Fettleibigkeit ist nach der Einstufung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine chronische Krankheit, die eine lebenslange Betreuung erfordert. Adipositas, so der medizinische Fachbegriff, ist der stärkste Treiber für Typ-2-Diabetes und lässt auch bei diversen anderen Erkrankungen die Zahlen nach oben schnellen.
Wie eine aktuelle Studie im Fachmagazin „The Lancet“ zeigt, haben stark übergewichtige Menschen zudem ein um 70 Prozent höheres Risiko, aufgrund einer Infektionskrankheit ins Krankenhaus eingeliefert zu werden oder daran zu sterben.
Es ist verständlich, dass viele Patienten und Ärzte große Hoffnungen in die sogenannten Abnehmspritzen setzen. Sofern sie allein zur Gewichtsabnahme genutzt werden, stuft sie der Gesetzgeber als „Lifestyle-Arznei“ ein, und die gesetzlichen Krankenkassen kommen nicht für die Kosten auf.
Adipositas-Experte, Endokrinologe und Diabetologe Matthias Blüher vom Universitätsklinikum Leipzig bedauert diese Einstufung, weil gezeigt wurde, dass sie den „Ausbruch eines Typ-2-Diabetes erheblich verzögern können“. Und nicht nur das. Abnehmspritzen können dazu beitragen, im Sinne von Longevity die gesunden Lebensjahre zu verlängern. Aber werden sie dem Hype als „Allheilmedikamente“ tatsächlich gerecht?
Ansatzpunkt der Abnehmspritzen ist das natürliche Darmhormon Glucagon-like Peptide-1, kurz GLP-1. Es wird im Dünndarm gebildet und wenige Minuten nach dem Essen freigesetzt. GLP-1 ist ein wichtiges Steuerhormon im Stoffwechsel: Es reguliert den Blutzucker, dämpft das Hungergefühl, verlangsamt die Magenentleerung und verstärkt das Sättigungsgefühl. GLP-1 stimuliert die Insulinfreisetzung nach dem Essen und hemmt die Freisetzung von Glukagon, einem blutzuckersteigernden Hormon.
Entscheidend ist, dass es Rezeptoren für dieses natürliche Darmhormon nicht nur im Magen-Darm-Trakt gibt, sondern an zahlreichen Stellen im Körper. Dockt GLP-1 an diese Rezeptoren an, dann setzt es Prozesse in zahlreichen Organen, den Blutgefäßen und sogar im Gehirn in Gang, wo es über das Belohnungssystem das Verlangen nach Alkohol, Zigaretten und Essen etwas dämpfen kann. Allerdings wirkt natürliches GLP-1 nur sehr kurzzeitig und wird bereits nach wenigen Minuten wieder abgebaut.
Forscher hatten deshalb schon vor Jahren die Idee, Wirkstoffe zu entwickeln, die das natürliche Darmhormon GLP-1 nachahmen und dessen Wirkung verstärken und verlängern. Semaglutid, der Wirkstoff in Ozempic und Wegovy, ahmt das natürliche Darmhormon GLP-1 nach, ebenso wie Tirzepatid, der Wirkstoff in Mounjaro. Beide programmieren quasi den Stoffwechsel neu, wobei Tirzepatid sogar gleich zwei natürliche Darmhormone imitiert, das GLP-1 und das GIP. Der Kombi-Wirkstoff aktiviert so zwei verschiedene Rezeptoren im Organismus und wirkt dabei auf Appetit und Sättigung sowie den Blutzucker.
Ozempic ist offiziell keine Abnehmspritze, sondern ein Typ-2-Diabetesmedikament, das zugleich Herz-Kreislauf-Risiken senkt und noch einige Pfunde purzeln lässt. Wegovy enthält Semaglutid in bis zu doppelt so hoher Dosierung wie Ozempic und ist als Abnehmspritze zugelassen. Mounjaro ist zur Gewichtsreduktion zugelassen, aber auch zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und erzielte in Studien größere Effekte als Wegovy.
Einmal wöchentlich mit einem Fertigpen ins Unterhautfettgewebe gespritzt, ermöglicht Mounjaro (in Dosierungen von fünf, zehn oder 15 Milligramm) einen Gewichtsverlust von über 20 Prozent des Körpergewichts binnen 17 Monaten. Bis zu 40 Prozent der Menschen, die es einnehmen, erreichen sogar eine Gewichtsreduktion von mehr als 25 Prozent. Wegovy kann etwa 14 bis 15 Prozent des Ausgangsgewichts innerhalb von 16 Monaten reduzieren, bei einer Dosierung von 2,4 Milligramm. Bei etwa einem Drittel fällt der Gewichtsverlust höher aus. Aber es gibt auch Menschen, die mit Wegovy oder Mounjaro unter zehn Prozent Gewichtsverlust bleiben.
