Der Abbau von Arbeitsplätzen in der deutschen Industrie geht ungebremst weiter. Nachdem die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe binnen eines Jahres um 144.100 auf 5,29 Millionen gesunken ist, rechnen Ökonomen nicht mit einer baldigen Trendwende.

Der Niedergang trifft vor allem die Autoindustrie. Dort ist die Zahl der Mitarbeiter laut Statistischem Bundesamt (Destatis) auf den Stand von 2005 gefallen. Zum Stand Ende Juni zählte die Branche demnach 691.500 Mitarbeiter. Weitere Personalkürzungen sind bereits angekündigt.

Das Beschäftigungsbarometer des Münchener Ifo-Instituts, ein Index auf Basis von Unternehmensbefragungen, zeigt seit Monaten an, dass die Industriefirmen weiter Arbeitsplätze streichen wollen. „Im Moment gibt es keine Anzeichen, dass der Abbau endet“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Befragungen. Die Indexwerte für die Industrie liegen seit fast zwei Jahren unter den Aussichten anderer Wirtschaftsbereiche.

Nicht nur die Autoindustrie ist vom Jobabbau betroffen

Am Bau und im Dienstleistungssektor ist die Stimmung weniger schlecht. Zuletzt hatte es sogar positive Konjunktursignale für die Industrie gegeben, die Auftragseingänge waren gestiegen und die Produktion wuchs. „Aber ob das schon eine nachhaltige Trendwende war, bleibt abzuwarten. Der Abbau ist relativ kontinuierlich und wird sich erst mal fortsetzen“, sagt Wohlrabe. Konzerne wie Volkswagen oder Bosch bauen Stellen nach und nach ab, über die natürliche Fluktuation, Abfindungsprogramme oder Renteneintritte.

Auch andere Industriebereiche sind von dem Abbau betroffen. Besonders stark sind die Jobverluste neben dem Autosektor in der Metallerzeugung, der Herstellung von Metallerzeugnissen und in der Chemieindustrie. Die Betriebe produzieren weniger und brauchen daher auch weniger Mitarbeiter. Im Ergebnis gehen pro Monat mehr als 10.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren. Allein im Juni waren es laut Destatis 12.128 gestrichene Jobs.

Besonders in der Autoindustrie erwartet der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) keine Trendwende. „Die Produktion in der deutschen Automobilindustrie liegt heute um 25 Prozent niedriger als vor Corona“, sagt er. Seit 2024 sinke die Beschäftigung. „Dies ist kein vorübergehender konjunktureller Effekt, sondern Ergebnis einer strukturellen Erneuerungskrise: Während etablierte Bereiche unter Druck geraten, sinken die Investitionen, liegen die neu geschaffenen Stellen auf Tiefststand und gibt es in der Industrie so wenige Gründungen wie noch nie“, sagt Weber.

Zu den Ursachen für den Niedergang zählen die starke Konkurrenz aus China, die Zölle von US-Präsident Donald Trump und die Strukturprobleme im Inland. Autos werden nach China kaum noch exportiert, dagegen drängen Konkurrenten von dort mit billigen und qualitativ hochwertigen Modellen auf den hiesigen Markt.

Auch auf dem Weltmarkt treten chinesische Unternehmen nun als Konkurrenten auf – mit viel niedrigeren eigenen Kosten. „Der deutsche Mittelständler konnte früher seine vergleichsweise hohen Lohnkosten leichter kompensieren, weil er einzigartige Produkte auf dem Weltmarkt angeboten hatte. Das ist heute schwieriger geworden“, sagt Wohlrabe.

