Selten sind Arbeitszeiten ein Thema, das ganze Städte bewegt. In Wolfsburg war das Mitte der 1990er-Jahre anders: Als Volkswagen die festen Schichtzeiten abschaffte, habe das zu „dramatischen Veränderungen im Lebensrhythmus nicht nur der Arbeitnehmer, sondern auch der ganzen Stadt Wolfsburg mit ihren rund 125.000 Einwohnern geführt“, wie WELT damals berichtete. Die Staus zu den Schichtwechseln verschwanden, selbst der Fahrplan des Nahverkehrs musste angepasst werden.

Eine Stadt bewegt sich im Rhythmus der Schichtarbeiter. Eine solche Sichtbarkeit ist jedoch die Ausnahme. 14,6 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland arbeiteten 2025 laut Eurostat im Schichtdienst – rund sechs Millionen Menschen. Nach der Definition des Bundesarbeitsgerichts liegt Schichtarbeit vor, wenn sich mehrere Beschäftigte an einem Arbeitsplatz nach einem festen zeitlichen Plan abwechseln.

Mit diesem Anteil liegt Deutschland unter dem EU-Durchschnitt von 17,4 Prozent. Besonders verbreitet ist Schichtarbeit in mehreren Balkanstaaten: Serbien verzeichnet mit 38,7 Prozent den höchsten Wert, gefolgt von Bosnien und Herzegowina mit 36,1 Prozent. Dazu trägt unter anderem der dort traditionell eher hohe Anteil produzierender Betriebe bei.

Meist halten Schichtarbeiter kritische Infrastrukturen und industrielle Produktion am Laufen, ohne dass ihre Arbeit besonders sichtbar ist. Dabei nehmen viele von ihnen erhebliche gesundheitliche Belastungen in Kauf. „Die Arbeit zu wechselnden und/oder atypischen Zeiten belastet die Sicherheit und Gesundheit sowie das Privatleben der Beschäftigten“, schreibt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Kurzfristig steige unter anderem das Risiko für Arbeitsunfälle, langfristig drohten gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Die BAuA untersucht regelmäßig Arbeitsbedingungen und Gesundheitszustand von Beschäftigten mit und ohne Schichtarbeit. Laut der jüngsten, 2025 veröffentlichten Erhebung bewerteten im Jahr zuvor nur 23 Prozent der Schichtarbeiter ihren Gesundheitszustand als „sehr gut“ oder „ausgezeichnet“, gegenüber 34 Prozent der Beschäftigten ohne Schichtarbeit.

Beschwerdefrei hinsichtlich psychosomatischer Beschwerden waren 32 Prozent der Beschäftigten ohne Schichtarbeit, aber nur 26 Prozent der Schichtarbeiter und lediglich 19 Prozent derjenigen mit Nachtdiensten. Nachtarbeit kommt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes besonders häufig in der Luftfahrtbranche und bei Wach‑ und Sicherheitsdiensten sowie in der Metallerzeugung und -bearbeitung vor.

Die Studie zeigt, dass Schichtarbeiter unter besonderer Belastung stehen, sowohl hinsichtlich der äußeren Arbeitsumstände als auch hinsichtlich der körperlichen und psychischen Anforderungen. Rund jeder Zweite ist häufig Lärm ausgesetzt – bei Beschäftigten ohne Schichtdienst sind es 23 Prozent. Außerdem arbeiten Erstere deutlich häufiger im Stehen und müssen öfter mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen.

Die BAuA kommt zu dem Schluss: „Wer nachts und in Schicht arbeitet, lebt sowohl gegen den zirkadianen Rhythmus – die ‚innere Uhr‘ – als auch gegen die in unserer Abend- und Wochenendgesellschaft vorherrschenden sozialen Rhythmen.“ Denn dass sich das Umfeld den Anforderungen des Schichtdienstes anpasst, bleibt in unserer Gesellschaft die Ausnahme.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

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