Ozempic, Wegovy und Mounjaro führen aber nicht nur zu einer Gewichtsabnahme, sondern verbessern auch bestimmte herz- und stoffwechselbezogene Werte wie die Nüchternglukose, den Langzeitzuckerwert HbA1c, den Blutdruck sowie Cholesterin- und Triglyzeridwerte. Klinische Studien belegen die positiven Effekte. Semaglutid könnte sich zudem günstig auf die Fruchtbarkeit von Frauen und Männern auswirken, indem es bei der Frau den Eisprung normalisiert und beim Mann den Stoffwechsel und die Beweglichkeit der Spermien verbessert.
Die Herzgesundheit profitiert ebenfalls. Laut den Ergebnissen der Phase-3-SELECT-Studie (Semaglutid gegen Placebo) verringert sich bei einer 33-monatigen Anwendung von Wegovy (Semaglutid) das Risiko für einen Herzinfarkt und Schlaganfall um 20 Prozent im Vergleich zu Placebo.
Auch bei Menschen, die nicht viel Gewicht verlieren. Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der Harvard University legt nahe, dass die Kombination eines GLP-1-Rezeptoragonisten und eines gesunden Lebensstils im Hinblick auf das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall und die Gesamtsterblichkeit eine noch größere Risikoverminderung bedeutet als beides allein.
Bei einer stoffwechselbedingten Fettlebererkrankung, der MASLD (Metabolic Dysfunction-Associated Steatotic Liver Disease), verringert Tirzepatid die Fetteinlagerungen in den Leberzellen deutlich. Der Wirkstoff geht am besten gegen die Entzündungen und den narbigen Umbau des Lebergewebes vor. Ozempic und Wegovy schneiden beim Fettabbau schlechter ab, können Entzündungen aber auch entgegenwirken.
Die Lebergesundheit verbessert sich Studien zufolge deutlich. Bei chronischen Nierenerkrankungen (häufiger bei Typ-2-Diabetes und Adipositas) „gilt es als sicher, dass Semaglutid das Fortschreiten der Nierenerkrankung verlangsamen kann“, so Hans Hauner, Seniorprofessor für Ernährungsmedizin an der TU München. Vermutlich gilt das auch für Tirzepatid über den verbesserten Stoffwechsel und verringerten Blutdruck.
Was das Gehirn und neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz anbelangt, werden positive Effekte für möglich gehalten. Es ist aber noch unklar, ob es sie wirklich gibt und wie groß sie sind. „Alzheimer wird durch Stoffwechselstörungen begünstigt, die auch bei Adipositas, Typ-2-Diabetes und Insulinresistenz vorliegen“, erläutert Hauner. Die These war deshalb, dass mit den Pfunden auch das Alzheimerrisiko schwindet. Eine kürzlich durchgeführte Studie zur Abnehmspritze bei Alzheimer war jedoch enttäuschend.
Andreas Birkenfeld, Ärztlicher Direktor der Klinik für Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie am Universitätsklinikum Tübingen, gibt die Hoffnung noch nicht auf und vermutet, dass die Therapie mit der Abnehmspritze einfach zu spät erfolgte. „Die neurodegenerativen Prozesse waren zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon zu fortgeschritten. Wir wissen inzwischen, dass bei adipösen Menschen oft eine Insulinresistenz vorliegt und wahrscheinlich bereits in diesem frühen Stadium eine neurodegenerative Erkrankung beginnt“, sagt Birkenfeld.
Und das Belohnungssystem? Auch im Gehirn gibt es viele GLP-1-Rezeptoren. Die Abnehmspritze kann das Lustessen verhindern und möglicherweise auch das Verlangen nach Alkohol und Zigaretten reduzieren. Bislang stützt sich diese Annahme vor allem auf Erfahrungsberichte. Möglicherweise werden nur noch kleine Mengen des Glückshormons Dopamin freigesetzt, so dass das Verlangen sinkt.
Im Zusammenhang mit Semaglutid oder Tirzepatid taucht auch der Begriff Microdosing auf. Gemeint ist eine geringe Dosierung mit antientzündlichem Effekt sowie einem möglichen Feintuning für Gewicht, Herz und Gehirn, um Wohlbefinden und Gesundheit vor allem auch im Alter zu fördern.
