Als Mark Schenkl in seinem Postfach die Mail mit dem Ergebnis seines IQ-Tests sieht, öffnet er das Dokument mit einem mulmigen Gefühl. Vor allem die Memorierungsaufgaben waren ihm nicht so leicht gefallen. Dabei hatte der zweifache Familienvater, der in der IT-Sicherheit eines großen deutschen Automobilherstellers arbeitet, sich tagelang akribisch vorbereitet. Auch mithilfe eines Buchs mit mehr als 500 Übungsaufgaben.
Der Münchner ist Vater eines hochbegabten 13-Jährigen, der schon im Kindergarten verhaltensauffällig war. Weit früher als seine Altersgenossen konnte er Bargeld zählen oder den Speiseplan lesen, erzählt der Informatiker. Eine aufmerksame Erzieherin sprach die Eltern darauf an. Sie wies auf die Gefahr hin, dass der Junge später in der Schule unterfordert sein könnte.
Ein IQ-Test wird erst vor der Einschulung empfohlen. So warteten die Eltern noch einige Jahre, dann ließen sie ihren Sohn die Probe aufs Exempel machen. Das Ergebnis: ein Intelligenzquotient (IQ) von knapp über 130 – die Schwelle, ab der Hochbegabung angenommen wird.
Ein paar Jahre später hat nun auch Mark Schenkl diesen Test gemacht: „aus Neugier“. Als einer von jährlich mehreren Tausend Menschen in Deutschland. 2025 hat allein der Verein Mensa nach eigenen Angaben über 5000 Menschen getestet. Im Vergleich mit mehr als 50 Ländern weltweit, in denen die international tätige Hochbegabtenvereinigung IQ-Tests durchführt, liegt Deutschland mit Abstand ganz vorn.
Der Hochbegabten-Status scheint gefragt zu sein. Dabei bedeutet dieser keineswegs ein sorgenfreies Leben. Hochbegabung beschreibt zunächst ein Potenzial für außergewöhnliche Leistungen – nicht tatsächliche Erfolge. Im Gegenteil: Hohe Intelligenz kann auch zur Last werden. Viele Betroffene erleben Ausgrenzung oder werden als eigenartig und „nerdig“ abgestempelt.
Vor allem junge Schlaumeier langweilen sich oft in der Schule. Diesem Problem widmet sich die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind. Sie tritt dafür ein, besondere Begabungen früh zu erkennen – und Betroffene individuell besser zu fördern.
Kinder fördern und fordern
Im Fall von Schenkls Sohn, den der Vater als „vielseitig begabten Allrounder“ beschreibt, hat das offenbar funktioniert. Seitdem der Junge eine Klasse übersprungen hat, ist er sozial gut integriert. Die schulischen Leistungen sind gut bis sehr gut. Um den hochbegabten Teenager zu fördern und zu fordern, haben die Eltern mit ihm zusammen ein dichtes Wochenprogramm zusammengestellt: dienstags Judo, mittwochs Triathlon, freitags Schwimmverein, dazwischen Klavierunterricht.
Am Wochenende geht es bei gutem Wetter auf gemeinsame Radtouren oder zum Klettern. Ob das nicht zu viel des Guten ist? „Ich persönlich glaube, dass man Kinder nur sehr schwer überfordern kann“, argumentiert Schenkl. Wichtig sei, dass die Kinder selbst ihre Grenzen kennenlernen.
Schenkl macht kein Geheimnis aus seinem eigenen Ehrgeiz – auch als Vater: „Mir ist es schon wichtig, dass die Kinder schulisch, sportlich und musikalisch gute Leistungen erzielen und etwas aus ihrem Potenzial machen.“ Bringt der hochbegabte Sohn „nur“ eine Zwei in Mathematik nach Hause, stößt das beim Vater auf wenig Begeisterung.
Eine mögliche Kehrseite ist, dass die nicht hochbegabten Kinder in Familien häufig im Schatten ihrer Überflieger-Geschwister stehen. Schenkls elfjähriger Sohn lag beim Test nur vier Punkte unter seinem älteren Bruder – blieb damit aber unter der entscheidenden Schwelle von 130 und bekam das Prädikat nicht.
Beim Thema Hochbegabung entscheiden oft Nuancen. Der ältere Sohn, dem „an der ein oder anderen Stelle“ die Empathiefähigkeit abhanden gehe, lasse es den jüngeren „gerne mal wissen“, wer der Klügere im Haus sei, berichtet der Vater. Und wie lautete letztlich das Ergebnis seines eigenen Tests? Ein IQ von 138.
Damit gilt auch Mark Schenkl offiziell als hochbegabt und ist darauf durchaus „ein wenig stolz“. Vom Verein Mensa bekam er gleich eine Mitgliedschaft angeboten. Rückblickend bereut der Mann, den Test nicht schon früher gemacht zu haben. Manches in seinem Leben ordnet er jetzt anders ein. So hat ihn einmal im Job eine Führungskraft darauf hingewiesen, dass er seine Gesprächspartner mit seinem schnellen Denken überfordere.
„Ich bin oft angeeckt im Berufsleben und wusste vorher nie so richtig, warum“, sagt der Informatiker. Sein ebenfalls hochbegabter Sohn will nun erneut einen Test absolvieren, um zu beweisen, dass er besser abschneiden kann als der Vater. „Wir hatten schon immer einen Ehrgeiz untereinander“, sagt der.
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