Um zu verstehen, wer Klaus-Michael Kühne war, was ihn als Mensch von früher Kindheit an ausgemacht und geprägt hat, ist eine scheinbar belanglose Episode aufschlussreich, die ein Freund der Familie Jahre später erzählt: Der Bekannte von Vater Alfred Kühne ist damals zu Besuch in dem Familienhaus an der Hamburger Nobeladresse Bellevue, als er noch vor dem Haus einem fremden Jungen gegenübersteht. „Ach, bist du ein Freund vom kleinen Klaus-Michael?“, fragte er den Kleinen. Der Bub antwortet: „Nein, aber der Klaus-Michael hat immer so schöne Schokolade.“

Klaus-Michael Kühne ist damals noch ein Schuljunge. Doch sein strenger Vater hat schon Großes mit ihm vor und lässt dem Jungen wenig Raum. Details aus der Kindheit, Jugend oder Sturm-und-Drang-Zeit als junger Mann sucht man in seinem Lebenslauf vergebens. Klaus-Michael Kühne akzeptierte das vorgezeichnete Leben. Später, in den Jahrzehnten des Firmenauf- und -ausbaus, macht er es zur eigenen Wahl.

Anerkennung sucht Kühne mit seinem privaten finanziellen Engagement, sei es als Sponsor des Fußballvereins HSV, als Stifter und Förderer medizinischer Einrichtungen in Deutschland und der Schweiz oder als Investor der einstmals notleidenden Reederei Hapag-Lloyd. Den größten Erfolg hat er jedoch mit seinem Weltkonzern Kühne + Nagel, der seit vielen Jahren als Maßstab der Logistikbranche gilt.

An diesem Montag ist Klaus-Michael Kühne im Alter von 89 Jahren gestorben. Nachfahren gibt es nicht. Seinen Mehrheitsanteil an dem Logistikkonzern sowie Anteile an Hapag-Lloyd oder Lufthansa übernimmt eine Stiftung. Forschung in der Medizin sowie Ausbildung in der Logistik sind deren wesentliche Fördergebiete.

Kühne hatte Ecken und Kanten. Er möge keine halben Sachen, lieber sage er seine Meinung, beschrieb er seine Haltung. Seiner Leistung als Unternehmer zollen Beobachter und Weggefährten Respekt. Die Basis seines Erfolgs war ein konsequenter Führungsstil. Dabei tauschte Kühne Manager aus und gab klar den Ton an. Erst in seiner zweiten Lebenshälfte änderten sich manche Sicht und auch die Lebensweise. Mit seiner Frau Christine Kühne an seiner Seite kamen Genuss, Luxus und Gelassenheit in sein Leben. Zum Zeitpunkt der Eheschließung war er schon 52 Jahre alt.

Mitten in das Regime der Nationalsozialisten hinein wird Klaus-Michael Kühne im Juni 1937 in Hamburg geboren. Als Junge besucht er die Heinrich-Hertz-Oberschule am Stadtpark. Wolf Biermann ist einer seiner Klassenkameraden. Ein halbes Jahrhundert später werden sie den Kontakt wieder aufnehmen und sich trotz aller Unterschiede wertschätzen.

Früh ist klar, dass Kühne seinem Vater nachfolgen wird

So wie es sich für den Sohn eines Kaufmanns gehört, absolviert Kühne nach dem Abitur in der Hansestadt eine Lehre bei der damaligen Privatbank Münchmeyer und Cie. Später sagt Kühne einmal, er hätte danach gern Betriebswirtschaft oder Jura studiert.

Doch von Anfang an ist klar, dass der Sohn dem Vater an der Spitze der Familienfirma nachfolgen wird. Sein Großvater August Kühne hatte die Speditionsfirma im Jahr 1890 zusammen mit dem Geschäftspartner Friedrich Nagel in Bremen gegründet. Rasch wird Kühne mit 26 Jahren persönlich haftender Gesellschafter im Unternehmen, mit 29 Jahren ist er Vorstandsvorsitzender von Kühne + Nagel. Stück für Stück macht er aus der mittelständischen Spedition mit Schwerpunkt in Norddeutschland einen internationalen Logistikkonzern. Heute arbeiten dort gut 85.000 Mitarbeiter in rund 100 Ländern.

Die hohen Gewinne, für die das Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten bekannt ist, sind nicht immer Kühnes Markenzeichen gewesen. Im Gegenteil: Als er 1970 die Reederei Scalottas gründet und fünf große Frachtschiffe erwirbt, riskiert er die Pleite der gesamten Unternehmensgruppe. Die Ölkrise von 1973 macht die Schifffahrtsfirma wertlos. Kühne muss seinen Transportkonzern zur Hälfte an die britische Lonrho-Gruppe verkaufen. Erst 1992, als die Schifffahrtstochter längst abgewickelt ist, kann Kühne die Anteile von den Briten wieder zurückkaufen.