Einer der weltweit wichtigsten Alternsforscher ist Nir Barzilai vom Albert Einstein College of Medicine in New York. Barzilai sieht die GLP-1-Rezeptor-Agonisten zwar nicht als Anti-Aging-Wundermittel, aber als Mittel zur Verbesserung eines zuvor gestörten Stoffwechsels. Für ihn sind die Abnehmspritzen daher ein mögliches Werkzeug, um gesunde Lebensjahre zu verlängern. Matthias Blüher teilt diese Einschätzung: „GLP-1-Agonisten beeinflussen ganze Netzwerke aus Organen. Deshalb ist es mit diesen Wirkstoffen möglich, die gesunde Lebenszeit zu verlängern, indem die Stoffwechsel- und Gefäßgesundheit verbessert wird und etwaige schwelende Entzündungen verschwinden.“
Tatsächlich könnte jeder Mensch auch über die Ernährung seinen Stoffwechsel verbessern. Es ist möglich, die Ausschüttung von natürlichem GLP-1 zu fördern. Probiotika und Lebensmittel wie Naturjoghurt, Kefir, nicht erhitztes Sauerkraut und Kimchi fördern ein gesundes Darmmikrobiom und können die GLP-1-Produktion noch etwas steigern. Allerdings muss die Ernährung auch ballaststoffreich sein. Darmbakterien spalten diese Ballaststoffe in kurzkettige Fettsäuren auf, die dann ihrerseits die Ausschüttung des Hormons GLP-1 anregen.
Bei schlechter Ernährung und Bewegungsmangel reicht dagegen der natürliche GLP-1-Effekt nicht, um Übergewicht und Typ-2-Diabetes zu verhindern. Mögliche Nebenwirkungen der Abnehmspritzen sind Übelkeit, Völlegefühl, Durchfall, Verstopfung, selten eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse. „Eben alles, was mit Verdauung zu tun hat, kann betroffen sein“, so Diabetologe Blüher. Manche Menschen haben keinen Hunger, essen fast nichts mehr, was möglicherweise zu einem Mangel an Vitaminen und wichtigen Mineralstoffen wie Calcium führen kann.
Es kostet auch Muskelmasse
Außerdem gibt es einen Rebound-Effekt: Sobald das Präparat nicht mehr injiziert wird, nehmen die Betroffenen wieder zu. Eine systematische Review und Metaanalyse von Forschern der Universität Oxford hat Daten von 37 Studien mit insgesamt 9300 Teilnehmern analysiert. Modellierungen und Projektionen ergaben, dass nach Absetzen der Abnehmspritzen die geschätzte Gewichtszunahme pro Monat etwa 0,8 Kilogramm beträgt.
Ein gesunder Lebensstil kann diesen Effekt zwar nicht verhindern, ihn aber abmildern. Aber eine aktuelle US-Studie zeigt bei US-Veteranen mit Typ-2-Diabetes, dass bei Einnahmestopp für mehr als sechs Monate oder dauerhaft es zur Stoffwechselumkehr kommt und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wieder ansteigt.
Bittere Realität ist auch, dass die Abnehmspritze Muskelmasse kosten kann, wenn dem nicht konsequent durch Sport und Bewegung entgegengewirkt wird. Auch die Ende 2025 beschlossene Leitlinie der WHO zu GLP-1-Medikamenten empfiehlt bei Adipositas die Kombination aus Abnehmspritze und Lebensstilveränderungen wie gesunde Ernährung und Bewegung. Fairerweise muss man aber sagen, dass stark übergewichtige Menschen sich zunächst mit Bewegung schwer tun und Durchhaltevermögen brauchen. Nach einer Gewichtsabnahme kann Sport dann aber richtig Spaß machen.
Die Zahl der adipösen oder an Typ-2-Diabetes leidenden Menschen liegt bereits jetzt bei über einer Milliarde weltweit. „Die aktuelle Produktion der Wirkstoffe für die Abnehmspritzen reicht weltweit für etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Menschen, die sie brauchen. Das ist ein Riesenproblem“, sagt der Tübinger Diabetologe Birkenfeld. Die Pharmariesen Novo Nordisk und Eli Lilly werden ihre Produktionskapazitäten wohl erhöhen, sind aber auf funktionierende Lieferketten angewiesen. Ein weiteres Problem sind die monatlichen Kosten von 250 bis 500 Euro – je nach Dosierung und Präparat.
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