Aus der Metallindustrie kommen angesichts der Zahlen Forderungen nach Reformen. „Der Beschäftigungsrückgang in der Metall- und Elektro-Industrie ist dramatisch“, sagt Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Die Bundesregierung müsse den eingeschlagenen Reformkurs „ohne Wenn und Aber beherzt fortsetzen. Die Standortkosten müssen sinken, Bürokratie abgebaut und die Sozialversicherungsbeiträge auf 40 Prozent zurückgeführt werden“, fordert er. „Erst wenn die Kosten sinken, werden Investitionen für die Unternehmen wieder attraktiver und somit Arbeitsplätze gesichert.“

„Auf den Erfolgen ausgeruht“

Reformen allein werden aber nicht ausreichen. Die Wirtschaftspolitik könne zwar unterstützend helfen, etwa durch Bürokratieabbau und Steuersenkungen, sagt Ifo-Ökonom Wohlrabe. „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich manches Unternehmen auf den Erfolgen ausgeruht hat und jetzt im Wettbewerb zurückgefallen ist. Man darf sich aber keine Illusion machen, über Lohnkosten werden wir nicht Marktanteile gewinnen. Das geht über Innovation und mehr Risikobereitschaft.“ Die Unternehmen müssten den Strukturwandel aktiv angehen.

Ähnlich sieht es Weber: „Für eine Trendwende kommt es heute darauf an, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, Innovationen zu erbringen und neue Industriejobs zu schaffen“, sagt er. Anderenfalls werde sich der Stellenabbau fortsetzen. Eine „Erneuerungskrise“ könne man nicht „durchhalten“ wie 2009 nach der Weltfinanzkrise, als die Exportnachfrage kurzfristig wegbrach.

Der Ökonom sieht neue industrielle Potenziale in der Kombination von Robotik und KI, bei erneuerbaren Energien, moderner Infrastruktur, neuen Produktionstechnologien oder auch Verteidigung. „Deindustrialisierung ist kein Automatismus“, sagt Weber. In den genannten Bereichen würden oft die gleichen Grundqualifikationen benötigt wie im Maschinenbau, der Metall- und Elektroindustrie. „Deshalb kommt es auf Bewegung im Arbeitsmarkt an, die mit Paketen aus Beratung, Vermittlung und Qualifizierung sowie einer Förderung von Abfindungen bei Jobwechsel unterstützt werden sollte.“

Allerdings hat der Arbeitsmarkt seine Grenzen. Der demografische Wandel schlägt dort gerade mit voller Wucht zu, die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter sinkt. Trotz der massenhaften Stellenstreichungen in der Industrie ist die Arbeitslosigkeit insgesamt kaum gestiegen – weil viele Beschäftigte direkt in Rente gehen. Aktuell sind drei Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Gravierender ist aber die Entwicklung der Beschäftigtenzahl. Ende Juni waren laut Bundesregierung in Deutschland 225.000 Personen weniger erwerbstätig als ein Jahr zuvor.

„Der Ende 2025 begonnenen leichten konjunkturellen Belebung stehen Herausforderungen des demografischen und strukturellen Wandels entgegen, die die Entwicklung am Arbeitsmarkt dämpfen. Angesichts der Unsicherheit durch die anhaltenden geopolitischen Spannungen im Nahen Osten dürfte sich die Lage am Arbeitsmarkt auch in den kommenden Monaten daher kaum verbessern“, heißt es im monatlichen Lagebericht des Bundeswirtschaftsministeriums.

Die schrumpfende Zahl der Beschäftigten ist gesamtwirtschaftlich ein großes Problem. „Grundsätzlich gilt: Wir brauchen Arbeitskräfte, um Wachstum zu erzeugen“, sagt Wohlrabe. Wenn weniger produziert werden kann, sinkt der Wohlstand im Land. Die Hoffnung liegt im technologischen Fortschritt, vor allem in der Anwendung von KI. In einem positiven Szenario könnte die KI den Rückgang der Beschäftigten durch Produktivitätssteigerungen auffangen, meint Wohlrabe, der Wohlstand sinke dann nicht. Momentan lasse sich diese Entwicklung aber nicht seriös prognostizieren.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Daniel Zwick ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.

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