Es ist schon das dritte Mal. Vor allem in den Nachtstunden will die Bundeswehr in der kommenden Woche eine Großübung in Hamburg abhalten, von Donnerstag bis Sonnabend. Sie trägt in diesem Jahr den Namen „Red Storm Charlie“, nach „Red Storm Alpha“ und „Red Storm Bravo“ 2024 und 2025. „Wie auch im vergangenen Jahr bei ,Red Storm Bravo‘ trainieren wir bei ,Red Storm Charlie‘ die Verlegung von Truppen und Material an die Ostflanke des Bündnisgebietes“, sagt Kapitän zur See Kurt Leonards, Kommandeur des Landeskommandos Hamburg.

Die Übung, schreibt das Landeskommando, „basiert auf einem Szenario, in dem Entwicklungen im östlichen Bündnisgebiet eine vorsorgliche Verlegung militärischer Kräfte erforderlich machen, um zur Abschreckung beizutragen“. Enger und umfangreicher als in den vergangenen beiden Jahren sollen – neben der Stadtverwaltung und den Rettungsorganisationen – bei „Red Storm Charlie“ auch die Unternehmen der privaten Wirtschaft in die Übung einbezogen werden. Die Bundeswehr wird neben rund 500 Soldatinnen und Soldaten eine ungenannte Anzahl von Fahrzeugen und auch Hubschrauber einsetzen. Auf rund 60 habe sich die Zahl der beteiligten zivilen Organisationen im Vergleich zu 2025 „deutlich erhöht“, teilt das Landeskommando mit. „Red Storm Charlie“ basiert auf dem 2024 von der Bundeswehr vorgelegten und seither weiterentwickelten, geheimen „Operationsplan Deutschland“.

Das logistische Zentrum für „Red Storm Charlie“ ist Deutschlands größter Seehafen Hamburg, wie schon bei den Übungen 2024 und 2025. Immer deutlicher wurde in den vergangenen beiden Jahren, dass sich die Nato mit Übungen wie diesen nicht nur auf einen klassischen Spannungs- oder Verteidigungsfall vorbereiten muss, auf die Verlegung Hunderttausender Soldaten mit ihrem Kriegsgerät an die Ostflanke der Nato. Eine mögliche militärische Konfrontation des Bündnisses mit Russland hat eine lange und stufenlose Vorphase – man nennt sie „hybriden Krieg“, eine trübe Melange aus Sabotage, Cyberattacken und Desinformation im öffentlichen Raum. Spätestens seit den missglückten Attacken mit sprengstoffbeladenen Drohnen am Flughafen Leipzig/Halle Anfang August ist klar, dass Deutschland als Unterstützer der Ukraine auch direkt im Fokus der russischen hybriden Kriegsführung steht.

Der Hamburger Hafen und insgesamt die deutschen Seehäfen sind aus Sicht der Wirtschaft ein hochgradig gefährdeter Teil der kritischen Infrastruktur. „Die Bedrohungslage für die deutschen Seehäfen hat sich deutlich verschärft“, sagte Florian Keisinger, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS), der WELT AM SONNTAG. „Sie sind für Cyberangriffe, Spionage, Sabotage und hybride Attacken besonders relevante Ziele, weil hier Energieversorgung, internationale Lieferketten, Industrie und zunehmend auch militärische Logistik zusammenkommen. Gleichzeitig können Störungen an einzelnen Punkten schnell Auswirkungen weit über das Hafengelände hinaus haben.“ Die deutschen Seehäfen seien „hochvernetzte Systeme. Genau das macht sie leistungsfähig – aber auch angreifbar.“ Nach den Drohnenfunden am Flughafen Leipzig/Halle legte der ZDS im August einen Zehnpunkteplan „für den Schutz kritischer Infrastrukturen in Luft und Wasser“ vor, mit Forderungen für eine bessere Drohnenabwehr, den effektiveren Einsatz von Künstlicher Intelligenz und die engere Vernetzung staatlicher und zivilwirtschaftlicher Akteure.

Die Hamburger Hafenwirtschaft teilt die Einschätzung des ZDS. „Der Hamburger Hafen ist als kritische Infrastruktur ein zentraler Knoten nationaler und globaler Lieferketten, sodass Störungen weit über den Hafen und die Metropolregion hinaus erhebliche Auswirkungen haben“, sagt Norman Zurke, Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbandes Hafen Hamburg (UVHH). „Die Hafenwirtschaft und der Senat sind sich dieser Bedeutung und Verantwortung bewusst und tun alles dafür, um den Hafen vor Sabotage zu schützen. Hafeninfra- und Suprastrukturen sind hochgradig digitalisiert und auf vernetzte IT- und OT-Systeme angewiesen.“ Neben Cyberbedrohungen gewinnen aus Zurkes Sicht hybride Risiken an Bedeutung: „Die Hauptgefahr besteht gegenwärtig in Cyberattacken, gleichwohl ist die gesamte Logistikbranche bereits heute auch von Sabotage betroffen.“

