Steffen Bilger lässt es so aussehen, als ob er den Job des Verkehrsministers schon seit einiger Zeit macht. Da werden auf der Sommerreise in Schleswig-Holstein Hände geschüttelt, es wird für Fotos posiert, kleine Reden werden gehalten und es wird sich für die gute Arbeit vor Ort bedankt. Bilger trägt einen Helm unter der Rader-Hochbrücke am Nord-Ostsee-Kanal oder setzt sich auf einer autonom fahrenden Fähre in Kiel eine Kappe auf den Kopf.

Auf seiner ersten größeren Reise als Bundesverkehrsminister erlebte Steffen Bilger mit der Deutschen Bahn gleich mehrere Pannen. „Bilger hat es ganz stoisch genommen“, sagt „Politico“-Korrespondent Rasmus Buchsteiner.

Meist hat er dabei ein Lächeln auf den Lippen. Der Minister von nebenan, der Small Talk hält. Er ist rhetorisch gewandter und wirkt bei seinen Auftritten nicht so steif wie sein geschasster Vorgänger Patrick Schnieder (CDU), von dem er den Großteil der Termine auf der Sommerreise geerbt hat. Genauso wie die vielen Baustellen auf den deutschen Straßen und Schienen, um die er sich nun kümmern muss.

Viel Zeit zur Eingewöhnung bleibt dem Minister ohnehin nicht. Es ist viel Druck, der auf ihm lastet. Anmerken wird man ihm das auf seiner Tour entlang der wichtigen Verkehrsträger Straße, Wasser und Schiene nicht. Dabei gibt es für den Minister viel zu tun: Die Niedrigwasserpegel der deutschen Flüsse gefährden die Lieferrouten. Bilger hat kurzerhand das Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw einkassiert. Dann kam es auch noch zum Drohnenvorfall am Leipziger Flughafen. Eine mit Sprengstoff beladene Drohne wurde unweit ukrainischer Frachtflugzeuge entdeckt. Der Minister sprach sich für einen besseren Schutz der Flughäfen aus und will schneller nachrüsten. Zeit zum Durchatmen bleibt nicht.

Bilgers alter Vorgesetzter hieß Andreas Scheuer

Einen Vorteil hat Bilger ohnehin: Er kennt die Flure des Verkehrsministeriums. Von 2018 bis 2021 war er hier Parlamentarischer Staatssekretär. Doch was man ihm vorher als Vorteil auslegt, wird auch zum größten Nachteil. Denn der Minister, unter dem Bilger damals arbeitete, hieß Andreas Scheuer (CSU). Und dessen Amtszeit geht vor allem durch das Scheitern der Einführung einer Pkw-Maut in Deutschland für ausländische Kraftfahrer in die Geschichte ein. Das Desaster kostete den Staat 243 Millionen Euro. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat mittlerweile wegen Falschaussage Anklage gegen den ehemaligen Minister erhoben.

Bilger richtet den Blick nach vorn. Den Namen Scheuer nimmt er auf seiner Reise nicht in den Mund. Zuletzt war er Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Von hier aus ernannte ihn Kanzler Merz im Rahmen seiner chaotischen Kabinettsumbildung zum neuen Verkehrsminister. Der Druck kommt also auch von oben. Bilger muss etwas anders machen, denn Merz war mit der Arbeit seines Vorgängers so unzufrieden, dass er ihn rauswarf, ohne einen konkreten Grund zu nennen.

Bilger war zudem nicht Merz’ erste Wahl. Stattdessen sollte es der Finanzpolitiker Fritz Güntzler (CDU) richten. Der sagte Merz jedoch denkbar kurzfristig ab und blamierte den Kanzler, der zwischenzeitlich ohne neuen Verkehrsminister dastand. Und trotzdem sagt die Nominierung Güntzlers etwas über den Arbeitsauftrag an Bilger aus: das Geld effizienter einsetzen – und auch dafür sorgen, dass privates Kapital in die Infrastruktur fließt.

Das wird auch der neue Minister wissen. Im Gespräch mit WELT sagt Bilger: „Ich kann auf vieles aufbauen, was Patrick Schnieder gemacht und angestoßen hat. Mein Auftrag ist klar: Das Geld, das für die Infrastruktur zur Verfügung steht, in die Umsetzung zu bringen.“

Sein größtes Sorgenkind dürfte dabei weiterhin die Deutsche Bahn sein. Im ersten Halbjahr kamen nur rund 60 Prozent der Fernverkehrszüge pünktlich an. Grund genug für Bilger, kurz vor seiner Sommerreise anzukündigen, dass sich die Bahn-Boni für Vorstände in Zukunft stärker an den Pünktlichkeitszielen orientieren werden. Bei der Bahn dürfte sein Vorstoß nicht gut angekommen sein, dort spricht man ohnehin lieber von variabler Vergütung als vom bösen Wort mit B.

Steffen Bilger (r., CDU) sitzt auf dem Kapitänssessel während der Fahrt mit der autonomen Fähre „MS Wavelab“ auf der Kieler Förde

Neu ist der Vorschlag allerdings nicht. Auch Schnieder hat in seiner Bahn-Agenda festgelegt, die Bonuszahlungen der Bahn-Vorstände zu überprüfen. Und auch die schlechten Ergebnisse der Korridorsanierungen wollte Schnieder unter die Lupe nehmen. Bilger nimmt auch hier die Fäden seines Vorgängers auf. Er bleibt jedoch ähnlich vage bei der Frage, was sich denn nun genau an dem Konzept ändern soll, bei dem wichtige Bahnstrecken monatelang gesperrt werden.

Dass es auf der Schiene nicht rund läuft, merkt er jedoch auf seiner Sommerreise selbst. Sein ICE in Berlin fährt mit rund 15 Minuten Verspätung ab. Das Personal kommt aufgrund einer zuvor verspäteten Fahrt nicht rechtzeitig am Zug an. Dann fällt auch noch die Klimaanlage im Wagen des Ministers aus. Er muss seinen Platz verlassen und wechselt – wie in seiner Politikerkarriere – von der zweiten in die erste Klasse. Immerhin: Am Ende holt der ICE den Großteil der Verspätung wieder auf.

Ein schlechtes Wort über die Bahnchefin Evelyn Palla verliert Bilger nicht. Die kritisierte zuletzt die „organisierte Verantwortungslosigkeit“ im früheren Bahnmanagement. An diesen Worten muss sie sich jetzt messen lassen. Bilger habe gleich am ersten Tag seines Amtsantritts ein Treffen mit der Bahnchefin gehabt. „Ich halte den Kurs, den sie im Management einschlägt, indem sie mehr Leistung fordert, für richtig“, sagt der Minister zu WELT.

Also, was läuft denn nun anders unter dem neuen Verkehrsminister? Bilger hat schnell bei drängenden Problemen wie dem deutschen Niedrigwasser entschieden. Nach nicht einmal zwei Wochen im Amt zeichnet sich jedoch noch keine klare Abgrenzung zu seinem Vorgänger ab. Ja, er will das Geld, das zur Verfügung steht, schneller und effizienter investieren, die Bahn auf Vordermann bringen, Brücken sanieren sowie autonome und klimafreundliche Verkehrsträger fördern. All das stand auch auf dem To-Do-Zettel von Patrick Schnieder. Am Ende hat der Kanzler die Geduld mit ihm – und vielleicht auch mit der deutschen Infrastruktur – verloren.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.

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