Mit der Verlegung des Firmensitzes in die Schweiz, die sein Vater angeblich aus Sorge vor einer unternehmensfeindlichen Politik im Deutschland der 1970er‑Jahre auslöste, zieht Kühne nach Schindellegi an den Zürichsee. Er bestreitet nie, dass die Schweizer Steuergesetze ebenso Argumente für den Ortswechsel geliefert haben. Dennoch bleibt die Verbindung zur Geburtsstadt Hamburg eng. Ein Zeichen dafür ist die Gründung und Ausstattung der Kühne School of Logistics in der Hafenstadt. „Meine Heimat ist ganz klar Hamburg. In der Schweiz bin ich ein Gast. Ich habe die Nationalität nicht gewechselt“, sagt Kühne einmal im persönlichen Gespräch.

Im Jahr 1998 wechselt Kühne in den Verwaltungsrat und gibt die Tagesarbeit als Konzernchef in die Hände von Klaus Herms. Als Verwaltungsratspräsident nach dem Schweizer Modell behält er sich alle wichtigen Entscheidungen vor. Das ändert sich erst 2011, als Kühne den Posten abgibt und lediglich noch als Mitglied in dem Kontrollgremium verbleibt. Drei Jahre davor beteiligt sich Kühne als Privatinvestor an der damals notleidenden Containerreederei Hapag-Lloyd. „Ich möchte etwas zurückgeben. Die Reederei sollte in Hamburg bleiben. Ich tue etwas für mein Heimatland“, begründet er damals sein Engagement.

Kühne bleibt oft kritisch den Dingen gegenüber und teilt schon mal aus. Als Konkurrenten sind die Deutsche Bahn und die Deutsche Post seine Lieblingsfeinde, weil sie seiner Meinung nach als Staatsunternehmen ungerechtfertigte Vorteile nutzen. „Dieser Gigant müsste eigentlich eine viel größere Wertschöpfung haben und mehr Geld verdienen. Vielleicht belasten die vielen Veränderungen und Programme den Konzern“, sagt Kühne einmal über die Deutsche Post. Auch die Bahn bekam ihr Fett weg. „Die Deutsche Bahn ist kein effizientes Unternehmen. Der Güterverkehr ist notleidend. Es war ein Fehler, dass die Bahn Schenker übernommen hat. Das hat nie richtig gut funktioniert“, ließ sich Kühne einmal über den Bahnkonzern aus. Inzwischen hat die Deutsche Bahn Schenker tatsächlich wieder verkauft.

Treibende Kraft hinter der Lufthansa-Reform

Zuletzt hat sich Kühne auch als Großaktionär der Lufthansa stark eingebracht. Er erhöhte erst kürzlich seinen Anteil auf 20 Prozent, äußerte immer wieder Kritik, wenn ihm die Entwicklung des Luftfahrtkonzerns in die falsche Richtung zu gehen schien, und gilt als treibende Kraft hinter einer tiefgreifenden Strukturreform bei der Lufthansa.

Im eigenen Haus ist Kühne bekannt dafür, auf Details und Sparsamkeit zu achten. Eine Zeit lang nahmen Mitarbeiter auf Dienstreisen Geschäftspost mit, statt sie der Post anzuvertrauen. „Damals waren das noch beachtliche Mengen und die Post war viel langsamer als heute. Ich wollte meine Mitarbeiter richtig erziehen, dann bin ich eben auch mal unbequem“, lautete Kühnes Begründung. Geschadet hat es dem Geschäft von Kühne + Nagel offensichtlich nicht. Kein anderer Spediteur von Seefracht oder Luftfracht verdient über Jahre hinweg so viel Geld wie der Schweizer Konzern.

Über sein Leben sagt Kühne einmal, dass es viele Jahre lang sehr einseitig verlaufen sei. Er habe sich bei der Arbeit gut gefühlt und sie an sich gerissen. Erst nach der Hochzeit habe er gelernt, dass es schönere Seiten gebe. „Und natürlich hat ein Familienleben bei mir gefehlt. Ich habe wie verrückt gearbeitet und es versäumt, eine Familie zu gründen“, sagt er einmal in einem persönlichen Rückblick. Doch die Zeiten seien jetzt anders: „Ich suche ein bisschen das Abenteuer und gehe nicht immer ganz so rational vor wie früher.“

In den vergangenen Jahren ist Kühne öfter in Hamburg gewesen, mit seiner Frau Christine logierte er stets an der Alster. Als das Hotel geschlossen wurde, kaufte Kühne die Immobilie, ließ sie abreißen und baute an der Stelle das Luxushotel The Fontenay. Auf Mallorca hat das Paar ein Haus über der Hafenstadt Port d'Andratx. Ebenfalls auf der Mittelmeerinsel in der Nähe von Calvià erfüllt sich Kühne einen Traum und macht aus dem 600 Jahre alten Castell Son Claret ein Landhotel, umgeben von Mandelbäumen und Bergfelsen.

Lange Jahre blieb der Fußballverein Hamburger SV seine Leidenschaft. Kühne steckte zweistellige Millionen-Euro-Beträge in den Verein und achtete bei Spielerkäufen auf eine mögliche Rendite – auch wenn die in kaum einem einzigen Fall eintrat. Bei vielen HSV-Anhängern war er umstritten. Um seine eigene Lebensgeschichte abzurunden, erwarb Kühne für die Spielstätte des HSV den Namen „Volksparkstadion“ zurück. Schließlich hat er als Junge und Jugendlicher in dem Stadion kein Heimspiel verpasst.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.

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