Sie lächelt und läuft und genießt jeden Meter in den letzten Minuten dieses legendären Rennens. Ganz so, als hätte sie nicht 174 Kilometer in den Beinen, als sei sie nicht bei Platzregen durch die kalte Nacht gelaufen. Die Strapazen scheinen vergessen in jenen Minuten, in denen sich Katharina Hartmuth dem Ziel des Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) nähert. Vorbei an klatschenden und jubelnden Zuschauern, durch das immer voller werdende Spalier an Menschen. Die 30 Jahre alte Deutsche feuert die Zuschauer an, nimmt die letzte Kurve – und läuft nach 24:16:39 Stunden als dritte Frau in Chamonix ins Ziel.
Nach 2023, als Hartmuth mit Platz zwei ein Überraschungscoup beim UTMB gelang, schafft sie es damit erneut aufs Podest dieses prestigeträchtigen Rennens, das per Livestream in die Welt getragen wird – Ultra-Trail du Mont-Blanc ist im Trailrun in etwa das, was den Triathleten der Ironman Hawaii bedeutet. „Diese Magie wird es nirgendwo anders geben“, sagte der deutsche Profi Hannes Namberger, der dieses Mal nicht am Start stand, einmal WELT. „Für Triathleten ist es ein Ritterschlag, auf Hawaii starten zu dürfen – für viele Trailrunner ist es Chamonix.“
Den Sieg sicherte sich in diesem Jahr nach 174 Kilometern und 9990 Höhenmetern die Neuseeländerin Ruth Croft (22:56:23) vor der Französin Camille Bruyas (23:28:48). Hartmuth, das hat sie an diesem Tag bewiesen, zählt mittlerweile zu den festen Größen auf den extrem langen Strecken. „Es war verdammt hart heute“, erzählte sie der Moderatorin im Ziel. „Die Nacht war verrückt, ich habe nie zuvor in einem Rennen solch ein Wetter erlebt. Es hat derart geregnet, als stündest du stundenlang unter der Dusche. Und dann der Schnee. Ich habe einfach versucht, nicht auszukühlen.“
Courtney Dauwalter (USA), die Königin des Trailrunning, erwischte einen schweren Tag und kämpfte sich unter riesigem Beifall als Zehnte über die Ziellinie. Bei den Männern siegte der Brite Tom Evans (19:18:58) vor Ben Dhiman (USA, 19:51:37) und Josh Wade (GB, 20:05:06).
Das 174 Kilometer lange Rennen mit Start und Ziel in Chamonix ist längst Kult und beendet eine einwöchige Serie an Trail-Wettkämpfen dort. Losgeschickt werden die Athleten stets mit dem Lied „Conquest of Paradise“ von Vangelis, in den folgenden Stunden laufen sie durch die Täler und über die Pässe des Mont-Blanc-Gebirges, durch Italien, die Schweiz und Frankreich.
„Die ersten 30 Kilometer waren Horror“
Hinter Topfavoritin Dauwalter, die den UTMB bereits dreimal gewonnen hat, zählte auch Hartmuth zum Kreis der Mitfavoritinnen auf das Podest. Die 30-Jährige hat allerdings ein gesundheitlich hartes Jahr – unter anderem mit einer Knie-OP Ende 2024 – hinter sich. Zwar wurde sie vor sechs Wochen wie schon vor einem Jahr dritte beim Hardrock 100 (100 Meilen) über die hochalpinen San Juan Mountains in Colorado, kämpfte dort aber mit Sehproblemen – voraussichtlich ausgelöst durch die Höhe. Der Kampf ins Ziel kostete körperlich und mental viel Energie.
Nun also stand sie zum zweiten Mal am Start des UTMB. Erst 2014 war sie zu Beginn des Studiums, für das sie in die Schweiz gezogen war, vom Sportklettern aufs Laufen umgestiegen. Mittlerweile hat Hartmuth ihre Doktorarbeit zum Klimawandel in der Arktis abgeschlossen und arbeitet an der Technischen Hochschule Zürich (ETH) als Wissenschaftlerin. Und sammelt Erfolge in Ultratrailläufen.
2022 und 2023 siegte sie beim Eiger Ultra Trail über die 101 Kilometer, 2023 gewann sie bei den Berg- und Traillauf-Weltmeisterschaften Silber in der Einzel- und in der Teamwertung (zusammen mit Rosanna Buchauer und Ida-Sophie Hegemann). Spektakulär ihre Leistung beim Tor des Géants im September 2024: Als erste Frau absolvierte Hartmuth die 330 Kilometer lange Strecke mit 24.000 Höhenmetern in weniger als 80 Stunden (79 Stunden, 10 Minuten und 40 Sekunden).
Den UTMB nun begann die 30-Jährige am Freitagabend verhalten. Erst später und ganz langsam arbeitete sie sich Schritt für Schritt nach vorn – unter die Top 30, dann Top 20, 15, zehn … „Die ersten 30 Kilometer waren Horror“, hört man sie in einem Live-Video bei einer Verpflegungsstation sagen. „Mir war schlecht. Ich glaube, der Regen hat mir später sogar geholfen.“
Dauwalter überholen? Seltsamer Moment für Hartmuth
Eine Strategie war der verhaltene Start nicht – es ist Hartmuths Art, Rennen zu gestalten. „Ich kann es nicht anders, ich muss langsam starten“, sagt sie im Ziel. Dazu noch die Magenprobleme anfangs.
Knapp 22 Stunden des Rennens waren vorbei, als Hartmuth auf Platz vier vorgelaufen war und sich Dauwalter näherte. „Plötzlich“, erinnert sie sich, „sprachen die Leute an der Strecke über Courtney. Ich dachte nur: ‚Was passiert hier? Das ist beängstigend.‘ Als ich dann an sie heranlief, war ich nicht sicher, ob ich sie überholen soll. Das fühlte sich falsch an.“ Die 40 Jahre alte Dauwalter gilt als GOAT – greatest of all time.
Hartmuth lief vorbei und dem Podest entgegen – Dauwalter hingegen wurde von weiteren Athletinnen überholt, hatte ganz offensichtlich einen schwarzen Tag erwischt. Aber sie kämpfte sich durch, klatschte Zuschauer ab, lächelte trotz allem. Als sie als Zehnte ins Ziel lief, wurde sie mit Sprechchören frenetisch gefeiert.
„Du bist dennoch unsere Königin“, sagt die Moderatorin – und Dauwalter erzählt: „Es waren eine harte Nacht und ein harter Tag da draußen, aber die Unterstützung von außen hat mich unglaublich motiviert. Ich bin sehr dankbar dafür.“ Mit Blick auf ihr Team ergänzte sie: „Gemeinsam schwierige Aufgaben zu bewältigen, schafft die schönsten Erinnerungen.“
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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