich habe nur gehofft, dass ich ein Leg gewinne. Jetzt stehe ich mit fünf da.‘ Das war eher spaßig gemeint, so wie ich bin. Littler hat das irgendwie anders aufgefasst.“

Von seiner vormalig vorgetragenen Einschätzung zum Auftreten Littlers rückte Pietreczko aber nur teilweise ab. „Ich bleibe dabei: Es ist ein bisschen arrogant, wie er rüberkommt. Aber so wie er spielt, kann er sich das auch manchmal erlauben“, sagte er und nannte explizit eine Situation, die zum 5:8 aus seiner Sicht führte. Dabei hatte Littler 121 Punkte über eine alternative wie ungewöhnliche Route (Bullseye, Triple 7, Bullseye) gelöscht. „Natürlich hätte man diese 121 Punkte auch anders spielen können. Aber ich habe es in dem Moment gefeiert. Da hat er mir auch mal gezeigt, dass er der Chef ist. Ich habe es locker genommen und fand den Weg gar nicht so schlecht“, sagte Pietreczko.

Der zweitbeste Deutsche war hinten raus chancenlos gegen Littler, verlor am Ende mit 6:10. Hätte „Pikachu“ das Spiel gewonnen, wäre er übrigens auf Position 32 der Weltrangliste geklettert und damit als gesetzter Spieler in die WM gestartet. Dann allerdings hätte sehr wahrscheinlich schon in der dritten Runde ein Wiedersehen mit dem zurzeit nahezu unschlagbaren Weltranglistenersten auf dem Programm gestanden.

„Pikachu“ ist Favorit gegen José de Sousa

Stattdessen wurde er als 33. der Weltrangliste frei in den Turnierbaum gelost, es war in dieser Hinsicht eine clevere Niederlage des Deutschen. Pietreczko trifft in der ersten Runde nun auf José de Sousa, der sich erst über das letzte Qualifikationsturnier einen Startplatz im Ally Pally sicherte. Der Portugiese ist zwar ein ehemaliger Major-Champion (Sieger des Grand Slam of Darts 2020), präsentierte sich zuletzt aber völlig außer Form. Auf dem Papier ist Pietreczko daher Favorit.

„Von der Auslosung her hätte es schlimmer kommen können, es hätte aber auch besser kommen können. Es ist ein Mittelding, würde sich sagen“, sagte der 31-Jährige. In der zweiten Runde würde der Sieger des Spiels zwischen Dave Chisnall und Fallon Sherrock warten, beides ebenfalls keine unlösbaren Aufgaben.

Geht es nach Pietreczko, soll dann aber ohnehin noch nicht Schluss sein. „Zufrieden ist immer so ein schwieriges Wort. Ich sage ja nicht, wenn ich im Achtelfinale stehe, dass ich damit zufrieden bin und jetzt ausscheide. Zufrieden bin ich erst, wenn ich wirklich raus beziehungsweise Weltmeister bin und sagen kann, dass es ein gutes Turnier war“, sagte Pietreczko zu seinen Zielen für die WM.

Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Mit seinem Verein VfD Rakete Berlin kassierte er am Mittwochabend eine bittere 5:9-Niederlage in der Berliner Oberliga.

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