Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt blicken viele Unternehmen mit Sorge auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD. Besonders der Fachkräftemangel und ein Ausbleiben weiterer Reformen beschäftigen die Wirtschaft. Gleichzeitig warnten mehrere ​Verbände am Montag vor einer Politik der Abschottung. Ein Überblick:

+++Alle Entwicklungen zur Wahl in Sachsen-Anhalt in unserem Live-Ticker+++

Handwerkspräsident: „Sehnsucht nach starker Hand entsetzt mich persönlich“

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Jörg Dittrich, sieht nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt in dem um sich greifenden Populismus insgesamt das Problem, nicht nur in dem einer Partei. „Auch andere Parteien in diesem Land setzen auf einfache Antworten. Deswegen ist die schwarz-rote Koalition in Berlin am Zug, Reformen anzuschieben, die das Wachstum der Wirtschaft spürbar stimulieren“, sagte Dittrich gegenüber WELT. Menschen hätten Sorgen, dass ihre Zukunft schlechter wird, dass sich Leistung nicht mehr lohnt, und sie trotz Anstrengung nicht vorankommen. „Wenn wir diese Sorgen und Ängste entkräften wollen, müssen wir wieder für Wachstum sorgen.“

Dittrich stammt aus Dresden und führt dort einen großen Dachdeckerbetrieb. „Als jemand, der in der DDR groß geworden ist, entsetzt mich persönlich die erkennbare Sehnsucht so vieler Menschen nach der starken Hand und zentraler Führung. Die Geschichte hat doch oft genug gezeigt, dass das noch nie gut ausgegangen ist“, sagte Dittrich. Er verstehe sich als Präsident aller Handwerker, sagte er – auch der 16 Prozent der Beschäftigten im Handwerk, die einen ausländischen Pass haben. „Das Handwerk ist mit Vielfalt, Fleiß, Innovation und Weltoffenheit stark geworden. Diese Haltung ist Konsens im Handwerk“, sagte er.

Busch: „Weder gut für Deutschland noch für Siemens“

Siemens-Chef Roland Busch äußerte sich kritisch gegenüber WELT in einem Gespräch kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt vor einer Regierungsbeteiligung der AfD. Auf die Frage, was diese für deutsche Unternehmen bedeuten würde, sagte der 61-Jährige: „Als Land und als Unternehmen profitieren wir von Offenheit. Wir müssen ein Unternehmen und ein Land sein, das Menschen willkommen heißt, die hierherkommen, arbeiten und einen Beitrag leisten wollen.“ Man müsse die besten Talente der Welt gewinnen und sie dazu „bewegen, zu uns zu kommen, und dafür sorgen, dass sie sich wohlfühlen“. Ohne wörtlich die AfD zu erwähnen, sagte Busch: „Alles, was in die entgegengesetzte Richtung geht, ist weder gut für Deutschland noch für Siemens.“

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sorgt weltweit für Aufsehen: Internationale Medien berichten über die hohen Wahlergebnisse der AfD und diskutieren mögliche Folgen für Deutschland. WELT-Reporterin Mariella Sonntag berichtet.

Pharma: Zukünftige Produktion erheblich erschwert

Die Pharmaindustrie reagiert mit Sorge auf das Ergebnis der Landtagswahl: „Die Pharmabranche ist darauf angewiesen, die besten Köpfe ungeachtet ihrer Herkunft beschäftigen zu können“, erklärte Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin des Branchenverbandes Pharma Deutschland. Ohne ein „weltoffenes gesellschaftliches Klima“ werde „die zukünftige Pharmaproduktion nicht nur erheblich erschwert, sondern auch neue Ansiedlungen und Investitionen unwahrscheinlicher“.

Verbände: „Politik der Abschottung führt in die Irre“

Der Industrieverband BDI forderte ein Festhalten an der Reformpolitik: „Die Antwort auf dieses Landtagswahlergebnis darf kein politischer Stillstand im Bund sein“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner dem RND. Die politische Mitte müsse zeigen, dass sie handlungsfähig sei.

Der Handelsverband HDE teilte mit, die Wirtschaft sei auf einen funktionierenden EU-Binnenmarkt und Freizügigkeit angewiesen. „Eine Politik der Abschottung und der Ausgrenzung führt in die Irre“, sagte HDE-Präsident Alexander von Preen. „Ich befürchte hohen Schaden für den Standort Deutschland, wenn potenzielle Fachkräfte aus dem Ausland nun davor zurückschrecken, zu uns zu kommen.“

Der Maschinenbauerverband VDMA Ost verwies auf die demografischen Herausforderungen: „Sachsen-Anhalt hat die älteste Bevölkerungsstruktur in Deutschland.“ Fachkräftesicherung auch aus dem Ausland sei nicht nur eine „langfristige Zukunftsfrage, sondern eine akute Aufgabe zur Standortsicherung“.

Der Präsident der Industrie- und Handelskammer (DIHK), Peter Adrian, nahm die Bundesregierung in die Pflicht. „Wir brauchen jetzt keine neue Analyse, sondern bis Jahresende eine wirksame Umsetzung der Entscheidungen, die unsere Wirtschaft wettbewerbsfähiger und zukunftsfester machen.“

„Wir brauchen Fachkräfte aus dem In- und Ausland und profitieren von einem geeinten Europa“, erklärte auch der Geschäftsführer des TÜV-Verbands, Joachim Bühler. Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt ändere nichts daran, dass „eine moderne Umwelt- und Klimapolitik, die Antriebswende, erneuerbare Energien und digitale Technologien die Zukunft Deutschlands und Sachsen-Anhalts sind“.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Andreas Macho ist WELT-Wirtschaftsreporter.

Karsten Seibel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet unter anderem über Haushalts- und Steuerpolitik.

Thore Barfuss ist Leitender Redakteur im Wirtschaftskompetenzcenter. Zuvor war er unter anderem als Executive Editor beim Magazin FOCUS tätig und Nachrichtenchef bei WELT.

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