Die Hafenverwaltung Hamburg Port Authority (HPA) arbeitet seit Jahren an einem verstärkten Schutz des Hafengebiets. Sie gibt über die Mittel dazu aber kaum etwas preis, um Saboteuren aus einem staatlichen oder auch privatkriminellen Umfeld möglichst keine Hinweise zu liefern. „Wir verfolgen bei der HPA die Strategie der vorausschauenden Sicherheit – predictive security. Diese hat sich uneingeschränkt bewährt. Wir versuchen permanent, unsere Schwachstellen auf allen Ebenen zu finden, um täglich die Sicherheit ein Stückchen besser zu machen“, sagt Karsten Schönewald, Chief Security Officer der HPA. „Zudem nutzen wir beim Umgang mit Risiken unser internationales Netzwerk und stehen unter anderem mit unseren Partnerhäfen wie Barcelona, Singapur und Los Angeles im ständigen Austausch. Wir arbeiten mit unserem Security Operating Center mit anderen Häfen und Unternehmen in einem sogenannten ,Collective Defense‘ zusammen. Ein Netzwerk, welches sich untereinander abstimmt und sich gegenseitig hilft.“

Wesentlichen Lern- und Nachholbedarf gibt es vor allem in einer engeren Vernetzung zwischen den vielen Akteuren im komplexen Gesamtsystem Hafen. „Der Schutz des Hamburger Hafens ist eine gemeinsame Aufgabe. Deshalb ist es entscheidend, dass sich alle Partner entlang der Lieferkette aktiv für ihre eigene Cyberresilienz engagieren und eng zusammenarbeiten“, sagt Schönewald. „Cyberbedrohungen sind real und betreffen Unternehmen jeder Größe. Umso wichtiger ist es, Risiken nicht zu unterschätzen oder zu verdrängen.“ Ebenso wichtig ist aus Sicht des Sicherheitsexperten „ein offener Austausch über Angriffe und Sicherheitsvorfälle. Falsche Scham hilft niemandem – im Gegenteil: Wer Erfahrungen teilt, kann andere frühzeitig warnen, das gemeinsame Lagebild verbessern und dazu beitragen, dass sich ähnliche Angriffe künftig besser verhindern oder schneller bewältigen lassen.“

Norman Zurke vom Verband UVHH stellt fest, dass vieles bereits erreicht wurde, um die relevanten Hafenakteure aus den unterschiedlichen gesellschaftlichen Sphären enger zusammenzubringen – und dass für die Beteiligten dennoch weiterhin viel zu tun bleibt: „Sicherheit kritischer Infrastruktur ist eine gemeinsame Aufgabe von Staat und Wirtschaft, bei der dem Staat vor allem hoheitliche Schutz- und Sicherheitsaufgaben zukommen, während die Wirtschaft insbesondere für den operativen Schutz, die Resilienz ihrer Anlagen und die Umsetzung technischer Sicherheitsmaßnahmen verantwortlich ist“, sagt er. „Dabei investieren die Hafenbetriebe bereits erhebliche Mittel in IT-Sicherheit, Zugangsschutz, Schulungen und Krisenmanagement. Unternehmen und öffentliche Hand können aber sicherlich noch stärker beim Austausch von Sicherheitsinformationen und Best Practices zusammenarbeiten.“

Den Staat sieht Zurke dabei auf allen Ebenen weiterhin in der Pflicht: „Da der Schutz kritischer Infrastruktur eine gesamtstaatliche Aufgabe ist, sollte sich der Bund auch stärker an den damit verbundenen notwendigen Investitionen beteiligen. Nur so lassen sich umfassende Sicherheitsmaßnahmen zügig und in der nötigen Tiefe umsetzen“, sagt er. „Der Schutz des Hamburger Hafens muss ohnehin als Daueraufgabe verstanden werden.“

Aus Sicht des ZDS bieten sich die Seehäfen wegen des Bedrohungspotenzials und wegen der Komplexität ihrer Infrastruktur als „Modellregion“ geradezu an, um die Abwehr hybrider Angriffe aus dem Wasser, zu Land und in der Luft umfassend zu verbessern. Der Bund nehme die Bedrohung ernst, doch aus Sicht des Verbandes muss ein besserer Schutz der kritischen Infrastruktur deutlich beschleunigt werden: „Die Vorfälle der vergangenen Wochen in Leipzig, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und anderswo zeigen sehr deutlich, dass die vorhandenen gesetzlichen Regelungen trotz wichtiger Fortschritte den Realitätstest noch nicht bestehen“, sagt Florian Keisinger. Die größte Schwachstelle liege weiterhin zwischen dem Erkennen einer Bedrohung und der tatsächlichen Reaktion: „Bei einem hybriden Angriff bleiben häufig nur 60 bis 90 Sekunden Reaktionszeit. Bis die zuständigen Behörden vor Ort eingreifen können, ist eine Drohne oftmals bereits wieder verschwunden oder hat ihren Auftrag abgeschlossen“, sagt Keisinger. „Diese Lücke muss geschlossen werden.“

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften. Zu seinen Schwerpunktthemen zählen auch die Rüstungsindustrie und die Bundeswehr im Norden.

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